Die Bibel des Dalai Lama
Wenn der Dalai Lama in Zürich zu Tausenden spricht, lehrt er aus Shantidevas «Anleitungen auf dem Weg zur Glückseligkeit». Ein westlicher Kenner stellt diesen poetischen Klassiker des Buddhismus vor.
Von Stephen Batchelor
Ich möchte Sie bekannt machen mit einem indischen Text aus dem achten Jahrhundert namens «Bodhicaryavatara», was sich übersetzen lässt als «Anleitung zur Lebensführung eines Bodhisattva» und mit der etwas rätselhaften Figur seines Verfassers: Shantideva.
Über Shantideva weiss man nur sehr wenig. Was vorliegt, sind Bruchstücke einiger Legenden und das, was sein Werk selber über ihn verrät. Wenden wir uns zunächst den Legenden zu. Shantideva lebte demgemäss im siebten oder achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Nordindien, und von ihm heisst es, er sei ein Mönch gewesen an der Klosteruniversität von Nalanda. Die Mönche, die dort studierten, kamen nicht nur aus Indien, sondern von weit her, einige gar aus China.
Shantideva allerdings war kein durchschnittlicher Mönch. In der damals verbreiteten Klassifizierung fiel er unter jene Kategorie von Mönchen, über die es abschätzig hiess, sie pflegten die so genannten drei Aktivitäten, die da waren: Schlafen, Essen und Scheissen. Um sich solcher wenig geschätzter Elemente zu entledigen, liess der Abt des Klosters eine Prüfung durchführen, der sich die Mönche vor Publikum zu unterziehen hatten.
Einer nach dem anderen traten die Prüflinge vor der Ordensgemeinschaft auf ein Podest und legten ihre Kenntnisse dar. Als die Reihe an Shantideva war, fragte dieser seine Zuhörer, ob sie von ihm lieber einen Kommentar zu einem der klassischen Texte hören wollten oder eine Lehrrede, wie sie bis dahin noch keiner vernommen habe. Das Gremium der Experten entschied sich für etwas Neues, wohl in der Erwartung, dass der Kandidat damit umso kläglicher werde Schiffbruch erleiden. Daraufhin rezitierte Shantideva auf Sanskrit die neunhundert Verse des Bodhicaryavatara.
Für die anwesenden Mönche, so stelle ich mir vor, muss das eine ziemliche Überraschung gewesen sein. Als er mit seinem Vortrag auf das Ende zuging, also beim neunten Kapitel anlangte, hob der Redner ab und levitierte. Shantideva schwebte langsam über dem Podest in die Höhe, und seine Stimme war zunehmend schwacher zu vernehmen. Schliesslich schwebte er hoch zu den Wolken und war entschwunden. Spätestens nun war auch dem letzten der versammelten Mönche klar geworden, dass sie diesen Mann ernsthaft unterschätzt hatten. Sogleich wurde beschlossen, nach ihm zu suchen.
Schliesslich wurde Shantideva aufgefunden. Doch der Mann, auf den man stiess, hatte seine Mönchsgelübte abgelegt und zog es vor, als Laie unerkannt in der Welt zu leben. Er lehnte es ab, die Mönche zurück ins Kloster zu begleiten. Das Einzige worauf er sich einliess, war, dass er seinen Besuchern ein Versteck zeigte, in dem er einen Text aufbewahrte, der als Kommentar zum Bodhicaryavatara verstanden werden konnte.
Wenn sich aus diesen Bruchstücken über Shantideva etwas feststellen lässt, so ist es die Tatsache, dass er ein brillanter Gelehrter war, der es in der Philosophie seiner Zeit zur Meisterschaft gebracht hatte. Darüber hinaus muss es dieser Mann tunlichst vermieden haben, so etwas wie eine öffentlich bekannte Persönlichkeit zu werden. Wenn wir uns nun mit dem Text selber beschäftigen, erkennen wir, dass diese Haltung auch Shantidevas Botschaft und seiner Auffassung vom «Weg zur Glückseligkeit» entspricht.
