Die Güte des Kochs
Heisst Mitgefühl zeigen, sich für andere aufopfern? Nicht für den Dalai Lama. Der Chinese Victor Chan begleitet den tibetischen Führer seit dreissig Jahren und berichtet aus erster Hand.
Von Martin Frischknecht
«Die Weisheit des Verzeihens» steht vorne auf dem Buch. Das wollte er nicht. Doch der Verlag wollte es so. Der Umschlag zeigt einen weltberühmten tibetischen Mönch beim Gebet, und darüber steht in dicken goldenen Lettern der Name: Dalai Lama. Auch das wollte er nicht. Sein Name ist Victor Chan, und dieser Name steht auf dem Umschlag wesentlich kleiner unter dem des tibetischen Friedensnobelpreisträgers von 1989.
Die Wertschätzung für seinen langjährigen Freund, den Dalai Lama, ist ihm zwar recht, doch hier ist sie fehl am Platz. Die Weisheit des Verzeihens (Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2005) ist sein Buch. Er hat es geschrieben, und gerade darum ist es ein kostbarer Solitär, eine Insel der Erholung in der unüberschaubar gewordenen Flut der Dalai-Lama-Literatur, eine liebliche Bucht, die zum Verweilen einlädt an den Ufern des «Ozeans der Weisheit».
Seitdem ich Victor Chan am Rande der Dalai-Lama-Belehrungen im Sommer dieses Jahres in Zürich getroffen habe, steht in meinem Exemplar des Buches eine persönliche Widmung von ihm mit der Aufforderung: «Feiern wir die selbstsüchtigen Buddhas!» Selbstsüchtig? Geht es denn nicht um Selbstlosigkeit? Was es mit diesen selbstsüchtigen Buddhas auf sich hat, erzählt Victor Chan im gleichnamigen Kapitel seines Werks.
Das Leiden der andern
Anfang 2002 befand sich Victor Chan im Gefolge des tibetischen Religionsführers auf einer Pilgerreise zu heiligen Stätten des Buddhismus in Nordindien. Als die Wagenkolonne unterwegs war nach Patna, hatte der Dalai Lama einen Zusammenbruch und litt an heftigen Bauchschmerzen. «Der Dalai Lama krümmte sich vor Schmerzen wie ein kranker Hund, und Patna war noch eine Autostunde entfernt.» Zu allem Überfluss geriet sein Gefährt trotz Polizeieskorte mit Blaulicht in einen Stau.
Als der akut leidende Mönch aus dem Fenster blickte, sah er am Strassenrand einen alten verdreckten Bettler und einen Jungen, der an Krücken ging, da er an Kinderlähmung litt. Zwei Gestalten eben, wie man sie in indischen Städten zu hunderten auf der Strasse sieht.
Wenn man sie sieht. In den kommenden Stunden bewahrte der Dalai Lama in sich das Bild dieser beiden leidenden Menschen und kümmerte sich in Gedanken um deren Wohlergehen. Das half. Ihm hat es geholfen. Ob es auch jenen zwei indischen Armen half, um die er sich sorgte, und ob es deren Not linderte, lässt sich nicht feststellen.
Im Rückblick auf jene schwere Krise bekannte der Dalai Lama: «Die Besorgnis um andere scheint meinen eigenen Schmerz zu lindern. Die Erfahrung, Mitgefühl zu empfinden, ist für einen selbst sehr förderlich, aber nicht unbedingt für die anderen.» Und als er von Victor Chan gebeten wurde, diesen Zusammenhang näher zu erläutern, ergänzte er: «Ein Koch, der für andere kocht, ist, obwohl er nicht die Absicht hat, für sich selbst zu kochen, stets gut genährt.»
Das ist nicht unbedingt, was bei uns unter tätiger Nächstenliebe verstanden wird. In unserer Kultur will man Taten sehen, aufgrund der Hilfe soll sich ein materiell sicht- und greifbarer Fortschritt einstellen, und wer sich aktiv für andere einsetzt, der darf sich um Gottes willen nicht selber daran bereichern. Der Helfende soll sich und die eigenen Bedürfnisse hintanstellen, er hat sich für das Wohl der andern aufzuopfern mit Haut und Haar. Von der Praxis ist diese Vorstellung allerdings so weit entfernt, dass einem der Verdacht kommt, die hehre Idee sei dazu in die Welt gesetzt worden, um sich vor den Niederungen der Praxis und deren Anfechtungen zu drücken.
