Drogentest an der Uni
Halluzinogene Drogen hatte Autor Max Weih noch nie zu sich genommen. «Call for meditator participants in the study of meditation and Psilocybin at the Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich» in einem Inserat in der Herbstausgabe von SPUREN machte ihn neugierig.
Von Max Weih
Zu Beginn des Experiments schickte man mich zum Internisten der Universitätsklinik, der mir Fragen zu meiner Gesundheit stellte, mein Blut nahm und meine Herzfrequenz mass. Später sass ich auf einem unbequemen Stuhl in einem kleinen schalldichten Raum der Forschungsabteilung des ehemaligen Burghölzli und hatte die Aufgabe, mich eine Stunde lang intensivem Denken hinzugeben.
Zuvor wurde auf meiner Kopfhaut ein ekliges Gel aufgetragen und anschliessend eine eng anliegende Kappe mit 64 Löchern über mein Haupt gestülpt. In die Löcher steckte man Elektroden, welche über Drähte mit einem Messgerät verbunden waren. Vor mir befand sich der Bildschirm eines Computers.
Man gab mir die Tastatur auf die Knie. Mittels Tastendruck musste ich verschiedene Figuren voneinander unterscheiden, die ununterbrochen auf dem Bildschirm erschienen.
Hinterher füllte ich tausend Fragebogen aus. Ich langweilte mich und fragte mich, warum ich überhaupt noch hier bin. Und auch die Psychiatrische Universitätsklinik mochte ich nicht.
Eine Woche später durchlief ich dieselbe Prozedur wieder; nur durfte ich mich dieses Mal in einen Zustand meditativer Versenkung begeben, bevor ich die Computertasten drückte. Ich fühlte mich besser.
Achterbahn
Die entscheidende Sitzung kam, und es war ein trüber Morgen. Ich nahm die Hand voll Kapseln mit dem Psilocybin, die man mir reichte, und wartete. Bald begann ich, mich unwohl zu fühlen. Als man mich in einen kleinen Testraum führte, wurde mir so übel, dass ich fürchtete, mich zu übergeben. Ich verfluchte den Tag, an dem ich mich für dieses Experiment entschieden hatte. Ich bereute, nicht den Mut gehabt zu haben, auszusteigen.
Das Pilzextrakt Psilocybin sei die Droge der Schamaninnen in Mittelamerika, sagte der Testleiter, als er mir wieder die enge Haube mit den Löchern überstülpte. Die Schamanen hätten Peyote genommen.
Ich schloss die Augen und «sah» psychedelische Farbmuster. Ich unternahm Geisterbahnfahrten mit furchteinflössenden Fratzengesichtern, und ich hatte Angst. Ich schoss über weite Landschaften und von Sternen erleuchtete leere Räume.
Alles sei nur die Projektion meines eigenen Geistes, hörte ich mich sagen, die Kernaussage des tibetischen Totenbuchs wiederholend. Alles sei leer. In Wirklichkeit gäbe es nur die Soheit. Und ich fragte mich, ob diese Einsicht vielleicht nur die Repetition spiritueller Konzepte war, die ich mir auf meiner langen Suche angeeignet hatte.
Strom der Liebe
Hinter den Phänomenen, die in meinem Geist unaufhörlich erschienen und wieder verschwanden, nahm ich einen Strom der Liebe wahr. So wie das Rauschen des Meeres in seiner Nähe stets offenbar ist, wenn man nur hinhört, so war diese Liebe in der Tiefe des Bewusstseins immer präsent. Alles beruhte auf Liebe, erkannte ich. So hatte ich die Wirklichkeit noch nie gesehen. Wie ist dies möglich, fragten meine Gedanken im Hintergrund, in dieser Welt aus Pitbulls, Bagdads und Brechreiz? Es war nicht logisch. Und doch war es so.
Als ich nach dem Experiment in der Kantine des Burghölzli sass, um mich mit Kaffee und Kuchen wieder zu erden, bemerkte ich, wie sich die Wirklichkeit des Alltags weit weniger real anfühlte als jene, die sich mir unter dem Einfluss der Droge vorher eröffnet hatte. Mir kam es nun vor, als bewegte ich mich normalerweise nur an der Oberfläche des Seins.
Wie konnte ich, fragte ich mich, dieses vertiefte Bewusstsein auch ohne Hilfe einer unverständlicherweise verbotenen Substanz kultivieren? Und ich begriff, dass die Antwort in der praktischen Auseinandersetzung mit Erkenntnissen aus dem reichen Erfahrungsschatz der spirituellen Traditionen dieser Erde lag.