Was einem an diesem Buch so einnimmt, ist Shantidevas ganz und gar persönlicher Tonfall. Andere grosse Gelehrte der Nalanda-Epoche wie Asanga, Dharmakirti oder Chandrakirti hielten es gerade umgekehrt. Auf den Verfasser soll es in ihren Werken gerade nicht ankommen. Bei Shantideva begegnen wir einer höchst lebendigen Persönlichkeit, sein Bodhicaryavatara spricht uns unmittelbar an, als Leser merken wir, dass sich durch diese Zeilen ein Mensch mitteilt, der uns an den eigenen Mühen teilhaben lässt, und recht häufig verwendet er dazu die Ich-Form. Das mag mit ein Grund für die Beliebtheit dieses Werks sein, ganz besonders unter Tibetern. Der Dalai Lama zitiert häufig Shantideva, und viele seiner Lehrreden handeln von ihm.
Strahlende Liebe
Der Text beginnt mit einer Lobrede auf «Bodhichitta», wörtlich übersetzt «Geist der Erleuchtung». Das klingt ja nicht gerade aufregend, doch ein Verständnis dieses Begriffs erwächst uns vielleicht, wenn wir das einfache deutsche Wort «Liebe» verwenden und dazu «Geist des Erwachens» denken. Im Westen haben wir noch keine Übereinstimmung gefunden, wie Bodhichitta in unsere Sprachen zu übertragen wäre. Ich sehe eine Nähe zum christlichen Begriff der Agape, einem Aspekt von Liebe, der sich auf die Welt als Ganzes bezieht und allen zugewandt ist. In der tibetischen Tradition wird Bodhichitta definiert als uneigennützige Entschlossenheit, Erleuchtung zum Wohl aller Wesen zu erlangen. Das ist bekanntlich das vorrangige Motiv eines Menschen, der danach strebt, ein Bodhisattva zu werden.
Um die Sache nicht zu verkomplizieren, möchte ich von «Liebe» sprechen. Im häufig zitierten fünften Vers des Eingangskapitels spricht Shantideva, davon, wie diese Liebe in sein Leben einbrach: «Wie eine Wolke in dunkler Nacht von einem Blitz einen Augenblick lang vollständig erhellt wird, so neigen einige Menschen in dieser Welt durch die Kraft des Buddha gelegentlich zu tugendhaften Gedanken.» Mit «tugendhaften Gedanken» ist «Bodhichitta» gemeint. Wie ein Blitz am dunklen, wolkenverhangenen Himmel – in unserer christlich geprägten Kultur denken wir vielleicht an einen Augenblick der Gnade und damit wiederum an Berichte von Bekehrungen wie dem von Saulus zu Paulus. Auf unbekanntem Wege weiss sich ein Mensch unversehens von Gott erfüllt, etwas tief Greifendes bricht in ihn ein, und daraus erwächst Dankbarkeit und Liebe zu den anderen.
Später spricht Shantideva von einem Blinden, der in einem Misthaufen auf ein Juwel stösst; mit dieser Wahrscheinlichkeit sei Bodhichitta in ihm erwacht. Das heisst, wir haben es mit etwas höchst Unwahrscheinlichem und Zufälligen zu tun: Ein Blinder tappt durch das Getriebe der Welt, und dabei stösst er unversehens auf dieses erleuchtende Juwel des Geistes, diese strahlende Liebe für andere. Diese Erfahrung führt ihn zu geradezu ekstatischen Lobgesängen, bei denen er sich fortwährend darüber wundert, was ihm da bloss zugestossen war. Damit drückt er sehr schön aus, wohin Bodhichitta einen bringen kann.
Nach diesem Gnadenstoss richtet er nun ein Gebet an die Buddhas und Bodhisattvas. Bevor es dazu kommt, bezeichnet er sich jedoch als Sünder und legt eine Beichte seiner Verfehlungen ab. Selbstverständlich kommt uns auch das von der eigenen Kultur her vertraut vor; an gewissen Stellen sind sogar Anklänge an Selbstkasteiung unübersehbar, was Shantideva erst recht dazu führt, sich darüber zu wundern, dass ein derart sündiger Mensch wie er von derart selbstloser Liebe ereilt wird. Mit seiner Beichte sucht er sich zu reinigen von jenen Kräften in ihm, die sich dieser Liebe entgegenstellen.
