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Nr. 77 Herbst 2005
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Kontroverse um Bert Hellinger

Drei Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt gehen dem Phänomen Bert Hellinger und seinem Familienstellen nach - teils heftig, teils sanft.
Von Michael Schaefer

Das «Familienstellen» nach Hellinger erlebt seit den Neunzigern einen beispiellosen Boom. Unzählige Psychotherapeuten arbeiten seither mit dieser Methode, bei der eine Familie mit Stellvertretern nachgestellt wird, aus deren Reaktionen sich Erkenntnisse über Konflikte und Lösungsmöglichkeiten ergeben. Dass die Methode solche Furore gemacht hat, liegt an ihrer phänomenalen Wirkung: Kaum jemand, der sie konkret erlebt (Rezensent eingeschlossen), kann sich der Kraft entziehen, mit der in diesen rituellen Psychodramen sozusagen die Naturgesetze des Herzens erlebt werden. Mittlerweile ist das Phänomen der «repräsentierenden Wahrnehmung» auch wissenschaftlich stichhaltig belegt worden.
Trotz – oder gerade wegen – seines Erfolges war und ist Bert Hellinger für manche ein rotes Tuch, zum Teil wegen der spirituell-poetischen Dimension seiner Arbeit, zum Teil, weil er eine kompromisslose Art hat, seine Intuitionen zu vertreten, was ihm den Ruf eines Stockkonservativen eingebracht hat. In den letzten zwei Jahren hat die Kontroverse um ihn ein solches Ausmass erreicht, dass gleich drei wichtige neue Bücher diese Auseinandersetzung thematisieren.
Zunächst ist da das Buch eines Heidelberger Therapeuten-Teams, das in vielen Wortprotokollen sowie in Essays ein Seminar vom Oktober 2003 wiedergibt und ergänzt. Das ist stark theorielastig und etwas mühsam. Auf dem dornigen Weg der Reflexion zeichnet sich jedoch eine Richtung ab, wie die Kontroverse um Hellingers Ansatz respektive um ein allgemein verstandenes «Familienstellen» überwunden werden könnte. Die vier Autoren bringen neue Blickwinkel ein, die für die Diskussion, Reflexion und Weiterentwicklung dieser Methode wertvoll sind. Und keinesfalls darf man die Kritik abtun, dass Aufstellungen – gerade weil sie machtvoll sind! – Schaden anrichten können. Man grenzt sich hier von Hellinger und allem «Esoterischen» ab, oft recht gewunden, aber in den dokumentierten Aufstellungen zeigt sich sogar auf dem Papier die archetypische Kraft und Praxistauglichkeit der Methode, und das wiederum einigt die Autoren.
Wilfried Nelles’ Buch ist journalistischer, leserfreundlicher und schildert, zugleich inhaltlich diskutierend, den Streit um Hellinger, den man auch einen Krimi nennen könnte. Nelles erläutert Hintergründe, bezieht Position, und weil er die Kritik an Hellinger offen diskutiert und sie auch anerkennt, gelingt ihm ein glaubwürdiges Plädoyer.
Die grössten Trümpfe dieses Autors gehen sowieso in eine andere Richtung: gegen die Möchtegern-Aufklärer um den berüchtigten Colin Goldner und ihre skandalösen Praktiken. So weist Nelles nach, dass Goldner zu einem Familienstellen-Kongress, zu dem er einen angeblichen Augenzeugenbericht schrieb, gar nicht gekommen war: Hellinger trug dort eben nicht den gewohnten blauen Pulli. Ein Treppenwitz ohnegleichen, dass Hellinger, der für die Aufarbeitung des Judenmord-Traumas Elementares leistet, von Hexenjägern à la Goldner als Nazi diffamiert wird. Das ist journalistisch und wissenschaftlich unter aller Kritik – und deshalb sollten keine Medien mehr darauf anspringen.
Schliesslich erscheint soeben ein Buch mit Hellinger selber, das durch seinen Interview-Charakter erfrischend gut lesbar ist. Halb biografisch halb therapeutisch-philosophisch bringt es berührende Einblicke in den Werdegang und die Praxis des Alten. Gabriele ten Hövel befragt den Pionier der Methode ohne Scheu vor heissen Eisen.
Leider gelingt es aber auf diesem Wege nicht, alle Irritationen auszuräumen. Das liegt einfach daran, dass Hellinger als Praktiker besser ist denn als Theoretiker – ein Schicksal, das er mit vielen Pionieren teilt. Deswegen geht er immer wieder in die Falle, «Verstehen» und «Gutheissen» nicht richtig zu differenzieren – weil er als Praktiker eben zunächst alles akzeptieren muss. Nur in seinen Beispielen wird der Unterschied dann klar. Es wäre aber besser, wenn er es selbst einmal anders artikulierte. Insofern «antwortet Hellinger seinen Kritikern», wie es die Verlagswerbung in Aussicht stellt, nicht ganz zufrieden stellend. Anderseits ist zu erwähnen, dass er mittlerweile noch intuitiver arbeitet, noch sparsamer – und seine Arbeit anscheinend noch besser gelingt.
Eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Aufstellungsmethode ist praktisch also schon auf dem Weg. Die Diffamierungen diskreditieren sich selber, und mag es ansonsten manches scheinbar Unüberwindliche geben nach dem Motto «we agree to disagree», so stehen dem Menschen gegenüber, die auf effektiven Beistand in ihrem seelischen Leid warten. Eine machtvolle Methode wie das Familienstellen darf keinem Sektierertum zum Opfer fallen; hier sollten sich Ehrlichkeit und Vernunft durchsetzen. Alle drei Bücher leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

Gunthard Weber/
Gunther Schmidt/
Fritz B. Simon/
Matthias V. von Kibéd:
Aufstellungsarbeit revisited ... nach Hellinger?
Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg 2005,
256 Seiten,
Fr. 44.–.

Wilfried Nelles:
Die Hellinger-Kontroverse. Herder Verlag,
Freiburg 2004,
160 Seiten,
Fr. 16.50.

Bert Hellinger/
Gabriele ten Hövel:
Ein langer Weg.
Kösel Verlag,
München 2005,
240 Seiten, Fr. 36.10.


Autor: Michael Schaefer | Profil
Seitenaufrufe: 6001 - Kommentare: 1
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Kommentare:

Der Text gefällt mir, sachlich und klar.

Beitrag von: Wilfried Nelles am 17.11.2005 | 3:35

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