Thich Nhat Hanh – Lächeln im Bauch der Mutter
Eine Meditation mit dem charismatischen vietnamesischen Mönch.
Von Thich Nhat Hanh
Erinnern Sie sich daran, wie es war, im Bauch Ihrer Mutter zu sein? Sie haben rund neun Monate dort zugebracht, und das ist doch eine recht lange Zeit. Ich glaube, wir alle hatten dort ab und zu die Gelegenheit zu lächeln. Doch zu wem haben wir gelächelt? Wer glücklich ist, neigt ganz selbstverständlich dazu zu lächeln. Ich habe Leute gesehen, die während des Schlafs lächelten, ganz besonders bei Kindern konnte ich das beobachten.
Die Zeit im Bauch der Mutter war wunderbar. Wir brauchten uns dort nicht um Essen oder Trinken zu sorgen. Wir waren geschützt vor Hitze und Kälte. Es waren dort auch keine Hausaufgaben oder Hausarbeiten zu erledigen. Geschützt im Bauch unserer Mutter fühlten wir uns recht sicher. Über gar nichts brauchten wir uns Sorgen zu machen. Keine Sorgen ist wunderbar. Ich glaube, viele können sich noch an die Zeit erinnern, die sie im Bauch der Mutter verbrachten. Viele Menschen haben das Gefühl, einst an einem sicheren Ort gewesen zu sein, in einem wundervollen Paradies, und jetzt ist ihnen dieses Paradies abhanden gekommen. Da stellen wir uns vor, irgendwo ausserhalb müsse es einen Ort geben, frei von Sorgen und Angst. Wir sehnen uns danach, dorthin zurückzukommen. Im Vietnamesischen bedeutet das Wort «Gebärmutter» «Palast des Kindes». Das heisst, das Paradies war im Innern unserer Mütter.
In ihrem Bauch haben die Mütter für uns gesorgt. Sie haben für uns gegessen und für uns getrunken. Sie haben Luft für uns geatmet, ein und aus. Und ich vermute, sie haben für uns auch geträumt. Ich stelle mir vor, wie wir die Träume unserer Mütter träumten. Und wenn unsere Mütter lächelten, so glaube ich, da lächelten auch wir. Hatten die Mütter einen schweren Traum, der sie dazu brachte, im Traum zu weinen, dann weinten wohl auch wir. Wir teilten mit ihnen ihre Träume und ihre Albträume, denn unsere Mutter und wir, das waren nicht zwei voneinander getrennte Leute. Über die Nabelschnur waren wir physisch miteinander verbunden. Und die Mutter versorgte uns über die Nabelschnur mit Nahrung, Sauerstoff, mit allem, einschliesslich ihrer Liebe. Vermutlich haben unsere Mütter, als wir in ihnen waren, auch besser zu ihrem Körper geschaut. Sie mögen sich umsichtiger bewegt haben, vielleicht haben sie damals aufgehört, zu rauchen und zu trinken. Das sind überaus greifbare Zeichen von Liebe und Fürsorge. Geboren waren wir noch nicht, und doch waren wir da und haben bereits Liebe empfangen.
Die Mutter versorgte uns, noch bevor wir überhaupt auf der Welt waren, und wenn wir die Sache genauer betrachten, erkennen wir, dass wir damals auch unsere Eltern versorgten. Unsere Anwesenheit in ihrem Körper mag dazu geführt haben, dass sie im Leben zuversichtlicher waren und häufiger lächelten. Wir hatten noch nichts für unsere Eltern getan, und doch wurden sie von unserer Präsenz ernährt. Und ihr Leben hat sich vom Augenblick der Empfängnis an verändert. Vielleicht hat die Mutter zu uns gesprochen, noch bevor wir geboren worden waren. Und ich glaube, eigentlich bin ich überzeugt, dass wir ihre Stimme vernommen haben und darauf antworteten. Vielleicht kam es vor, dass sie uns gelegentlich vergass, und dann konnte es geschehen, dass wir sie getreten haben. Unser Tritt war eine Glocke der Achtsamkeit, und wenn sie sie wahrnahm, mag sie gesagt haben: «Schatz, ich weiss, dass du da bist, und das macht mich sehr glücklich.» Das war unser erstes Mantra.
