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Nr. 77 Herbst 2005
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 Edition SPUREN
 
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Die unbändige Seele
Die zeitlose Botschaft der Spiritualität, begeisternd, klar, überzeugend.
 

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Die Schönheit der anderen
Selbstbewusstsein, Eigennutz und Gewinnstreben sind die Werte, um die sich heute alles dreht. Geht es auch anders, und zwar so, dass Güte und Mitgefühl gelebt werden, weil sie allen Beteiligten mehr bringen? Allerdings! Ein Aussteiger berichtet.
Von Marc I. Barasch

Immer mal wieder kommt es vor, dass ich einem Menschen begegne, dem es gelungen ist zu entkommen, einem Exilanten, der es geschafft hat, aus dem Reich der Selbstbezogenheit in die Gefilde des Mitgefühls auszubrechen. Bestimmt sind Sie solchen Menschen auch schon begegnet; sie strahlen beständig etwas aus, was ich in Ermangelung eines besseren Begriffs als Schwingung der Liebe bezeichnen möchte. Sowie wir in ihre Nähe geraten, fühlen wir uns umarmt und angenommen als das, was wir sind.
Jene unter uns, die argwöhnen, im Leben gebe es kaum je etwas umsonst, empfinden dieses Strahlen als heikel: Die kennt mich ja gar nicht. Womit die hier um sich schmeisst, ist nichts weiter als biologischer Überschwang. Aber es fühlt sich einfach gut an, ihr nahe zu sein. Da stehen sie, diese strahlenden Menschen, senden Photonen der Güte aus, und ohne es zu wollen, strahlen wir zurück. Mit einem Augenaufschlag verändert sich die Welt.
Ich mag diese wandelnden Quellen des Mitgefühls, ich bewundere diese Menschen, doch kaum je stelle ich mir vor, einer der ihren zu sein. Gewiss, ich habe versucht, ein gütiges Leben zu führen, habe mich stark gemacht für den Frieden, für mehr Gerechtigkeit und für das Wohl von Mutter Erde – zumeist indem ich Buchstaben und Wörter auf Papier setzte und Botschaften durch den Äther sandte. Ich zweifle, ob mich dieses Bemühen aus meiner Selbstbezogenheit führte – vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Und noch immer lasse ich mich von kühler Objektivität leiten, wenn es darum geht, die Flut von allenfalls aufwallendem Mitgefühl einzudämmen und in mir niederzuhalten.
Aber ich möchte gut sein. Und damit meine ich nicht dieses rechtschaffene Gefühl der so genannten «Moralischen Mehrheit» in den USA. Nein danke, da bleibe ich lieber in der Minderheit. Nicht jenes klebrig-süsse, kalorienarme Gutsein, nein, was ich meine, ist ein bodenständiges «Ich kann nicht anders»-Gefühl unabdingbarer Güte. Die Welt könnte viel davon gebrauchen. Aber ich habe dieses Gefühl nicht, und das geht mir auf den Geist.
Wie wohl die meisten bin ich im Grunde ja ein netter Mensch. Ich verehre meine Sprösslinge, selbst wenn sie mich zum Wahnsinn treiben; ich liebe meine Eltern trotz einer verkorksten Kindheit; ich mag meine Geschwister, obschon die Erinnerungen an alte Verletzungen noch in mir lebendig sind; und ich schätze meine Freunde, obwohl mich der eine oder andere auch schon im Stich gelassen hat. Dass ich das Beste, was ich habe, meinen Liebsten und Nächsten zuhalte und für den weiteren Teil der Menschheit nur die Reste übrig lasse, das geht heutzutage als guter Menschenverstand durch.
Darum, so meinen die Weisen, reduziert sich die Ernte der Güte bei Lichte besehen auf einige wenige kostbare Körnchen. Doch im Kern einer jeden spirituellen Tradition leuchtet das Feuer einer wahrhaft radikalen Forderung: Öffne dein Herz für jeden. Ausnahmslos jeden.
Was ist denn gemeint, wenn in Religionen die Rede ist von Mitgefühl, diesem Faktor X, der zumindest von den Religionsstiftern beschworen wurde als höchste Tugend? Wenn der Dalai Lama erklärt, seine einzige Religion sei die Güte, und der Papst eine Zivilisation der Liebe fordert, so dürfen wir davon ausgehen, dass das mehr sind als fromme Parolen. Güte und Liebe sind Werte, deren praktische Kraft nicht zu überschätzen ist, wenn es darum geht, Feindschaft aufzulösen. Nelson Mandela bemerkte einmal, er habe sich angefreundet mit seinen Gefängniswärtern, mit jenen grimmigen Typen in sandfarbenen Uniformen, die während Jahrzehnten darüber wachten, dass er seine Arbeit in den Steinbrüchen verrichtete. Die Freundschaft sei ihm gelungen, indem er «die guten Qualitäten der Wärter ausnützte». Befragt, ob er denn glaube, dass alle Menschen in ihrem Kern gut seien, antwortete Mandela: «Da habe ich nicht den leisesten Zweifel, man muss sich bloss darauf verstehen, die seinem Gegenüber innewohnende Güte zu wecken.» Wenn das klingt wie Wunschdenken – nun, Nelson Mandela hat genau das getan.