Denn wer sich wirklich darauf einlässt, kommt um die Frage nach der eigenen Motivation für sein vermeintlich selbstloses Handeln nicht herum. Irgendeine Art von Nutzen schaut dabei für den Helfenden selber heraus – hoffentlich auch, anders kann die Sache auf die Länge gar nicht gut gehen. Falls sich der Gebende beim Helfen aufreibt, ist damit keinem wirklich geholfen. Darum sprechen Leute wie der Dalai Lama, wenn sie Gutes tun, von höherem Eigennutz. Gemeint ist damit die Einsicht in die gegenseitige Bedingtheit und Abhängigkeit aller Wesen: Wenn einer leidet, können andere daneben nicht glücklich sein.
Den Chinesen vergeben
Für Victor Chan, der den Dalai Lama seit über dreissig Jahren kennt und zu dessen engsten Weggefährten er zählt, bedeutet das, sich aktiv für einen Dialog zwischen Tibetern und Chinesen einzusetzen. Dieser Auftrag ist offensichtlich, er ergibt sich aus der Beziehung des in Hongkong aufgewachsenen heute in Kanada lebenden sechzigjährigen chinesischen Physikers mit dem Führer der Tibeter im Exil. Als die beiden sich im Frühling 1972 in Dharamsala zum ersten Mal begegneten, fragte Chan sein Gegenüber unumwunden, ob er die Chinesen angesicht dessen, was sie ihm und seinem Volk antun, hasse. Die Antwort kam so direkt wie überraschend:
«‘Nein’, sagte er. Er sah mir in die Augen. Sein Gesichtsausdruck war ernst, seine Heiterkeit verflogen. Ich schaute weg und starrte auf den Teppichboden. Nach einem endlosen Schweigen sprach er ruhig und langsam auf Tibetisch mit seinem Übersetzer Tenzin Geyche.» Bei der Besetzung Tibets handle es sich um eine Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei Chinas, nicht um einen Konflikt mit dem gewöhnlichen chinesischen Volk, erklärte der Dalai Lama. Er betrachte die Chinesen noch immer als seine Brüder und Schwestern. Er hasse die Chinesen nicht; im Gegenteil vergebe er ihnen vorbehaltlos.
Victor Chan bekennt freimütig, von der Audienz damals eher enttäuscht gewesen zu sein. Er hatte einen König erwartet und sei einem zwar freundlichen und nüchternen, aber allzu bescheidenen Menschen begegnet: «Der Dalai Lama hatte keinen Heiligenschein, und er kicherte zu viel.» Dennoch zog es Victor Chan in der Folge immer wieder zu Tibetern und schliesslich nach Tibet selber. Während vier Jahren bereiste er das Land am Himalaja und recherchierte für einen umfassenden Reiseführer zu den traditionellen Pilgerstätten des tibetischen Buddhismus, den er 1994 veröffentlichte.
Und heute kann Victor Chan davon berichten, dass sein Buch über die Freundschaft mit dem Dalai Lama in Südostasien eine ganz ausserordentliche Beachtung findet. In Taiwan und Hongkong ist es frei erhältlich, den Festlandchinesen soll es übers Internet zugänglich gemacht werden, und in Korea erklomm es die Spitze der Bestsellerliste, von wo es die koreanische Version von Dan Browns Sakrileg verdrängte. Stolz schwingt mit, wenn der Autor von diesem schönen Erfolg berichtet. Das gehört dazu. Zugleich stellt Victor Chan aber auch ganz sachlich fest, dass sein Buch dazu beiträgt, den Chinesen die Person des Dalai Lama näher zu bringen, und das sei gewiss eine gute Grundlage, um künftig Missverständnisse im Dialog zu vermeiden. Da hört man den Koch sprechen, der seine Hände an einem Tuch abtrocknet, in die Gaststube blickt und mit Genugtuung feststellt, dass die Leute beisammensitzen und es gut haben.
