Die Macht des Krieges
Im Krieg nehmen wir teil am Mythos des Gottes Mars – Den Krieg kann nur bändigen, wer sich von seinem Schrecken ergreifen lässt. Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten James Hillman.
Von Ulfried Geuter
SPUREN: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, sind wir entsetzt. Doch als der erste Golfkrieg geführt wurde, sassen Millionen von Menschen vor dem Fernseher und schauten dem Krieg auf dem Bildschirm zu. Gibt es eine nicht zu brechende Faszination für Krieg?
James Hillman: Der Krieg, den man im Fernsehen sieht, ist ein Krieg, der in Bilder verwandelt wurde. Diese Bilder anzuschauen ist eher eine Art von Pornografie. Man nimmt nicht teil am Krieg, sondern man sitzt davor und hat eine gewisse Sucht, Bilder zu sehen.
Weil sie faszinieren? Will der Zuschauer dadurch nicht ein wenig dabei sein wie der Kämpfer?
Es gibt eine Faszination für den Krieg selbst. Denn der Krieg besitzt eine ausserordentliche Intensität. In keiner vergleichbaren Situation kommen wir im Alltag derart extrem an den Rand der Erfahrung. Daher zieht einen der Krieg an.
Aus einem Hunger nach Erleben?
Nein, denn der Krieg ist das intensivste Erleben. Und er repräsentiert dieses Erleben für andere. Daher ziehen Journalisten von einem Krieg zum nächsten. Sie erliegen einer faszinierenden Sucht, einer Droge.
Was macht deren Wirkung so stark? Dass die Menschen an den Rand ihrer Erfahrungen, ihrer Gefühle kommen? Dass sie Grenzen überschreiten, die im Frieden gelten, indem sie zum Beispiel besonders grausam sind?
Nicht nur das. Der Krieg besitzt für die Krieger eine spektakuläre, sublime Schönheit. Er ist eine Erfahrung von grösster Erregung. Und zugleich nimmt man teil an einem Todeskult, dem Kultus von Mars. Die Römer kannten den Kriegsgott Mars, der in Griechenland Ares genannt wurde. Die Kriegsgötter sind auf dem Schlachtfeld anwesend.
Was heisst das? Glauben Sie …
Ich glaube nicht. Ich finde, zu glauben ist eine höchst gefährliche Angelegenheit. Denn Glaube erzeugt Krieg. Mythen kann man nicht glauben, sie zeigen sich. Die Götter sind da, ob man daran glaubt oder nicht. Alle Kulturen oder Zivilisationen, Römer, Griechen, Ägypter, Germanen oder Polynesier hatten einen Kriegsgott. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass es übermenschliche Mächte gibt, die die Menschen ergreifen. Dieses Ergriffen-Werden bringt eine Veränderung des Bewusstseins mit sich.
Was erklärt das vom Krieg, wenn Sie von Göttern oder überpersönlichen Mächten sprechen, die die Menschen ergreifen? Kriege werden doch von Menschen gemacht.
Wir glauben, alles werde von Menschen gemacht. Wir sagen: «Wir Menschen machen das» oder «Ich mache das», als wären wir diejenigen, die handeln. Aber das stimmt nicht. Man sagt vom Krieg auch: Er bricht aus. Wie wenig die Menschen den Krieg zu steuern vermögen, sieht man daran, dass sie versuchen, Kriege in einem geplanten Rahmen zu halten oder Kriege zu beenden, und es nicht können. Jeder Bericht von einer Schlacht enthält Momente, in denen niemand sagen kann, wie es endet. Immer nimmt Übermenschliches teil. Wir erliegen einem Vorurteil, wenn wir denken, alles, was in der menschlichen Geschichte geschieht, sei vom Menschen gemacht. Der Krieg ist unmenschlich. Warum sollen wir nicht sagen: Was unmenschlich ist, ist auch übermenschlich?
