Heile Schweiz: Appenzell
Sanfte Hügelketten, pittoreske Dörfer und nachdenkliche Menschen – das Appenzell ist knorrig, erdig und voller Überraschungen.
Von Eva Rosenfelder
Trauer im Dorf. Die Verstorbene ist nach altem Brauch in ihrem Haus aufgebahrt worden. Die Dorfbewohner haben sich von ihr verabschiedet, sie ziehen nun in einem langen Leichenzug durchs Dorf. Neben dem Sarg geht leichtfüssig ein Mädchen mit Blumen. Es ist Regula. Bei jeder Beerdigung ist sie dabei. Wie ein kleiner Engel besucht sie die Trauerfamilien, bringt den Toten Blumen zum Abschied und begleitet sie zum Grab.
Es ist «das stille Licht des Todes», das sie anzieht. Ihr Vater, der Dorfarzt, lässt sie gewähren, wie ihr Lehrer, der weiss, dass jemand gestorben ist, wenn Regula nicht zur Schule kommt. Auch in ihrer Freizeit ist sie oft auf dem Friedhof. Sie schmückt verlassene Gräber, nimmt kleine Holzkreuze nach Hause, die sie mit Perlen verziert. Regula ist heute Heilerin, sie war es wohl damals schon. Das Leuchten ihrer blauen Augen scheint aus einer anderen Welt. Sie war mein erster Kontakt zum Appenzell. Mit blockiertem Rücken kam ich zu ihr in die Praxis nach Heiden. Unter ihren Händen löste sich vieles.
Heiden, hoch über dem Bodensee, gehört zu Appenzell Ausserrhoden, einem Kanton, in dem es unzählige Naturheilpraktiker gibt; in Ausserrhoden wird geschröpft, magnetisiert, therapiert. Im Gegensatz dazu blieb Innerrhoden nach der Kantonstrennung 1597 katholisch und verliess sich weiterhin auf die heilende Wirkung von Gebet, Glauben und auch Magie.
Heiden soll das Zentrum eines Fünfecks sein. An jedem der fünf Ecken steht ein sakraler Bau. «Heiden» inmitten eines Pentagramms, eines Hexensterns.
Sog nach Urnäsch
Gerne hätte ich in Heiden meine Seele gekurt, wäre unter alten Bäumen in der Kuranlage gesessen mit dem prachtvollen Ausblick auf den See. Doch nichts davon! Es verschlägt mich nach Urnäsch, einem Ort, der mich, wer weiss warum, seltsam berührt.
Urn-äsch befindet sich laut der Geomantin Blanche Merz auf einer starken Geomantielinie, auf der es mit einigen anderen Aesch-Namensvettern eine Kette bildet, und verzeichnet unter diesen einen hohen Wert an Boviseinheiten. Hat mein fast bedrückendes Gefühl damit zu tun? Zuerst aber will ich die Menschen treffen, und es sind die Urnäscher, die sich für mich Zeit nehmen.
Maria
Als ich den Weg durch die Blumenwiese hinaufgehe, steht sie schon vor ihrem Haus und winkt. Maria ist klein, zierlich, erstaunlich wendig und strahlt grosse Herzlichkeit aus.
Sie lädt mich ein zu Kaffee und Zimtfladen. Beim Eintreten in die Stube reicht es für mich knapp unter dem Türrahmen durch, ohne den Kopf anzustossen. Maria tänzelt barfuss herein. Sie, die bereits Grossmutter ist, Mutter von vier Kindern, freie Journalistin, streckt zuerst die Fühler aus, wer zu ihr gekommen ist. Von esoterisch abgehobenen Geschichten hält sie nicht viel. Boden brauche es. Eine Haltung, die ich noch oft antreffen werde.
Marias Vorfahren waren Heilkundige, etwa ihr Urgrossvater, der vor allem Tiere heilte. Er konnte sein Wissen aber nicht weitergeben an den Sohn, und er sei deswegen verunfallt.
Ihrer sensitiven Mutter fehlte es an Boden, sie hatte Schwierigkeiten, das Gespürte einzuordnen. Maria zog es als Mädchen immer wieder an ihren inneren Platz. Es war ein Art Schacht, zu dem eine Spirale hinunterführte. Dort sprach sie mit «etwas» und kehrte gestärkt wieder zurück, als wäre sie an der Wurzel ihres Lebensbaumes gewesen. Ihre Schwester ist als Heilerin tätig.