Als Sie zur Welt kamen, wurde Ihre Nabelschnur durchtrennt. Wahrscheinlich hat Sie das zum ersten Mal im Leben dazu gebracht, lauthals zu schreien. Von da weg hatten Sie für sich selber zu atmen. Sie befanden sich ausserhalb Ihrer Mutter und waren doch irgendwie noch in ihr. Wir lebten in der Umarmung ihrer Liebe, und wir umarmten sie. Wir waren weiterhin von ihr abhängig. Vielleicht wurden wir von ihr gestillt. Tag und Nacht hat sie sich um uns gekümmert. Obschon die Nabelschnur zwischen ihr und uns nicht länger Bestand hatte, waren wir mit unserer Mutter auf ganz konkrete, intime Weise verbunden.
Als Erwachsene strengen wir uns vielleicht sehr an, um zu beweisen, dass wir und Mutter zwei gänzlich verschiedene Menschen sind. Doch das ist nicht wirklich so. Wir sind Verlängerungen beider Elternteile. In der Meditation kann ich die Nabelschnur noch immer sehen, die mich mit meiner Mutter verbindet. Schaue ich genauer hin, erkenne ich, dass da Nabelschnüre sind, die mich darüber hinaus mit der gegenständlichen Welt verbinden. Die Sonne geht jeden Morgen auf. Dank der Sonne haben wir Wärme und Licht. Ohne Wärme und Licht wäre für uns kein Überleben möglich. Also gibt es eine Nabelschnur, die uns mit der Sonne verbindet. Eine weitere Nabelschnur verbindet uns mit den Wolken des Himmels. Ohne Wolken gäbe es keinen Regen und kein Trinkwasser. Ohne Wolken gäbe es keine Milch, keinen Tee, keinen Kaffee, keine Eiskreme, nichts. Es gibt eine Nabelschnur, die uns mit dem Fluss verbindet, eine weitere verbindet uns mit den Wäldern. Wenn wir die Meditation auf diese Weise fortsetzen, erkennen wir, dass wir allem und jedem im Kosmos verbunden sind. Unser Leben hängt von allem ab, das existiert, von anderen Lebewesen, aber auch von den Pflanzen, von Mineralien, Luft, Wasser und Erde.
Nehmen wir an, wir setzen ein Maiskorn in die Erde, und eine Woche darauf beginnt, aus dem Boden eine Maisstaude zu spriessen. Wenn die Staude grösser wird, vermögen wir das Maiskorn, welches wir pflanzten, da-rin vielleicht nicht mehr zu erkennen. Zu sagen, das Maiskorn sei erloschen, würde aber nicht zutreffen. Mit Buddhas Augen wäre es uns möglich, in der Maisstaude noch immer das Maiskorn zu erkennen. Die Staude ist die Verlängerung des Korns in die Zukunft, und das Korn ist die Verlängerung der Staude in die Vergangenheit. Sie sind nicht das Gleiche, aber sie sind auch nicht völlig verschieden. Sie und Ihre Mutter sind nicht ein und dieselbe Person. Völlig verschieden sind sie sich aber auch nicht. Das ist die Wahrheit der Interdependenz. Niemand lebt für sich alleine. Wir müssen inter-sein, um zu sein.
Wenn wir im Bauch unserer Mutter sind, ist unser Körper frei von Spannungen. Wir sind weich und beweglich. Sobald wir aber auf der Welt sind, kommt es zu Spannungen, manchmal treten sie bereits mit dem ers-ten Atemzug auf. Bevor sich Spannungen im Körper lösen lassen, müssen wir aber die Spannung im Atem lösen. Wenn es in unserem Körper keinen Frieden gibt, kann auch im Atem kein Frieden sein. Bringen wir jedoch die Energie der Achtsamkeit hervor und umarmen unseren Atem, wird sich die Qualität des Ein- und Ausatmens verbessern. Atmen wir achtsam ein, wird der Atem ruhiger und tiefer einströmen, die Anspannung in unserem Atem löst sich auf. Und wenn unser Atmen entspannt ist, können wir unseren Atem umarmen, und wir können uns entspannen.
Buddha sprach wörtlich von einer «gelassenen Ruhe». Im Pali-Kanon gibt es die Kayagatasati Sutta, das Sutra über die Betrachtung des Körpers im Körper. Darin empfiehlt der Buddha eine Übung zum Abbau von Spannungen in jedem einzelnen Teil des Körpers und im Körper als Ganzem. Er verwandte das Bild eines Bauern, der einen Sack Bohnen aus dem Estrich holte. Der Bauer öffnete den Sack und schüttete die Bohnen auf den Boden. Mit geübtem Auge unterschied er die verschiedenen Sorten von Bohnen, die da vor ihm lagen. Er sortierte sie nach roten Nierenbohnen, Mungbohnen und so weiter. Der Buddha empfahl, es diesem Bauern gleichzutun, und so zu lernen, den einzelnen Teilen seine Aufmerksamkeit zu schenken.
