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Nr. 78 Winter 2006
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Dr. Hell
Daniel Hell, Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich und Autor von Büchern
über die Seele und psychisches Leiden sowie über die Weisheiten der Wüstenväter, setzt sich ein für das «Mehr» im Leben.
Von Colette Grünbaum-Flury

Was bringt einen Menschen dazu, sich mit den dunklen Seiten der Psyche zu befassen? Bei Daniel Hell war es anfänglich die Auseinandersetzung mit eigenen «depressiven» Verstimmungen. Viele weitere Faktoren seien jedoch an seinem Werdegang zum klinischen Psychiater beteiligt gewesen, erzählt der gross gewachsene Mann mit Schnurrbart, nachdem wir es uns in seinem Büro bequem gemacht haben. «Wo wollen Sie sitzen?», hatte er nach dem Eintreten gefragt. Ein mächtiger Schreibtisch mit viel Ablagefläche dominiert die eine Seite des Raumes, zwei gemütliche Sessel mit Clubtisch die andere. Wir wählten die bequemere und persönlichere Variante am Fenster, mit Blick auf den Vorplatz der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ehemals Burghölzli.
Vor allem sein «Grenzgängertum» zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat Daniel Hell zu seiner Berufswahl bewogen. Die Psychiatrie, ein medizinisches Fach mit naturwissenschaftlicher Verankerung und mit psychologisch geisteswissenschaftlichen Elementen, bot sich Anfang der siebziger Jahre als ideale Verbindung der beiden Richtungen an. 1971 kam er dann erstmals als Assistenzarzt in die Klinik. «Ich war bisher insgesamt dreimal am Burghölzli. Einmal als Assistent, einmal als Oberarzt und einmal als Direktor. Das vierte Mal weiss ich nicht …», sagt er, und wir lachen über den makaberen Scherz.
Das erste Jahr an der Klinik empfand Daniel Hell als ernüchternd. Damals herrschte eine klassische Psychiatrie mit einer Zusammenballung schwer erregter Menschen in Wachsälen. Handfest sei es zu und her gegangen, erinnert er sich. Vieles, was die Patienten erlebt hatten, austrugen und selber machten, ging ihm unter die Haut. Der engagierte junge Arzt konnte einerseits viel bewirken und durch ein Ferienlager sogar eine geschlossene Abteilung öffnen, anderseits gelang es ihm noch nicht sehr gut, sich abzugrenzen.
Ermüdet und mit dem Gedanken, dass die Psychiatrie vielleicht doch nicht alles sei, verliess Daniel Hell die Klinik. Er ging beruflich in die innere Medizin und Neurologie, kam dann aber über die Psychosomatik wieder auf die Psychiatrie zurück und habilitierte zum Thema: Ehen von depressiven und schizophrenen Menschen. Nach sechs Jahren als Oberarzt am Burghölzli übernahm er die Stelle des Chefarztes an der kantonalen Psychiatrischen Klinik Breitenau in Schaffhausen. «Das war eine tolle Zeit, in der ich die Psychiatrie auch prägen konnte», erinnert er sich. Eine Klinik mit Anstaltscharakter verwandelte er in ein offenes Psychiatriezentrum mit Ambulatorium, Wohngruppen, einem Tageszentrum, und er schaffte auch die Wachsäle ab.

Psychohygiene
Etwa ein Drittel seiner Zeit verbringt der heutige Klinikdirektor mit psychisch kranken Menschen. «Für mich ist das etwas absolut Psychohygienisches. Ich hoffe natürlich, dass die Menschen, die zu mir kommen, auch etwas davon haben», beantwortet Daniel Hell meine Frage nach Erkenntnissen aus dieser Arbeit. Es sei immer etwas Wechselseitiges, ergänzt er, der mit seinen Patienten erkannte, wie bedeutend unser Selbstbild für unser Wohlbefinden ist. «Viele Menschen scheitern an den Vorstellungen, die sie von sich selber haben. Man darf sie nicht verabsolutieren, denn sie sind letztlich immer nur Konstrukte. Ich begegne Menschen, die sich aufgrund solcher Konstrukte das Leben nehmen wollen, wenn sie sehen, dass ihre Vorstellungen nicht ihren Lebensmöglichkeiten entsprechen. Erwartungsdruck, ob von innen oder von aussen, ist gefährlich.» Je älter er werde, desto wichtiger sei es ihm, eigene Erwartungen und Vorstellungen zu relativieren. Früher sei er positions- und rollenbewusster gewesen als heute.
Wie verhindert der in einer Patchworkfamilie lebende Vater einer erwachsenen Tochter mit seinem enormen Arbeitspensum, in eine Arbeitsüberlastung hineinzulaufen? Er betont, dass er seinen Beruf liebe und nicht tauschen möchte. Doch er verschweigt nicht, dass es im Berufsumfeld auch schwierig sei. Der Konkurrenzdruck, der Anspruch, immer etwas zu liefern, sich zu positionieren, das könne schon in einen Burnout oder eine Depression führen. Wenn er Gefahr laufe, sich in Rollenerwartungen zu verlieren, sei es ihm wichtig, sich ganz bewusst und auch leiblich zu spüren, in die Stille zu gehen und sich Zeit für sein Privatleben zu nehmen. Er spricht vom «Leben aus erster Hand», von Dingen, die ihm gut tun und in denen er sich angenommen weiss.
Nährend ist für Daniel Hell auch die Lektüre von Büchern wie Ich und du von Martin Buber, Bücher von Kierkegaard, Paul Tillich, Alois Haas oder Dorothee Sölle. Sakralmusik erlebt er als echt, ergreifend und standgebend, und auch die Natur schätzt der Wanderer und Bergsteiger Hell. In ihr kommt er mehr zu sich, spürt sich und fühlt sich aufgehoben in einem grösseren Ganzen.

