Juliette Binoche und die Engel
Hinter ihrer Schönheit brennt ein Feuer. Zum ersten Mal spricht die französische Schauspielerin
Juliette Binoche über das, was sie seit Jahrzehnten zentriert und leitet: Die Antwort der Engel.
Von Patrice van Eersel
SPUREN: Wir sind zusammengekommen, um über Gitta Mallasz’ Buch Die Antwort der Engel zu sprechen, ein Werk, das Ihnen persönlich viel bedeutet. Wie sind Sie auf das Buch gestossen?
Juliette Binoche: Mit 25 Jahren fühlte ich mich ziemlich am Boden. Die Dreharbeiten zu Les amants du Pont Neuf unter der Regie von Leo Carax wurden zum zweiten Mal unterbrochen. Wir hatten kein Geld mehr, ich wusste nicht, wohin das noch führen würde. Mir wurde schwindlig. Zugleich war dies eine starke Erfahrung. Es schien, als ob ich auf etwas warten würde.
Später steckte mir eine befreundete Tänzerin, deren Kurse ich während der Dreharbeiten zu Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins besucht hatte, das Buch Die Engel erlebt von Gitta Mallasz zu. Ein kurzer Blick auf den Inhalt weckte mein Interesse, doch fehlte mir damals die Zeit zum Lesen. Ich steckte in einer ungeheuer aktiven Phase, besuchte Kurse und ging zum Tanzen, Malen, Englisch lernen und so weiter. Auf die Weise bereitete ich mich, ohne es zu wollen, physisch und spirituell vor.
Eines Tages erwischte mich eine Grippe und ich musste mehrere Tage lang das Bett hüten. Da schlug ich das Buch von Gitta Mallasz auf und verschlang es in einem Zug. Ich konnte damit gar nicht mehr aufhören. Die Lektüre erfüllte mich mit Leichtigkeit. Mit einem Schlag atmete ich etwas wie Sauerstoff ein, eine Substanz, die ich wiedererkannte und die mir seit Jahren gefehlt hatte.
Dazu muss ich sagen, dass ich gar nicht wusste, dass sich dieses Buch auf ein anderes, wichtigeres, nämlich auf Die Antwort der Engel bezog. Lange Zeit reichten mir die kurzen Auszüge, die mir vorlagen.
Viele Leser steigen über diesen Kommentar von Gitta Mallasz ein, also mit dem Buch, das die Entstehungsgeschichte von Die Antwort der Engel beschreibt. Wie war das bei Ihnen, was hat Sie denn so besonders angesprochen?
Zunächst faszinierte mich am stärksten, wie Gitta Mallasz über Farben spricht. Ihre ganze Sprache, so einfach und klar, führte mich geradewegs nach innen. Sie drückt Empfindungen und Ideen aus, die ich kannte, die ich jedoch nicht hätte in Worte kleiden können. Eine Stelle aus Die Antwort der Engel zitiere ich besonders gerne: «Ihr seid Erwachte, nicht Träumende. Deshalb müsst ihr träumen.» Das finde ich grandios. Die ganze Schauspielerei ist mit diesen paar Worten erklärt.
Anfangs war ich so begeistert, dass ich dutzende Exemplare des Buchs kaufte und in meinem Umkreis verschenkte. Ich wollte weitergeben, was ich erhalten hatte. Das klärte meine Beziehungen zu anderen Menschen, da die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfielen. Bei einigen ergab sich sogleich ein Einverständnis. Andere gingen mir aus dem Weg und mieden mich, als ob ich verrückt oder fanatisch geworden wäre. Wieder andere machten sich Sorgen um mich, so etwa meine Schwester Marion, die ein solches Werk automatisch mit Sekten in Verbindung brachte – obschon sie das Buch nicht einmal aufgeschlagen hatte.
Das ist wohl meine eigensinnige Seite, ein bisschen wie Gitta Mallasz, die auch allen Menschen stets Gutes tun wollte. Zum Glück haben mir meine Schauspiellehrer Jean-Pierre Martino und Vera Gregh dabei geholfen, über dieses vergebliche Bemühen hinauszukommen.
Wie geschah das?
Als ich das Bezugsfeld meiner Mutter verliess, die mir während der Schulzeit das Theaterspielen nahe gebracht hatte, wollte ich allen beweisen, dass ich es allein schaffe. So habe ich voll guter Absichten mit hoher, lauter Stimme vorgetragen. Vera Gregh war die Erste, die das über den Haufen warf. Radikal unterbrach sie mein Spiel und brachte mich auf offener Bühne zum Weinen. Dies, nachdem wir Eleven wochenlang ungeduldig die Gelegenheit herbeigesehnt hatten, bei ihr – und sei es nur für einige Minuten – vorsprechen zu dürfen. Vera zeigte mir, dass sich mit Stille sehr viel mehr erreichen lässt und man meistens auch besser spielt.