Legen Sie sich für diese Übung bequem auf den Boden und gehen Sie Ihren gesamten Körper durch. Daraufhin beginnen Sie, sich auf einzelne Teile Ihres Körpers zu konzentrieren. Fangen Sie mit dem Kopf an, oder besser gesagt mit den Haaren auf Ihrem Kopf, und hören Sie mit den Zehen auf. Sie können sagen: «Einatmend bin ich mir meines Gehirns gewahr. Ausatmend lächle ich meinem Gehirn zu.» Gehen Sie so durch den gesamten Körper. Bündeln Sie Ihre Aufmerksamkeit wie der Bauer mit den Bohnen, betrachten Sie Teil für Teil, nicht indem Sie die einzelnen Teile durchleuchten, sondern indem Sie jeden Teil mit den Augen der Achtsamkeit betrachten. Schon eine Viertelstunde reicht, um Ihren Körper mit der Energie der Achtsamkeit zur durchstrahlen.
Wenn ein rundum bewusster Geist sich einem Teil des Körpers zuwendet und ihn mit der Energie der Achtsamkeit umarmt, so darf sich dieser Körperteil endlich entspannen und seine Spannung loslassen. Darum ist Lächeln so eine gute Methode, um den Körper bei der Entspannung zu unterstützen. Ihr Lächeln im Bauch der Mutter war ein völlig entspanntes Lächeln. Im Gesicht haben wir Hunderte von Muskeln, und wenn wir uns -ärgern oder ängstigen, verspannen sich diese Muskeln enorm. Doch wenn es uns gelingt, uns beim Einatmen dieser Muskeln gewahr zu werden und ihnen beim Ausatmen zuzulächeln, dann unterstützen wir diese Mus-keln dabei, sich zu entspannen. Ein einziges Mal einatmen und ausatmen kann unserem Gesicht eine Verwandlung bringen. Ein einziges Lächeln kann wie ein Wunder wirken.
Wenn Sie während der Ûbung zu einem Teil des Körpers kommen, der wehtut oder krank ist, so verweilen Sie dort etwas länger. Wir neigen dazu, Schmerz rasch zu übergehen. Doch dieses Übergehen verursacht bloss zusätzlichen Schmerz, statt dass es Heilung brächte. Wenn wir zusätzliche Zeit mit dem verbringen, was uns wehtut, und die Energie der Achtsamkeit darauf richten, können wir dem Schmerz zulächeln und einiges an Spannung abbauen. Wo es uns auf die Weise gelingt, dem Körper zu helfen, Spannung abzubauen, wird sich Heilung ungleich schneller einstellen.
Womöglich leiden Sie an unabweisbaren körperlichen Schmerzen. Durch die Achtsamkeit werden Sie verstehen, dass es sich hierbei um nichts weiter als um physischen Schmerz handelt. Der Buddha sprach in diesem Zusammenhang von einem zweiten Pfeil, und erzählt dazu die Geschichte von einem Menschen, der von -einem Pfeil getroffen wurde und an schrecklichen Schmerzen litt. Stellen wir uns vor, dieser Verletzte würde von einem zweiten Pfeil getroffen, und zwar an exakt der gleichen Stelle.
Der Schmerz wäre nun gleich hundert Mal schlimmer. Sorgen, Schmerz, Übertreibung und Wut wegen einer Verletzung wirken wie ein zweiter Pfeil, sie steigern den Schmerz in einem Körper, der -ohnehin schon verwundet ist. Wenn uns also ein Pfeil trifft, haben wir Gelegenheit, uns in Achtsamkeit zu üben, auf dass uns der zweite Pfeil aus Angst und Sorgen an gleicher Stelle gar nicht erst erreicht.
Im Sutra von der Betrachtung des Körpers im Körper rät uns der Buddha, dass wir uns der vier Elemente im Körper bewusst werden. In der Gebärmutter sind die vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde vollkommen ausgeglichen. Die Mutter hält die Elemente für ihr Baby im Gleichgewicht: Sie schickt Nahrung und Sauerstoff, während das Baby im Fruchtwasser schwimmt. Sind wir auf der Welt, so erfreuen wir uns guter Gesundheit, solange die vier Elemente in uns ausgewogen sind. Häufig fehlt es aber an einem solchen Gleichgewicht, uns friert und wir finden keine Wärme, oder es fällt uns schwer, einen tiefen Atemzug zu tun. Gar nicht selten kann uns der achtsame Atem ein Gleichgewicht der Elemente auf natürliche Weise zurückbringen.