Aber kann Krieg nicht dadurch zu Stande kommen, dass etwas aus den Menschen ausbricht?
Auch wenn die Menschen sagen: Der Krieg bricht aus. Mit dieser Redewendung versuchen sie womöglich, sich über sich selbst zu täuschen, um sich nicht für den Krieg verantwortlich fühlen zu müssen.
Was Sie sagen, ist viel zu modern. Erst seit einhundert oder zweihundert Jahren sagen wir: Was geschieht, ist unsere Verantwortung.
Ich denke, es ist unsere Verantwortung, sich derjenigen Mächte bewusst zu werden, durch die hindurch wir leben, die uns beherrschen. Wir sollten uns bemühen, die unmenschlichen Gründe der unmenschlichen Situation des Krieges zu verstehen. Wenn man im Krieg ist, ist man in einer mythischen Welt.
In dieser Welt gelten andere Regeln als die sonst geltenden menschlichen Regeln. Denn der Krieg ist eine andere Form von Existenz. Die Römer haben das verstanden, indem sie das Marsfeld vor die Tore der Stadt legten. Den Legionen war es nicht erlaubt, in die Stadt zu kommen. Das Leben auf dem Marsfeld und das Zivilleben, die res publica, waren voneinander getrennte Gebiete.
Wenn man heute Mitglied der American Army oder der Bundeswehr wird, nimmt man an einem rite d’entrée teil, einer Vereidigung. Denn man soll sein Bewusstsein so ändern, dass man nicht mehr ein normaler Zivilmensch ist, sondern zum Kult des Mars gehört.
Das klingt, als würden Sie die kriegerische Betätigung wie eine mythische Handlung ansehen.
Eine mythische Handlung mit ihrer eigenen Disziplin. Ich sage das nicht, weil ich ein Krieger wäre. Ich möchte nur den Krieg verstehen. Wenn wir den Krieg verstehen wollen, dürfen wir ihn nicht mit den Regeln des Zivillebens beurteilen. Denn er findet in einer eigenen mythischen Welt statt.
Verstehen wir so die Ursachen von Krieg? Ist der Krieg nicht, wie der Kriegstheoretiker von Clausewitz sagte, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln? Wird er nicht aus Interessen und Zielen heraus geführt?
Das hat Clausewitz gemeint. Foucault hat diese Aussage umgedreht: Das Recht kommt aus dem Krieg. Das heisst: Als Erstes kommt der Krieg, was auch Heraklit, Kant, Hobbes oder Levinas so sehen. Natürlich hat Clausewitz insofern Recht, dass Staaten Kriege im Namen von Zielen führen, wie im Irak, wo um Öl gekämpft oder das Ziel der Demokratie angeführt wird. Aber sobald ein Krieg ausgebrochen ist, kann er nicht mehr beherrscht werden. Auch das sehen wir im Irak. Kaum hatte der Krieg begonnen, wurde von Syrien oder dem Iran gesprochen. Als sei das Ziel des Krieges nur der Krieg selbst. Krieg ist wie ein Roboter, der immer mehr Krieg sucht. Krieg will sich selbst fortsetzen, er verschlingt die Welt.
Das ganze Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 77.
James Hillman
Der 1926 geborene Dr. James Hillman hat Studien an der Sorbonne, am Trinity College Dublin und an der Universität Zürich absolviert. Er ist Analytiker und war als Studiendirektor des C.G. Jung Instituts Zürich tätig. Zahlreiche Publikationen haben ihn in den USA und weltweit als bedeutenden Psychologen und Schriftsteller bekannt gemacht. Mit seinem 1993 veröffentlichten Werk Hundert Jahre Psychotherapie und der Welt geht es immer schlechter (neu im Verlag Werner Pieper, Heidelberg) sorgte er nachhaltig für Aufregung. Sein neustes Werk heisst Die erschreckende Liebe zum Krieg. Kösel-Verlag 2005, 298 Seiten, Fr. 41.20.