Möge ich …
Danach fühlt er sich dazu befreit, die Bodhichitta-Qualitäten einfach nur zu loben und zu preisen. «Möge ich den Schutzlosen ein Beschützer, denen, die sich auf den Weg gemacht haben, ein Führer, denen, die hinüber (an das andere Ufer) wollen, eine Fähre, ein Boot oder eine Brücke sein. Denen, die eine Insel suchen, eine Insel, denen die Licht brauchen, eine Leuchte, denen, die einer Rast bedürfen, eine Bleibe, und allen, die einen Diener benötigen, ein Sklave sein. Möge ich allen Wesen ein Wünsche erfüllendes Juwel, ein vortreffliches Gefäss, ein wirksames Mantra, eine starke Medizin, ein Wünsche erfüllender Baum, eine Wünsche gewährende Kuh sein. Gleich der Erde und den grossen Elementen, immer während wie der endlose Raum, möge ich für die unermesslich zahlreichen Wesen Fundament und Nahrung sein. Möge ich für die Wesen in allen Bereichen der Existenz, so weit wie die Grenzen des Himmels, Grundlage und Nahrung sein, bis jedes von ihnen Erlösung erlangt hat.» (3. Kap. Verse 18–22) Dieser letzte Satz ist der Lieblingsvers des Dalai Lama und wird von ihm häufig zitiert.
Von hier aus verdichtet sich dieses überwältigende Gefühl von Liebe, von dem zu Beginn die Rede war, zum Bodhisattva-Gelübde. Die beiden Strophen, die darauf folgen, beinhalten dieses Gelübde: «Wie früher die Sugatas den Erleuchtungsgeist entwickelten und bei den Bodhisattva-Gelübten stufenweise verweilten. So werde auch ich das Wohlergehen der Wesen anstreben, den Erleuchtungsgeist entwickeln und in gleicher Weise die Gelübde befolgen, sowie stufenweise praktizieren.» Was zunächst ein Gefühl war, ist nun zu einem Entschluss geworden. Von hier aus geht es darum, eine Praxis aufzunehmen, welche diesen Entschluss in die Tat umsetzt, und das ist, wie wir uns unschwer denken können, nicht mehr ganz einfach.
Im vierten Kapitel beschäftigt er sich mit der Frage, was zu tun sei, und sagt sich, er müsse ja total durchgedreht gewesen sein, sich auf ein solches Gelübde verpflichtet zu haben, das schlechterdings gar nicht zu erfüllen ist. Er fühlt sich in einem Widerspruch gefangen, und das ist für viele auch heute die Situation, in der sie stecken: Erfüllt von Begeisterung und Inspiration fassen wir den Entschluss, unser Leben künftig ganz dem selbstlosen Streben nach Erleuchtung zu verschreiben. Der Entschluss allein reicht nicht aus, um sämtliche Gewohnheiten und Widerstände in uns aufzulösen. Das kann wie bei Shantideva ein Ringen mit dem Boddhisattva-Ideal sein, aber auch scheinbar weniger anspruchsvoll wie zum Beispiel, wenn wir uns dazu entschliessen, inskünftig ein Leben der Achtsamkeit zu führen. Neben diesem Entschluss gibt es selbstverständlich andere Kräfte in unserem Leben, die alles andere wollen als das. Das kann ganz schön anstrengend sein, und mit der Zeit müssen wir uns eingestehen, dass es mitunter sehr schwer fällt, dem treu zu sein, was wir als höchsten Wert betrachten.
Die sechs Vollendungen
Der Text wendet sich nun dem zu, was im Mahayana-Buddhismus die sechs «Vollendungen» genannt wird. Ich spreche eigentlich lieber von sechs transzendierenden Praktiken, von Haltungen also, die uns über den beschränkten und verwirrten Normalzustand hinausführen und in Richtung Erleuchtung voranbringen. Shantideva spricht in den folgenden Kapiteln über Ethik, Geduld und Toleranz, Begeisterung, Meditation und Weisheit.
Im fünften Kapitel über die Ethik geht es um die Frage, wie sich Achtsamkeit kultivieren lässt. Hier finden wir einige der nützlichsten Ratschläge, die mir zu diesem Thema bekannt sind. Shantideva erteilt diese Ratschläge nicht, um dem Praktizierenden zu mehr Achtsamkeit im Leben zu verhelfen, denn seiner Meinung nach haben Aufmerksamkeit und Achtsamkeit untrennbar zu tun mit dem Aufrechterhalten einer innneren Haltung moralischer Integrität. Er versteht Achtsamkeit als ein sich Erinnern und Sammeln auf diese Qualität. Heutzutage verstehen wir darunter eher eine umfassende Sammlung des Geistes auf den gegenwärtigen Augenblick.
