Wem blüht was?
Kult-Kolumnistin Eva Rosenfelder über invasive Neophyten und anderes Untergründiges …
Von Eva Rosenfelder
Es war einmal vor langer Zeit, da waren sie in gepflegten Gärten gern gesehene Gäste. Als attraktive Exoten wirkten sie wunderbar und entwickelten sich prächtig.
Doch oh weh! Diese raffinierten Kerle hielten sich an keine Grenzen. Sie sprangen über den Gartenzaun, begannen mehr und mehr den Untergrund zu kolonialisieren und schamlos zartbesaitetere Einheimische zu verdrängen. Jetzt will man radikal gegen sie vorgehen!
Das meint für diesmal nicht Herr Blocher, und die Rede ist nicht von Sanspapiers oder Asylbewerbern, nein! Es geht um invasive Neophyten. Tönt gut, nicht? Doch die müssen alle weg, und zwar radebutz. Das fordern die Naturschützer! Die kriminell gewordenen Grünlinge sind säuberlich auf einer roten Liste zur Fahndung ausgeschrieben!
Ich liebe den Wildwuchs über alles. In meinem Garten tummelt sich allerlei Volk, aus Blumentöpfen spriessen Überraschungen. Einheimische und Fremdlinge leben in einer kunterbunten und dauernd sich wandelnden Gemeinschaft. Die subversiven Pflanzen, nach denen gefahndet wird, sind hier auch vertreten. Die Gesuchten heissen: chinesischer Sommerflieder, kanadische Goldrute und kaukasischer Bärenklau. Ich biete ihnen Asyl und muss gestehen: Wir sind uns ganz sympathisch.
Hier stinkt doch etwas zum Himmel. Sind die moderne Landwirtschaft oder der unverschämte Städte- und Strassenbau nicht um einiges invasiver als diese grün beblätterten Sündenböcke? Oder der fleischgeschwängerte Grillduft, der ungefragt von englischen Rasenlandschaften aus schwebend meine Nase kolonialisiert? Auf welcher Liste stehen diese Plagen?
Es ist an der Zeit, mich mit den Invasoren über den Ernst der Lage zu unterhalten. Ein Riesenbärenklau wächst neben der alten Weide. Bereits hat er seine gezackten Blätter ausgebreitet und sammelt Kraft, um in die Höhe zu schiessen. Ich setze mich neben ihn und warte.
Bald schon löst sich aus dem Schatten ein Riese in Kriegerkleidung. Seine Waffe, eine Art Hellebarde, lässig in die Hüfte gestützt, grinst er mich an: «Ihr habt uns Pflanzen den Krieg erklärt, wir antworten. Den Leib unserer Mutter deckt ihr zu, und damit schneidet ihr euch von den eigenen Wurzeln ab. Wir Bärenkrieger sind gekommen, um aufzubrechen, was verschüttet worden ist. Wir sind gekommen, um die Trägheit eurer kleinen Welt zu verbrennen. Unsere Kraft ist der euren dreimal überlegen. Tötet ihr uns, so kehren wir um ein Vielfaches zurück. Ehrt ihr uns, schenken wir euch Heilkraft, verbrennen Gewucher, Pilz und Gesabber, schenken euch Mut und Reinheit der Gedanken. Wir verbinden euch mit dem Urfeuer, mit der Lebendigkeit jenseits von Grenzen und Zwängen.»
Feuer strömt durch mich, als wäre ich in Pfeffer und Knoblauch getaucht worden. Noch immer brennen in mir Fragen.
Die kanadische Goldrute wiegt sich sanft im Wind. Die Blüten, ihre tausend kleinen Sonnen, schlafen in den Blättern, doch klar dringt die Stimme der Goldrute zu mir: «Die zarten Pflanzen brauchen unsere Hilfe, sie haben nicht mehr die Kraft. Durch unsere kleinen Sonnen strömt die Ursonne, und unser Wurzelwerk verbindet tausendfach unsere Seelen. So können wir Samen verschenken in einer Fülle, der keine Zerstörung beikommt. Wir sind hier, da wir gerufen wurden. Unsere Botschaft ist Gemeinschaft, das Zusammenfliessen einer grossen Kraft. Die Ursonne spiegelt sich in unseren tausend Gesichtern.»
Ganz leise höre ich meinen Garten wispern: «Lass sie hier leben in ihrer Kraft, lerne durch sie Kraft von Macht zu unterscheiden.»
Ein Flugzeug rast über meinen Kopf. Man fliegt ins Ausland.
Hab ich mich getäuscht, oder winkten meine kaukasischen und nordamerikanischen Freunde dem Flieger nach?
Eva Rosenfelder corva@bluewin.ch kennt sich aufgrund eigener Erfahrung aus mit Kräutern, Raben und Elementargeistern. Sie lebt als Mutter von zwei Kindern, Kartenleserin und freischaffende Autorin in Winterthur.