Marias erste einschneidende Begegnung mit Heilkraft kam unverhofft: Sie war damals schon 50, auf der Heimreise von den Ferien. Mit ihren Kindern sass sie in einem überfüllten Zug, als der junge Schaffner sie hiess mitzukommen. Es habe noch freie Plätze. Erstaunt und etwas misstrauisch folgte sie dem Mann ins Schaffnerabteil, wo er sich nahe zu ihr setzte: «Ich habe ungewollt die Gabe, den Menschen Dinge anzusehen! Du wirst sehr schwer krank werden und hast harte Jahre vor dir. Doch nachher wird es dir gut gehen!» Maria erschrak zutiefst, schob dann das Ganze als Unsinn von sich.
Bald aber wurde sie immer müder. Als ihre heiltätige Schwester sie untersuchte, spürte auch diese Zeichen einer Krankheit. Ein halbes Jahr später erhielt Maria die Diagnose der Schulmedizin: bösartiger Lymphdrüsenkrebs. Man gab ihr keine Überlebenschance.
Es folgte das Grauen einer Chemotherapie. Maria verlor alle Haare, durchlitt Nöte, die wohl kaum nachzuvollziehen sind. Als sie sich etwas erholt hatte, kam sie durch ihre Schwester in Kontakt mit einem Medium. Dort wurde sie konfrontiert damit, ihre Lebensweise ändern zu müssen. Sie lernte, sich zu spüren, in den ganzen Körper hinein zu atmen, nichts abzuspalten. Nach einem Jahr kam ein Rückfall, die Wiederholung des Grauens, doch dann kehrte Ruhe ein.
Es folgte die vollständige Neuorientierung. Ihre Ehe ging bei diesem Prozess in die Brüche, sie begann zu schreiben.
Kraft bezieht Maria aus der Natur, vom Zugang zu den sie umgebenden Kräften: Vor ihrem Fenster strahlt der Säntis, auf dem Hügel trutzt eine Tanne jedem Unwetter, «Monsterbaum» nennt ihr Enkel sie.
Marias Mutter erzählte von Heilern, die Leute plagen konnten, wenn sie nicht bezahlten. Schlechte Magie ist immer wieder präsent. Doch auch hier hilft Gottesgläubigkeit. Das Kreuz ist für die Appenzeller Hilfe.
«Erst die eigene negative Energie macht solche Kräfte überhaupt möglich», meint Maria, «liebevolle Gebete, frei fliessende Energie der Liebe in die Körperzellen und zu den Nächsten zu schicken ist der beste Schutz.»
Heute ist sie gesund. Ihre Genesung sieht sie nicht als Wunderheilung. Ein wichtiger Anteil daran hatte auch die Schulmedizin! «Allein mit geistigen Methoden hätte ich es wohl kaum geschafft, aber mit ihnen als Ergänzung.»
Hanspeter
Ein Freund Marias betritt die Stube. Er erzählt mir vom Geheimrezept seiner Grossmutter. Diese demonstrierte ihre Zugsalbe und das «weisse Gütterli gegen Allerlei» in Apotheken. Vom Inhalt erfahre ich nur so viel: Er besteht nicht aus Heilkräutern, sondern aus chemischen Substanzen. Bekannt wurde die Grossmutter durch das «Suwohlin», ein Heil- und Stärkungsmittel für Sauen. «Sauwohl» bedeutet der Name, leider blieb mein Wunsch, einmal davon zu testen, ungehört.
Die Appenzeller rücken mit solchen Rezepten nicht heraus. Es sind Familienschätze, Traditionen, die bewahrt werden. Wurzeln haben hier einen hohen Wert. Die letzte Hungersnot 1817 hat dieses Völklein gelehrt, dass mitunter alles zählt, was man hat.
Tradition hält sich besonders im katholischen Innerrhoden. Nicht nur die Landsgemeinde ist dort geblieben. Viele alte Bräuche sind noch lebendig, auch das Gebetsheilen und Handauflegen. Die Menschen sind erfüllt von grosser Ehrfurcht vor diesen Kräften. Ihre Bescheidenheit und Demut verbietet ihnen, sich als Person ins Zentrum zu stellen. Es ist die göttliche Kraft, die heilt, und nicht die Person. Und die will sich nicht der Öffentlichkeit oder gar der Presse präsentieren.
Das Bewahren der alten Wurzeln hindert die Appenzeller aber nicht, offen zu sein für neue Ideen. Es sind überhaupt viele Gegensätze im Volkscharakter: Das Witzeln und Sticheln, die Ausgelassenheit fröhlicher Hackbrett- und Streichmusik können leicht kippen in Stille, «Nahesinne», in eine unbestimmte Sehnsucht nach einer besseren, gerechteren Welt.