Als feindliche Kräfte, die der moralischen Integrität entgegenwirken, sieht er die so genannten «Kleshas», jene Trübungen, welche die Klarheit des Geistes verdunkeln und die ursprüngliche Entschlossenheit beeinträchtigen. Die Metapher, die er zur Beschreibung dieses Zusammenhangs vewendet, ist ein Vergleich des Geistes mit einem Haus. Achtsamkeit ist ein Wächter vor den Türen und Fenstern der Sinne. Solange dieser Wächter seinen Dienst zuverlässig versieht, ist es ihm möglich, auf das erste Anzeichen von Gefahr für das Haus zu reagieren. Mit Gefahren meint er «die Diebe der Achtlosigkeit». Die Bande dieser Diebe warte nur darauf, dass die Achtsamkeit erlahme. Dann würden sie einbrechen und sämtliche im Haus des Geistes angesammelten Schätze entwenden.
Die Metapher der Diebe verrät meiner Meinung nach viel über das Wesen der Kleshas: Da sitzen wir zum Beispiel versunken in Meditation, achten uns auf das Ein- und Ausströmen des Atems – und mit einem Mal nimmt eine Sorge von uns Besitz, eine Wahnvorstellung bricht in uns ein, oder wir werden besetzt von Gedanken an einen Menschen, den wir nicht mögen. Und es ist, als hätten diese Kräfte ein Eigenleben und entzögen sich unsere Einflussnahme.
Shantideva rät nicht, sich diesen Kräften frontal entgegenzustellen und sie kopfvoran aus dem Haus werfen zu wollen, noch empfiehlt er, sich von ihnen bestimmen zu lassen. Wir sollen ungerührt bleiben, uns eher passiv verhalten, unbewegt wie ein Klotz Holz: «Wenn ich etwas beginne, sollte ich zuerst den Geist betrachten, und falls ich in ihm Fehler entdecke, sollte ich – einem Holzklotz gleich – innehalten» (5.34).
Diesen Rat habe ich in meiner eigenen Praxis stets als enorm hilfreich empfunden: Wenn wir es mit einer Sorge oder Angst zu tun haben, lassen wir dieses Gefühl Gefühl sein und schauen zu, wie es kommt und vergeht. Wir nehmen es nicht persönlich, noch versuchen wir, es zu unterdrücken, indem wir so tun, als ob es nicht da wäre, oder indem wir wünschen, dass es nicht da wäre. Shantideva rät uns, mit dem zu sein, was ist, und die Extreme von Ausdruck oder Unterdrückung zu meiden.
Im folgenden Kapitel wendet Shantideva sich der Geduld zu. Seinem Verständnis nach wirkt Geduld als Heil- oder Gegenmittel zu Wut und Hass. Wie gehen wir um mit Abneigung und Hass, diesen zerstörerischen Emotionen mit ihrem enormen Potenzial, uns in konfliktgeladene Situationen und Feindschaften zu treiben und uns mit Hass zu verzehren? Shantideva misst diesen Kräften eine hohe Bedeutung zu, und entsprechend ausführlich beschäftigt er sich damit in diesem Kapitel, das ebenfalls Stellen enthällt, die der Dalai Lama bevorzugt lehrt.
Das leitet über zum Kapitel über Begeisterung und Eifer. Diese Qualitäten werden von Shantideva definiert als die Fähigkeit, sich eines geschickten Verhaltens zu erfreuen. Eine spirituelle Praxis mit Freude zu betreiben, ist gewiss ein wertvoller Ratschlag, denn so fühlt sich die Sache bestimmt nicht immer an. Freude gilt als Heilmittel gegen die Faulheit, gegen ein Sichsuhlen in der Negativität und eine Verachtung sich selber gegenüber aus Verzagtheit. In diesem Kapitel stossen wir auf bemerkenswerte psychologische Einsichten; meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine sehr überzeugende Darlegung von dem, was im Buddhismus als «rechtes Bemühen» bezeichnet wird.
Rückzug aus der Welt
Im folgenden Kapitel beschäftigt er sich mit der Meditation. Bis dahin hat er sozusagen die Grundlagen geschaffen, um sich nun zurückziehen und auf einen längeren Meditationsretreat einlassen zu können. Zu Beginn des Kapitels lobt er das Alleinsein und preist die Existenzform des Einsiedlers in der Abgeschiedenheit der Berge. Er zieht sich aus der Welt zurück. Und wenn er zur Meditation gefunden hat, kommt es zur Kultivierung von Bodhichitta. Hier findet dieser Text zu seiner Bestimmung.