Sie wurden zu einer Schauspielerin, bei der man auf das Schweigen wartet. Das erinnert an einen Satz aus Die Antwort der Engel: «In der Stille ist das Wort enthalten.»
Schauspieler haben grosse Angst vor der Stille. Jede Gesellschaft hat eben die Künstler, die sie verdient, und bei uns ist es weit verbreitet, vor seinen Ängsten in die Aktivität zu flüchten.
Es geht um Wahrhaftigkeit. Man muss vollkommen innehalten. Mir half das Malen, der Wahrheit näher zu kommen. Im Konservatorium sagte Jean-Pierre Martino zu uns, man müsse vom ehrlichen zum wahrhaften Spielen gelangen, und es gehe darum, den wichtigen Unterschied zwischen Tun und Sein zu begreifen.
Glücklicherweise hatte ich Lehrerinnen und Lehrer die mir klar machten, dass Schauspielkunst zunächst Arbeit an sich selbst bedeutet. Und man hat sich so zu akzeptieren, wie man ist, im Guten wie im Schlechten. Wie kann ich vor einem Millionenpublikum wahrhaftig sein, wenn ich es mir selbst gegenüber nicht bin?
Wie werde ich innerlich ganz leer und nackt, um mich vollkommen in den Dienst zu stellen, um offen zu sein für die Einladung der Engel, wie sie damals an die vier Freunde erging? Wenn ich mich selbst nicht ausreichend kenne, kann ich die Rolle nicht durch mich hindurch entstehen lassen, und das Spielen wird unmöglich. Zu Beginn des Drehens, wenn manchmal hunderte von Augen auf dein Spiel warten, betest du um eine Eingebung. Und du fragst dich, welches Wunder es wiederum möglich machen wird, dass die Botschaft durch dich hindurchfliesst.
Hat Beten einen Platz in Ihrem Leben?
Ich bin ziemlich normal aufgewachsen im Rahmen der christlichen Religion. Mein Vater, ein Freigeist, war lange ungläubig. Er stammte jedoch aus einer streng katholischen Familie, in der schon die geringste Lebendigkeit der Kinder erstickt wurde. Das mochte ich nicht sehr. Meine polnischstämmige Mutter war ebenfalls katholisch. Sie war eine Intellektuelle, hatte mit meinem Vater in der kommunistischen Partei gekämpft, bevor sie sich von dieser Ende der 50er Jahre angeekelt abwandte.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich sie eines Tags beim Wechseln der Bettwäsche fragte, ob sie an Gott glaube. Sie antwortete: «Das weiss ich nicht.» Mich verblüffte das. Ich stellte mir viele existenzielle Fragen, und es erschien mir unmöglich, dass man nicht sagen kann, wozu wir auf Erden sind. Ich reagierte mehr physisch als intellektuell. Für mich lässt sich Spiritualität nie über das Denken vermitteln, und die andere Dimension ängstigte mich nicht.
Im Grossen und Ganzen bewahre ich die katholischen Schulen, in die ich ging, in guter Erinnerung. Ich nervte mich eher über das Reglement der Schule als über göttliche Gesetze. Zudem muss man anerkennen, dass das Christentum, das ich kennen lernte, ganz natürlich ökumenisch war – ganz im Sinne von Taizé, wo ich zweimal war und zu meinem grossen Glück erlebte, dass man dort Muslime genauso trifft wie Juden und Christen.
Wie die meisten Menschen durchlebte ich nach der Jugend eine Zeit, in der Gebete oder religiöses Empfinden anderen Aktivitäten Platz zu machen hatten. Wohl deshalb erfuhr ich später durch Die Antwort der Engel einen so tiefen Trost. Die Umstände, unter denen ich dem Buch begegnete, ähnelten damals für mich der Hölle. Eingesperrt sein – das ist es, was für mich die Hölle bedeutet, während das Paradies für mich mit Öffnung zu tun hat. Doch denke ich, dass uns selbst auf dem tiefsten Grund der Hölle immer noch ein Funke von Licht leuchtet.
Das vollständige Interview mit Juliette Binoche lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN 79.
Dieser Text erschien erstmals in der französischen Zeitschrift Nouvelles Clés.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzung aus dem Französischen: Adelheid Ohlig.