Depressionen sind ganz nahe bei der Fröhlichkeit. Es ist erwiesen, dass im Appenzell die Selbstmordrate ausserordentlich hoch ist. Auch das «Zäuerle», das Hanspeter verschmitzt als «Schrä lo», Schreie lassen, bezeichnet, drückt diese Höhen und Tiefen der Appenzeller Seelenlandschaft aus. Was mag dahinter stecken? Hat es mit der hohen Energie dieser Landschaft zu tun?
Helllichter Tag
Der Kraftplatz über Urnäsch. Wir haben wohl die Wegbeschreibung, doch der Weg dorthin wird zu einer magischen Reise. Wir finden ihn nämlich nicht, dafür treffen wir seine Torhüter. Ein uraltes Bauernpaar sortiert dort oben Tannzapfen und äugt so skeptisch, dass wir umkehren.
Unten in der Wiese steht einsam ein Haus, davor eine phantomähnliche Gestalt. Es ist ein alter Bauer mit langem Mantel, in der Hand hält er einen Besen wie ein Zauberstab. Auch er schaut. Als wir, ohne es zu merken, am Weg zum Kraftplatz vorbeigehen, verschwindet er im Haus. Der dritte Hüter ist ein junger Bauer mit Hündin und Welpe. Er verstrickt uns in ein langes Gespräch, und wir verfehlen den Weg gänzlich. Als es eindunkelt, versuchen wir es noch einmal. Die Hündin und ihr Welpe kläffen, doch niemand kommt. Wie Diebe erklimmen wir am Rand der Weide den steilen Hügel. Als wir im Wäldchen verschwinden, wird es ruhig. Ich bin sehr skeptisch gegen allgemein als kraftvoll angekündigte Plätze.
Doch hier ist immense Kraft! Seltsam, der ganze Boden ist mit Brombeerranken bedeckt, doch die kratzen mich nicht! Ich setze mich und versuche wahrzunehmen. In einem starken Strahl fliesst kristallklare Energie in mich. Ich habe das Gefühl, es sei göttliche Energie von ganz hellem Licht. Ich habe nie mit Engeln zu tun, doch diesmal sehe ich zwei Engel; sie geben sich als Wächter des Strahls zu erkennen. Nach sehr kurzer Zeit, etwa zwei Minuten nur, fühle ich mich total aufgeladen, hellwach, energetisiert und werde aufgefordert zu gehen.
Unten auf der Strasse sitzen die Hunde. Sie scheinen zu grinsen. Wir haben neben dem Kraftpunkt meditiert …
Hansueli
Beim Einnachten besuche ich den Geomanten Hansueli und dessen Frau. Auch er hatte eine heilerisch begabte Grossmutter. Da seine Mutter früh starb, hat er die ersten Lebensjahre in Obhut der Grossmutter verbracht, deren Tun ihn sehr faszinierte. Den wirklichen Zugang zum Heilen bekam er erst mit 50. Er litt an massiven Hüftproblemen, besuchte einen Kurs über Pranaheilung und begann, diese dann anzuwenden. Mehr und mehr kam er darauf, dass viele Krankheiten mit Störfeldern in der Umgebung zu tun haben. Er lernte diese abzuschirmen und so Menschen zu heilen.
«Was ich mache, kann jeder lernen!» Auf meine Frage, ob er nicht vielleicht eine heilerische Begabung geerbt habe, zuckt er die Schulter. Obwohl er schon viele sichtbare Erfolge erzielt hat mit seinen Behandlungen, ist auch er bescheiden.
Hansueli und seine Frau Emma haben acht Kinder. Emma ist sehr ruhig, sitzt aufmerksam und ein wenig streng am Tisch. Nie würde man glauben, sie habe acht Kinder geboren. Die geomantischen Interessen ihres Mannes teilt sie nicht, sie hat mehr Zugang zu den Heilpflanzen, die sie gemeinsam sammeln und aus denen sie Tinkturen und Salben herstellt.
«Heiler gibt es allerhand hier, auch solche, die ihre Macht missbrauchen», erzählt sie. Im Innerrhodischen habe es welche gegeben, die Verwünschungen aussprachen oder sogar Leute umgebracht haben sollen. «Der beste Schutz dagegen ist die Selbstheilung», meint Hansueli, «ein gutes Leben führen, gesunde Ernährung, Gott danken.»
Das Haus der beiden wirkt wie ein Pfahlbauerhaus mitten im Wasser. Ich erfahre dann auch, dass Urnäsch und das ganze Tal auf einem unterirdischen See liegen. Steinplatten führen wie ein Steg zum Eingang. Es sieht klein aus von aussen, doch als Hansueli mich durchs Haus führt, staune ich: Es erschliessen sich unzählige Räume auf mehreren Stockwerken, fast ein wenig märchenhaft. Als ich mich verabschiede, in die Nacht hinausgehe und zurückschaue, wirkt das Haus von Hansueli und Emma wieder ganz klein.
