LSD Erfinder Albert Hofmann wird 100!
Mit 99 hat man alles gesehen – würde man meinen. Nicht so Albert Hofmann. Der LSD-Entdecker hat als Kind schon gestaunt. Das tut er heute noch – und öffnet damit anderen die Augen.
Von Martin Frischknecht
Drei Buchstaben sind’s, die gilt es zu vermeiden. Da ich nicht zum ersten Mal bei ihm bin, ist mir die Regel vertraut, und er brauchte das Ritual nicht durchzuspielen: Vorsichtig erkundigt sich Albert Hofmann, worüber ich mit ihm denn zu sprechen gedenke. Doch als er mir diese Frage stellt, ist es bereits zu spät. Er selber hat das leidige Thema von sich aus aufgebracht. Kaum dass wir uns gegenübersassen, kaum hatte ich das Tonbandgerät installiert, und kaum hatte er zwei Gläser mit Süssmost vor uns gestellt, legte er los – und wie! Ich brauchte nur ab und zu ein Stichwort einzuwerfen, alles Weitere ergab sich ganz zwanglos.
Albert Hofmann: LSD ist uralt, es hat 3000 Jahre hinter sich und gehört in die Gruppe der heiligen Drogen wie Peyotl, Teonanacatl und Ololiuqui. Diese Substanzen sind mit LSD chemisch-strukturell und wirkungsmässig eng verwandt, und sie werden von indianischen Völkern seit Jahrtausenden in sakralen Zeremonien verwendet.
SPUREN: Der Mutterkornpilz wurde aber nie als sakrale Droge verwendet.
Durch Hinweise von Mythologen stiess ich auf den antiken Mysterienkult von Eleusis. Die Beschreibungen der Visionen, die uns dazu vorliegen, stimmen auffallend überein mit der psychoaktiven Wirkung von LSD. Ein Beweis, dass diese Droge dort tatsächlich zur Anwendung kam, liess sich zwar nicht erbringen, doch die uns vorliegenden Belege deuten stark in die Richtung.
Die Wirkungen des Mutterkornpilzes liegen eher im Bereich der körperlichen Erscheinungen. Grundstoff ist die Lysergsäure. In den dreissiger Jahren war es gelungen, jenes Alkaloid des Mutterkorns zu isolieren, das in der Geburtshilfe zur Anwendung kommt: Ergobasin. Ich habe dafür eine Synthese ausgearbeitet, was zu einem blutstillenden Mittel führte, das in der Geburtshilfe heute noch eine bedeutende Rolle spielt. Während der folgenden Jahre beschäftigte ich mich immer wieder mit Derivaten von Ergobasin. Nach einem Hilfsmittel für die leibliche Geburt stiess ich bei diesen Forschungen auf ein Hilfsmittel der geistigen Geburt: LSD.
Was man als Zufallstreffer bezeichnen könnte.
Ich würde eher sagen, LSD sei ein Produkt aus Planung und Zufall.
LSD, Lysergsäure-Diäthylamid, wurde in den dreissiger Jahren planmässig hergestellt in Analogie zu Nikotinsäure-Diäthylamid, dem bekannten Kreislaufstimulans «Coramin». Bei der Prüfung in der pharmakologischen Abteilung zeigte LSD jedoch keine medizinisch nutzbaren Eigenschaften.
Nicht planmässig, sondern zufällig wurden jedoch die psychischen Wirkungen des LSD entdeckt. Das geschah, als ich bei einer späteren Synthese dieser Substanz in einen glückseligen Bewusstseinszustand geriet, den man heute als psychedelisch bezeichnen würde. Als Ursache vermutete ich zunächst das bei der Arbeit verwendete chloroformähnliche Lösungsmittel. Aber ein Schnüffeltest damit blieb erfolglos. Erst ein sehr vorsichtiger, jedoch dramatisch verlaufener Selbstversuch mit LSD führte zur Entdeckung der bewusstseinsverändernden Potenz dieser Substanz.
Somit war ein das Bewusstsein im vertiefenden Sinn veränderndes Medikament geboren, das aus dem Arzneimittelschatz so wenig wieder verschwinden wird wie das schmerzlösende Traummittel Morphin.
Gunst der Stunde
Das Nachmittagslicht lag sanft auf den grünen Hügeln des Leimentals, mild schien die herbstliche Sonne durchs Verandafenster. Draussen trieb ein Bauer seine Rinder ein und räumte den Zaun von Hofmanns Land ab. Ernten, einbringen, die Gunst der Stunde nutzen. Hatte ich mir dazu nicht eine schlaue Frage zurechtgelegt? Von chronologischer Zeit wollte ich mit ihm sprechen, vom messbaren Verlauf der Jahre, verglichen mit den Zeitläufen des Kairos, des griechischen Gotts der Fügung und des glückhaften Augenblicks.
