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Nr. 79 Frühling 2006
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Jed McKenna – Erleuchtung, wie auch immer ...
Ein cooler Typ erzählt locker von der Erleuchtung. Seiner Erleuchtung. Jed McKenna hat diesen Traum verwirklicht. Wie einst Carlos Castaneda entzieht er sich erfolgreich jeder persönlichen Bindung.
Von Martin Frischknecht

Jed McKenna ist ein Phänomen. Kein Mensch in Fleisch und Blut – und wohl gerade darum ein derart erfolgreicher spiritueller Autor. Jeds vor zwei Jahren in der Edition Spuren veröffentlichtes Erstlingswerk Verflixte Erleuchtung ist zum Umsatzträger meines kleinen Verlags geworden. Der Nachfolgeband Spirituell unkorrekte Erleuchtung erschien vor kurzem im Omega Verlag und verkauft sich auch dort ganz erfreulich.
Am Thema allein kann es nicht liegen. Über Erleuchtung reden viele; die Satsang-Szene hat der Erleuchtungsliteratur einen regelrechten Boom beschert. Allerdings schreiben wenige so direkt und radikal wie Jed McKenna, der den Stier bei den Hörnern packt und unmissverständlich klarstellt, was Sache ist: Erkenntnis der Wahrheit, nichts als der Wahrheit, egal wie wenig esoterisch oder wie unspirituell diese auch daherkommt. Und, wozu lange um den heissen Brei herumreden: Leute, ich bin es. Ich lebe das, wovon ihr alle behauptet, es zu wollen.
Bescheidenheit ist seine Sache nicht. Auf die Leser wirkt das erleichternd, denn implizit vermittelt er die Botschaft, es könne einer den ganzen Weg bis zum Schluss gehen, die Schalen der falschen Persönlichkeit ablegen und dennoch irgendwie ein lockerer Typ bleiben mit einer coolen Einstellung und flotten Sprüchen.
Wäre es anders, würde dieser McKenna ja auch nicht so unglaublich gut schreiben. Wer immer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, ist ein gewiefter Erzähler. Was dieser Mann zu berichten hat, das kleidet er in anschau-liche autobiografische Geschichten und hinreissende Dialoge. Dass er dabei stets die starke Figur abgibt, während andere ihn mit Fragen löchern und zumeist bewundern, ja, das versteht sich beim Status des Erleuchteten doch irgendwie von selbst.

Moby Dick
Und McKenna hat ja auch echt was zu sagen. In seinem neuen Buch reitet er die These, Moby Dick, dieser erratisch grosse Roman des 19. Jahrhunderts, sei als Zeugnis einer westlichen Erleuchtung zu verstehen. In Hermann Melville, dem Verfasser, grüsst er einen Geistesverwandten. Anderen Klassikern der amerikanischen Literatur wie Henry D. Thoreau und Walt Whitman erweist McKenna die Reverenz, indem er sie ausführlich zitiert. Dadurch wird erst recht deutlich, was für Schätze es in Sachen Erleuchtung auch in unserer respektive eben in der amerikanischen Tradition zu heben gibt.
Julie, eine Journalistin, die als Figur bereits im ersten Buch auftauchte, macht sich im zweiten Band nun auf den Weg der Autolyse, ein von McKenna skizziertes Verfahren rückhaltloser Selbstbefragung. In zahlreichen E-Mails hält sie den Autor über ihre Entwicklung auf dem Laufenden. Am Ende des Buches ist Julie mit ihrem Prozess durch, und es kommt zu einer Begegnung mit dem Autor von gleich zu gleich.

Seine Wahrheit
Wie ist das zu verstehen? Hier mein Fazit nach drei Jahren Bekanntschaft mit «Jed McKenna»: Die Mischung zwischen radikaler Wahrheit und literarischer Fiktion ist es, welche Jeds Bücher so unwiderstehlich macht. Wie bei Werken von Carlos Castaneda, Dan Millman und Paulo Coelho sind Fakt und Fiktion untrennbar verwoben. Lassen wir uns auf die Fiktion ein, stolpern wir über die Wahrheit; wollen wir die Wahrheit festhalten, werden wir von der Fiktion davongetragen.
Mit anderen Worten: Solche Geschichten sind zu schön, um wahr zu sein. Falls wir uns McKennas Maxime «Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit» tatsächlich zu Eigen machen, werden seine Bücher auf der Strecke bleiben. Bis dahin aber haben sie uns prächtig inspiriert und unterhalten.

Jed McKenna:
Verflixte Erleuchtung.
Edition Spuren,
Winterthur 2004,
291 Seiten, Fr. 36.–.
Jed McKenna: Spirituell
unkorrekte Erleuchtung. Omega Verlag, Aachen 2005, 365 Seiten, Fr. 35.20.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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