Wussten Sie, dass es für Sie eine wirkliche Heimat gibt? Diese Frage betrifft uns alle. Selbst wenn Sie das Gefühl haben, bei keinem Land wirklich dazuzugehören, an keinem geografischen Ort Ihre Heimat zu haben, in einer bestimmten Kultur oder Herkunft verwurzelt zu sein oder einem bestimmten Volk anzugehören, gibt es für Sie eine wirkliche Heimat. Als Sie im Bauch der Mutter waren, fühlten Sie sich zu Hause. Vielleicht sehnen Sie sich danach, an jenen Ort des Friedens und der Sicherheit zurückzukehren. Doch jetzt können Sie in Ihrem -eigenen Körper Ihre Heimat finden.
Ihre wahre Heimat liegt im Hier und Jetzt. Und diese Heimat ist nicht eingeschränkt durch Zeit, Raum, Zugehörigkeit zu einer Nation oder Rasse. Ihre wahre Heimat, das ist kein abstrakter Begriff. Es ist etwas, was Sie in jedem Augenblick berühren und in dem Sie leben können. Durch Achtsamkeit und Konzentration, den Energien des Buddha, finden Sie Ihr wahres Daheim im vollständig entspannten Sein Ihres Körpers und Ihres Geistes im gegenwärtigen Augenblick. Das kann Ihnen niemand wegnehmen. Andere mögen Ihr Land besetzen, sie können Sie sogar ins Gefängnis stecken, doch Ihre wahre Heimat und Ihre Freiheit, die kann Ihnen niemand wegnehmen.
Wenn wir aufhören, zu reden und zu denken, und wir uns tief unserem Ein- und Ausatmen zuwenden, dann erfreuen wir uns der wahren Heimat und treten in eine tiefe Beziehung mit dem Wunder des Lebens. Das ist der Weg des Buddha. Beim Einatmen bringen wir alles, was uns ausmacht, unseren Körper und unseren Geist, zusammen und werden eins. In dieser Energie der Achtsamkeit und Konzentration mögen wir einen Schritt tun. Dabei leitet uns die Einsicht, dass wir hier wahrhaft zu Hause sind – lebendig, vollkommen präsent, berühren wir die Wirklichkeit des Lebens. Unsere wahre Heimat ist ein fester Grund und Boden, den wir mit eigenen Füssen betreten können, mit unseren Händen und mit unserem Geist lässt sich diese Heimat begreifen.
Es ist von grundlegender Bedeutung, dass wir unsere wahre Heimat im Hier und Jetzt berühren und verwirklichen. Wir alle tragen in uns den Samen der Achtsamkeit und Konzentration. Indem wir achtsam einen Atemzug oder einen Schritt tun, gelingt es uns, den Geist zu unserem Körper zurückzuführen. Im täglichen Leben bewegen sich Körper und Geist oft in zweierlei Richtungen. Wir befinden und dann in einem Zustand der Zerstreuung, der Geist ist an einem Ort, der Körper an einem anderen. Der Körper zieht sich einen Mantel über, während der Geist sich mit Vergangenheit oder Zukunft beschäftigt. Doch es gibt etwas zwischen Körper und Geist, das ist der Atem. Und sowie wir uns dem Atem als unserer Heimat zuwenden und wir achtsam atmen, finden Körper und Geist sehr rasch zusammen. Beim Einatmen denken wir an nichts anderes, sondern bringen unsere gesamte Aufmerksamkeit ganz zum Einatmen. Wir sammeln uns darauf und geben uns hundertprozentig dem Einatmen hin. Wir werden zum Einatmen. Darauf ruht eine derartige Konzentration, dass Körper und Geist augenblicklich zusammenfinden. Und mit einem Mal sind wir vollständig präsent, rundum lebendig. Da ist kein Verlangen mehr danach, in den Schoss der Mutter zurückzukehren, zurück ins vollkommene Paradies. Dort sind wir bereits. Wir sind in der Heimat.
Dieser Text erschien erstmals unter dem Titel «Returning Home» in der amerikanischen Zeitschrift Shambhala Sun (March 2006). Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von © 2005 Parallax Press, Berkeley, CA, www.parallax.org Übersetzung: Martin Frischknecht