Als ich ihm diese Frage schliesslich stellte, verstand er nicht, was ich damit wollte. Wozu auch! Steckten wir denn nicht beide mittendrin, erlebten wir nicht beglückende Stunden, ohne uns darüber Gedanken zu machen? So richtig bewusst wurde mir das erst auf dem Heimweg, als wir gemeinsam die Rottöne des Abendhimmels bewundert hatten und ich nach dem Abschied unter allmählich erstrahlendem Sternenhimmel ins Dorf hinunter trottete. Bei Hofmanns oben, da wohnt das Glück, da war ich mir sicher, und ich hatte daran teilhaben dürfen.
LSD? Nein, das ist nicht der Name von Hofmanns Glück. Das Thema zu umschiffen fällt mir nicht schwer. Ich kenne mich damit nicht aus, jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Er natürlich schon. Aber bitte, das liegt weit zurück. Er hat die psychoaktive Substanz Jahrzehnte nicht mehr eingenommen. LSD habe ihm gesagt, was es ihm zu sagen hatte.
Den Chemiker auf sein «Sorgenkind» festzulegen ist in etwa so sinnvoll, wie wenn unsereiner seit vierzig Jahren darüber Auskunft zu erteilen hätte, wie es denn damals war, als einen die Mutter als Kleinkind anlächelte und man lächelte zurück. Der Vergleich ist insofern statthaft, als Albert Hofmann heute tatsächlich weit lieber von einem Kindheitserlebnis erzählt, das immerhin neunzig Jahre zurückliegt; und er tut es detailgenau und anrührend, als wäre es eben erst gewesen. Da war er als Junge alleine durch Felder und Wälder oberhalb seiner Heimatstadt Baden im Aargau gestreift und hatte mit einem Mal Blumen, Gräser und Bäume in ihrer ganzen pulsierenden Lebendigkeit erschaut und sich als Teil dieses lebenden Ganzen erfahren. Mit dieser tief empfundenen mystischen Wahrheit habe er sich gut dreissig Jahre später als Erwachsener dank LSD wieder verbunden.
Und das ist jetzt auch schon wieder sechzig Jahre her …
Sehnsucht nach Schönheit
Sie gehen auf den hundertsten Geburtstag zu. Der Anlass wird im kommenden Januar mit einem grossen internationalen Symposium gefeiert. Ist das Alter nun für Sie ein Thema, oder bin ich damit noch zu früh?
Nein, Sie sind damit bestimmt nicht zu früh. Ich wundere mich ja selber, dass ich so alt geworden bin. Als Junge habe ich meiner Mutter beim Abwasch geholfen und Geschirr abgetrocknet, da sagte ich zu ihr, dass ich nie älter werden wolle als 35 Jahre. Die Mutter reagierte ganz entrüstet und wollte von mir wissen, wie ich denn auf so etwas komme. Da sagte ich zu ihr: «Weisst du, nach 35 Jahren sind die Menschen nicht mehr schön.»
Die Sehnsucht nach Schönheit hat mich offenbar durchs Leben geführt. Ich ging dem Geheimnis des Schönen nach, und das hat mich zum Naturforscher gemacht. Die Naturwissenschaft führt einen näher an diese Geheimnisse heran, und heute wundere ich mich, dass nicht jeder Naturwissenschafter ein Mystiker wird. Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich und desto stärker fühle ich mich getragen von der Mitgeschöpflichkeit zu Pflanzen und Tieren.
Sie haben sich das Staunen bewahrt. In der Forschung haben Sie zwar viel herausgefunden, dennoch können Sie staunen über die Welt.
Immer mehr. Ich glaube die Religion der Zukunft muss auf dem Staunen gründen, zu dem man kommt, wenn man die Natur wirklich studiert, also mit Wissenschaft und mit Gefühl. Der Schöpfer spricht zu uns durch seine Schöpfung, nicht durch Worte. Beim Studium der Natur sieht man, dass hinter allem ein Plan steht und nicht der Zufall waltet. Und wir begreifen, dass wir von Grund auf einen Platz haben in der Pflanzen- und Tierwelt. Darin fühle ich mich geborgen, und in dieser Geborgenheit weiss ich nicht, wie alt ich bin.
Kürzlich habe ich eine späte Rede von Albert Einstein gehört. Er sagte darin, das Schönste und Tiefste, was ein Mensch in seinem Leben erfahren könne, sei das Gefühl des Geheimnisvollen. Geheimnisvoll – voll, voll, voll von Geheimnis! Das ist derart wunderschön! Wenn wir bedenken, dass es draussen in der Welt gar keine Farben und Töne gibt und dass das alles entsteht durch eine Reizung von elektromagnetischen Wellen auf unsere Sinne, die nur ein ganz schmales Spektrum dieser Wellen überhaupt wahrnehmen. Was daraus alles entsteht, das ist doch ein Wunder!
Das ganze Gespräch mit Albert Hofmann lesen Sie in der aktuellen SPUREN-Ausgabe Nr. 78. Sie ist an jedem grösseren Kiosk erhältlich.