Pipette und Ozean
Als ich gut zwanzig Jahre alt war, wurde ich von meinem buddhistischen Lehrer dazu verleitet, ein Gelübde darauf abzulegen, inskünftig umfassendes Mitgefühl zu praktizieren. Mit einer Art von spirituellem Taschenspielertrick, hinter den ich noch immer nicht gekommen bin, machte er mich ernsthaft glauben, mir werde es dereinst gelingen, in meinem Leben in einen Zustand umfassender Güte zu gelangen, in dem ich das Wohl anderer Wesen über das eigene Wohl stelle. Wenn das nur gut geht, dachte ich. Doch auf seine verschmitzte Art gelang es meinem Lehrer, das Gelübde eines Bodhisattvas, zum Wohle anderer zu leben, so zu präsentieren, dass es mir erschien, als läge es in meinem ureigenen Interesse. Es ginge nicht darum, so erklärte er mir, mich in ein vorgefertigtes härenes Büsserhemd zu zwängen, nein, bei diesem Gelübde gehe es ganz und gar um mein eigenes Wohlergehen. Dadurch werde es mir endlich möglich, über den Tellerrand der Existenz zu blicken; Finger für Finger werde sich der eiserne Klammergriff des Egos in meinem Leben lösen und mein Herz werde zu atmen beginnen. Wer anderen gegenüber grosszügig sei, der werde selbst grosszügig behandelt. Mir kam es vor, als würde ich eingeweiht in ein altehrwürdiges Geheimnis: Um dein eigenes menschliches Potenzial zu verwirklichen, kümmere dich um das menschliche Potenzial deiner Mitmenschen.
Die Zeremonie, bei der ich das Gelübde ablegte, war eine enttäuschend beiläufige Geschichte, die sich irgendwo auf einem steinigen Acker abspielte. Doch an einem bestimmten Punkt hatte ich das Gefühl, meine Sicht der Dinge kläre sich. Für einen Augenblick sah ich wie durch ein Loch in den Wolken, die den Himmel bedeckten. Ich erkannte, dass jeder Mensch um mich eigentlich gut war. Noch Jahre danach liess mich das wild entschlossene Draufgängertum jener Liturgie staunen: «Zahllos sind die Wesen, die leiden. Ich gelobe, sie ausnahmslos zu befreien.» Es war die klassische buddhistische Kühnheit, mit der ich mich zur Verpflichtung verleiten liess, sämtliche Meere der Welt mit einer Pipette ausschöpfen zu wollen. Ich wusste ja kaum, was ich da tat, doch versetzte ich mich in eine jahrtausendealte Tradition, die vorgibt, es sei möglich, alle zu lieben, restlos alle, ohne Vorbedingung, ohne Ausschlussklausel, ohne Ende; das heisst, das Leben richtet sich nicht länger auf Gegenleistung aus, sondern einzig und allein auf die Förderung des Guten.