Im Dunkeln
Düstere Geschichten schleichen durch meinen Kopf. Geschichten, die ich von den Appenzellern eben auch gehört habe. Die Kehrseite der Eigenständigkeit etwa, nämlich die grenzenlose Einsamkeit. Da soll ein altes Weib in ihrem Bett dahinvegetiert haben, niemand kümmerte sich um sie. Sie deckte ihren Kot am Boden immer wieder mit Zeitungen zu. Oder jener Bauer, der seine zwei debilen Söhne wie Monster an den Ofen in seinem Haus gebunden hielt, weil er die Schande nicht ertrug, behinderten Nachwuchs gezeugt zu haben.
Dann sind da noch die vielen Söhne, die den Tod gefunden haben: die der Berg mit Lawinen sich holte, die sich umgebracht haben oder die auf schlimme Arten verunfallten. Sind sich Leben und Tod näher in diesen sanften Hügeln, wo jeder Appenzeller in seiner kleinen Welt, in seinem eigenen kleinen Königreich lebt?
Transformation
Urnäsch ist bekannt durch seine Silvesterkläuse, urchige Viecher, beladen mit Tannzapfen, Moos und Ästen. Ich traf sie leider nur im Museum. Sie erzählen von der tiefen Naturverbundenheit der Bewohner und von der schweren Kraft der Erde. Mit ihren Schellen wecken sie diese Kraft, bewegen sie, tragen sie hinauf in die Luft. Das Silvesterritual findet im Januar, in der dunkelsten Jahreszeit statt und steht für das Wiedererwachen der Schöpfungskraft. Die bösen Geister werden mit Schellen vertrieben, alles erneuert und klärt sich. Blanche Merz beschreibt die Kläuse als «das verbindende Element, das bei Urnäsch das konzentrierte Erdkraftpotenzial mit lauter Leidenschaft in Bewegung setzen kann».
Rosmarie
Sie ist dunkel und hell in einer Person. Durchs tiefste Dunkel ist sie gegangen, durch Psychose, traumatische Erlebnisse. Doch immer war da auch Kraft. Als Kind fand sie Zuflucht im Kloster Grimmenstein, die Frauen dort hatten stets Zeit und gute Worte für sie.
Vor sieben Jahren hat sie ihren Lebenspartner verloren, begann Stimmen zu hören. Der Geliebte diktierte ihr in Briefen, dass sie in dieser Welt bleiben und nach ihren eigenen Wurzeln suchen solle. Mehr und mehr konnte sie spüren, dass Heilung ein Weg ist zu höherem Bewusstsein. Gut und schlecht, jegliche Wertung löst sich dabei auf.
Auch der Tod kann Heilung bedeuten. Manchmal wird sie von Sehnsucht ergriffen und möchte diese enge Welt verlassen, doch sie weiss: Die Freiheit ist unendlich, wenn sie in ihrer Mitte bleibt. Rosmarie bezieht sehr viel Kraft aus der Natur, dem Rückzug und der Stille. Heiltätige unterstützen sie auf diesem Weg.
Die kraftvolle Frau ist wie ein Spiegel der Naturlandschaft. Tiefes Dunkel vereint sich mit hellstem Licht. Die Natur unterstützt diese gewaltige Herausforderung.
Regula
Das Mädchen vom Friedhof. Und heute? Die Freie, die alles zurücklässt. Ihre blühende Naturheilpraxis gibt sie auf. Neue Wege wird sie gehen, sie, die schon so viele Wege gegangen ist.
Sie ist meine Verbindung von Urnäsch nach Heiden. Viele Jahre hat sie in Urnäsch gelebt, hatte als Arztfrau Einblick in viele Schicksale und Geschichten. Und doch ist sie noch immer Regula, die Tanzende, die Lichte. Mit kindlicher Unvoreingenommenheit stand sie inmitten erdgewaltiger Geschichten über Verwünschungen, Böses, Verhexungen, nahm die Not einzelner Menschen wahr und ist selbst durch tiefes Dunkel gegangen.
Sie ist eine der Mütter, die dem Berg ihren freiheitsliebenden Sohn lassen musste. Sie lebt ihre eigene Sehnsucht nach Freiheit erst heute, lässt alles los, auch ihren inneren Kern: das lichtvolle, kindliche Wesen, das auch im Angesicht des Todes tanzt.
Auf Wunsch der Befragten sind alle Namen geändert worden. Sie sind der Autorin bekannt.