Zwei Seiten
An der Wand hinter Daniel Hell hängt das Porträt, das als Titelbild für sein Buch Seelenhunger verwendet wurde. Das Bild des Künstlers Elsener hat zwei Seiten: die eine Gesichtshälfte ist wie eine Fotografie, die Aussenseite oder die Perspektive der dritten Person. Die andere Seite ist intuitiv gemalt, aus dem Empfinden, dem Erleben in erster Person. «Das Bild enthält die Spannung, die wir leben sollten. Wir dürfen nicht alles auf eine Seite setzen», sagt Daniel Hell. In dieser neurowissenschaftlichen Zeit, in der das Gehirn und alles Messbare die Hauptrolle spielen, steht er ein für die andere Seite: die Seele.
Selbst, Psyche, Ichbewusstsein oder Subjektivität sind für Daniel Hell künstliche Begriffe, die weit entfernt sind vom Reichtum, den der Begriff Seele enthält. Doch für die Wissenschaftler ist die Seele nicht brauchbar, denn sie kann weder lokalisiert noch gemessen, ergriffen oder fotografiert werden. Niemand möchte aber seelenlos sein. Der Autor der Bücher Seelenhunger (Hans Huber Verlag), Die Sprache der Seele verstehen und Aufschwung der Seele (beide Herder Verlag) sieht die Seele als ein Symbol für das «Mehr» im Leben, das Überschüssige, für das Entscheidende, das unser Leben bereichert und lebendig macht. Wirkliche Begegnung ist etwas Seelisches und nicht einfach eine Begegnung von Hirnströmen.

Seelengrund
«Wenn ich nur Neurowissenschaften und psychiatrische Diagnostik machen würde, wäre mein Leben arm. Das, was mich in der Begegnung bereichert, ist die seelische Komponente, die ich im anderen und in mir spüre. Sie kann nur in Beziehung, in einem Vertrauensprozess erahnt oder gespürt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Mensch auch etwas Undefinierbares, Unbestimmbares und Persönliches, eben etwas Seelisches, hat», erläutert der Klinikdirektor, der auch am Burghölzli Erneuerungen eingeführt und daraus eine moderne Klinik für affektive Erkrankungen mit Spezialabteilungen gemacht hat.
Den Menschen zurückzuführen auf das, was er in sich spürt, sei heute bedeutsam, weil viele Menschen sich selbst ein Stück weit verloren hätten. Wenn man glaube, das Negative käme von aussen und decke einen zu, dann fühle man sich ausgeliefert. Das, was wir in uns erspüren und fühlen können, gebe uns eine Gegenmacht. Deshalb sei es wichtig, das eigene Erleben zu stärken, sagt der Psychiater.
Die Erforschung der Depression führte Daniel Hell zu den christlichen Wüstenvätern.* «In der Art, wie diese Eremiten mit der spirituellen oder depressiven Blockade umgingen, nahmen sie bereits Freuds Theorie und die gesamte kognitive Psychotherapie vorweg», sagt Hell mit Bewunderung.
«Die Wüstenväter, das waren ja spleenige Leute! Was die durchgemacht haben!» Während Daniel Hell vom Räuberhauptmann, der in die Wüste floh und Eremit wurde, und anderen erzählt, tritt Begeisterung in sein Gesicht. Was fasziniert ihn an diesen Menschen? «Heute würden viele von ihnen in der Psychi landen», meint er. «Ihr Mut, sich ihren extremen Lebensbedingungen zu stellen, imponiert mir. Oft kamen sie nach Jahrzehnten zu einer Abgeklärtheit, in der sie vielen anderen Menschen helfen konnten. Dies zeigt: Auch wenn man viel erlebt und durchgemacht hat – wenn man den Problemen standhält, kann man zu einem innerlich reichen Menschen heranreifen.»

*Daniel Hell: Leben als Geschenk und Antwort. Weisheiten der Wüstenväter. Herder Spektrum, Freiburg 2005.


Autor: Colette Grünbaum-Flury | Profil
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