Zu meiner eigenen Überraschung erwies sich die Verpflichtung, die ich eingegangen war, nicht als Bürde. Vielmehr fühlte ich mich befreit von der Last meines überkritischen Denkens und von der Enge meiner Ansichten. Es war, als hätte ich nur auf ein Signal gewartet, um die Strassenseite zu wechseln und auf der anderen Seite aus Mitgefühl zu leben, ganz einfach, weil das die einzig sinnvolle Sache im Leben zu sein schien.
Allein schon der Entschluss, mich nützlich zu machen, brachte etwas Heilsames mit sich, er breitete sich in mir aus wie ein rasch wirksames Gegengift, das mich aus dem täglichen Trott erlöste. Zuvor war ich davon ausgegangen, im Leben gehe es darum, ständig grösser und bedeutender zu werden – selbstverständlich um der guten Sache willen. Nun erschien mir diese Überzeugung, als hätte ich dabei von der verkehrten Seite aus durch ein Fernrohr geblickt: Alle anderen waren dadurch klein geworden.
Bald trat ich eine Stelle an, bei der ich im Rahmen einer therapeutischen Wohngemeinschaft Kost und Aufenthalt verdiente und überraschte mich selbst mit der Fähigkeit, mich um die Versehrten und Ausgestossenen dieser Gesellschaft zu kümmern. In meinen Gedanken beschäftigte ich mich nicht mehr so sehr damit, wie andere mich je versetzt oder enttäuscht hatten, wie mir das Herz gebrochen worden war, wie selten meine Bedürfnisse und Empfindlichkeiten von anderen wahrgenommen und respektiert worden waren. Hingegen begann ich die Fähigkeiten anderer wahrzunehmen, sie zu fördern, und erhielt im Gegenzug jene überraschenden Gaben, die uns der menschliche Geist beschert, wenn er sich angenommen weiss und wir ihm Wertschätzung entgegenbringen.
Doch dann strauchelte ich und machte einen tiefen Taucher: eine grässliche Krankheit, eine nicht enden wollende Zeit des Leidens, Mangel, Einsamkeit, vollständige Verzweiflung. Freunde machten schwer auf Mitleid – und zugleich waren sie darauf bedacht, mir aus dem Weg zu gehen. Mit der Familie lief es auch nicht besser. Diese Einsicht liess mir die Seele gerinnen: Die Menschen, die man liebt und die angeblich diese Liebe auch erwidern, sind nicht unbedingt für einen da, wenn man sie wirklich braucht. Irgendwie hab ich’s überstanden – die Zuwendung von Fremden und all das –, doch als das Gröbste hinter mir lag, sah ich die Welt irgendwie mit anderen Augen. Wohin ich auch blickte, erkannte ich nichts als Putz und Eitelkeit, intellektuelle Unredlichkeit und ethische Unzulänglichkeiten. Und es dauerte recht lange, bis mir auffiel, dass diese Art von Kurzsichtigkeit ihren Preis hat – und dass sich etwas dagegen unternehmen liess.