Das achte Kapitel besteht aus 187 Strophen, und mit der 90. Strophe haben wir die Schlüsselstelle erreicht. Um Bodhichitta, den Erleuchtungsgeist, zu nähren und hervorzubringen, legt Shantideva nahe, die Gesamtheit des Lebens und der Welt als einen einzigen grossen Körper zu betrachten. «So wie die Hand spontan zum Fuss geht, um diesen von einem Schmerz zu befreien, obwohl die Hand selber diesen Schmerz ja nicht erleidet, warum reagiere ich nicht genauso auf den Schmerz eines anderen Wesens?» Wenn wir uns als mitfühlenden Teil eines grösseren Organismus begreifen, hält einen nichts mehr davor zurück, sich um das Wohl der anderen Glieder dieses grossen Ganzen zu kümmern.
Diese Aussagen münden folgerichtig in eine Darlegung der Madyamika-Philosophie von der grundlegenden Leerheit der Dinge. Und Shantideva bestimmt vor diesem Hintergrund die Art der Beziehung zum anderen: «Solange wir zum Wohl der anderen handeln, sollten wir darum weder arrogant sein, noch uns für wunderbar halten, sondern einzig am Nützlichsein für andere unsere Freude haben, ohne Hoffnung darauf, dass ein Resultat reift» (8.109).
Shantideva spricht hier von dem, was heute von Thich Nhat Hanh zum Beispiel als «Intersein» bezeichnet wird: die wechselweise Verbundenheit von allem mit allem des Lebens. Diese Verbundenheit ist die Grundlage für ein natürliches, spontanes Sorgetragen, dem wir nicht deswegen nachleben, weil wir gute Buddhisten, Christen oder was auch immer sein wollen, sondern ganz einfach, weil es sich umstandslos so ergibt. Das geschieht ganz selbstverständlich zwischen Mutter und Kind, häufig zwischen Menschen, denen wir nahe stehen, und gelegentlich ja auch zwischen Menschen, die sich eigentlich fremd sind.
Praktisch gesehen gibt er den Rat, den anderen als sich selber zu betrachten, und gibt in diesem Kapitel einige Strophen, in denen er buchstäblich das Ich vertauscht mit dem Du. Der andere gilt als ich, und ich gelte als du. Das sind recht komplexe Passagen, doch zweifellos handelt es sich hier um den Kern von Shantidevas Botschaft.
Das neunte Kapitel handelt von der Kultivierung der Weisheit, die Shantideva als Schlüssel zur Befreiung versteht. Im Wesentlichen geht es um eine Ergründung von Shunyata, der Leerheit, und der Autor bezieht Stellung zu verschiedenen Fragen, welche damals die Philosophenschaft beschäftigten. Insgesamt müssen wir feststellen, dass dieses Kapitel etwas lang ausgefallen ist und ihm die Unmittelbarkeit der vorangehenden Kapitel abgeht. Auf einige Strophen trifft das nicht zu, doch an anderen Stellen fragen wir uns, warum dieser Mann, dem wir eben noch so nahe gekommen sind, sich nun mit so viel Verve auf philosophische Debatten seiner Zeit einlässt.
Zu Ende geht dieses Werk aber im vertrauten Tonfall der Nähe, und Shantideva schliesst mit einer Aufzählung sämtlicher Verdienste, die er erworben haben mag, nun aber weiterreicht an andere und sie mit einer Reihe anrührender Gebete an die Welt verschenkt: «Mögen die Mittellosen zu Reichtum kommen, die vom Elend Erschöpften Freude finden, mögen die Verzweifelten neue Hoffnung schöpfen, innere Stärke und Glück erlangen. Mögen alle, die krank sind, sogleich von ihren Krankheiten befreit werden, mögen die Krankheiten der Wesen ausnahmslos nie mehr entstehen» (10, 20–21).
Stephen Batchelor gehörte vor dreissig Jahren zu einer Gruppe von westlichen Mönchen, die unter der Anleitung des Dalai Lama eine englische Übersetzung von Shantidevas Bodhicaryavatara erarbeiteten. Zusammen mit seiner Frau Martine Batchelor leitet er regelmässig Meditationskurse in der Schweiz: www.karuna.ch Die Übersetzung des vorliegenden Textes besorgte Martin Frischknecht. Sämtliche Zitate entnommen aus: Shantideva: Anleitungen auf dem Weg zur Glückseligkeit. Vollständige zweisprachige Ausgabe Deutsch/Tibetisch, übersetzt von Diego Hangartner, O. W. Barth Verlag, München 2005, 304 Seiten, Fr. 43.70.