Was ich auch bin
Den Weg zurück zur Meditation zu finden, hat mir geholfen. Was könnte es Hilfreicheres geben als die lange, ungeschminkte Betrachtung seiner selbst – und ist es nicht verblüffend, wie ähnlich wir den anderen sind? Mir fiel auf, wie sehr ich Beziehungen darauf ausrichtete, von anderen zu bekommen, statt ihnen zu geben, und wie viele meiner Gedanken auf Umlaufbahnen kreisten, die sich alle auf Zentralgestirn Nummer eins bezogen, also auf mich. Innere Arbeit bezieht sich auf den Menschen als Ganzen, und sie läuft darauf hinaus, dass es für uns zunehmend schwieriger wird, sich etwas vorzumachen. Auf einen Punkt jedoch hat mein Lehrer stets bestanden: Obschon sie sämtliche Unmöglichkeiten des Egos in den Blick bekommen, schliessen wahre Bodhisattvas Freundschaft mit sich selbst. Jeder Mensch verfüge über einen Wert, der jenseits des Zähl- und Messbaren liege, Qualitäten, die sich nicht bewerten oder verfeinern lassen – und dazu zähle man sich selbst.
Seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, das ist schliesslich das Gebot einer jeden Religion. Doch was heisst eigentlich, sich selber lieben? Fordern lässt sich das leicht; es tief in sich verkörpern, ist etwas anderes. Soll ich zu meinem Ebenbild im Spiegel sprechen und dem Gegenüber Nettigkeiten zuraunen? Soll ich mich zärtlich dem inneren Kind in mir zuwenden, es kitzeln und hinter den Ohren kraulen? Die Sache scheint darauf hinauszulaufen, dass es geht, wie wenn man sich verliebt: Man lernt sich kennen, und daraus erwächst die Liebe. Und wer sich selber wahrhaft näher kommt, der lernt auch den kennen, der neben einem sitzt, und jenen Menschen, der am anderen Ende der Welt lebt. «Lies dich selbst», riet der Philosoph Thomas Hobbes, «wer in sich selbst blickt, erkennt in sich die Gedanken und Leidenschaften der andern.»
Ob ich dann auch liebe, was ich in mir selber finde, das steht hingegen auf einem anderen Blatt. Ja, ich habe gelesen, was es in mir zu lesen gab, und es stand in grossen Lettern: kleinmütig, verdächtig, gierig, eitel, eifersüchtig, faul, geizig, träge – und das sind nur die wichtigsten Eigenschaften, dazwischen und kleiner standen noch jede Menge weiterer verwandter Begriffe. Dass ich in mir auch Züge erkenne von Grossmut, Gewissenhaftigkeit, Verlässlichkeit, Sparsamkeit, Entschlossenheit und Bescheidenheit, darauf kommt es in diesem Zusammenhang nicht an. Denn hier geht es nicht darum, die Geisselung einer gestrengen Selbstkritik aufzuheben durch möglichst viele Pluspunkte, die sich auch noch finden lassen. Wir müssen uns selbst und alle anderen ganzheitlich betrachten. Der Dalai Lama betont, dass «Tsewa», der tibetische Begriff für Mitgefühl, zwar gemeinhin verstanden wird als Liebe für andere, doch «wir können dieses Gefühl auch für uns selber haben. Tsewa ist ein Geisteszustand, bei dem wir das auf andere ausdehnen, was wir für uns selber empfinden». Wenn es stimmt, dass es zurücktönt, wie wir in den Wald hineinrufen, dann ist Mitgefühl nichts anderes als die Neigung der Liebe, Kreise zu bilden und die Menschen wechselweise zu beglücken.
Und auszustrahlen. Der Dichter Alexander Pope prägte für Mitgefühl das Bild von konzentrischen Kreisen, die sich ausdehnen:
… Selbstliebe bringt den tugendhaften Geist zum Erwachen / wie ein Bläschen den friedlichen See kräuselt / … den Freund, die Eltern, die Nachbarn umfängt sie zunächst / dann das eigne Land, schliesslich die Menschheit ganz

Lesen Sie den ganzen Artikel in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 77.

Marc Ian Barasch ist ein preisgekrönter Schriftsteller, der in den USA lebt und früher als Chefredaktor der Zeitschrift New Age Journal tätig war. Später veröffentlichte er viel beachtete Bücher wie Ich suchte meine Seele und wurde gesund und Healing Dreams (siehe dazu seinen Beitrag in SPUREN Nr. 59/Frühling 2001). Der vorliegende Text ist eine Zusammenfassung aus Marc I. Baraschs neuestem Werk Field Notes on the Compassionate Life (Rodale Press, New York 2005).
Die Übersetzung besorgte Martin Frischknecht.


Autor: Marc I. Barasch | Profil
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