Reiz des Schleiers
Sie mag es, nackt in der Sonne zu liegen. Ihr Partner ist Muslim und mag es lieber verhüllt. Beide lieben sich. Ein Beziehungsbericht über Achtsamkeit und Kompromisse.
Von SPUREN
Ferien in Südfrankreich! Lavendelfelder, Sonne und das lockende Meer. Auf nach Sainte-Marie de la Mer an den plage nude! Schwimmen im Meer, sich drehen und strecken, wenden, paddeln, das Wasser streicht mit kühler Zartheit über meinen nackten Körper, ich gebe mich ganz der Strömung, den Wellen hin, der Körper so leicht und glatt und glänzend. Und dann prustend an Land kommen und sich von der Sonne küssen lassen, im heissen Sand aufwärmen – ein Gefühl von unbegrenzter Freiheit und überschäumender Lebensfreude. Für eine kleine Weile ein Teil der Natur sein. Eine sinnliche Feier, ohne sexuelle Zweideutigkeit. Weder Scham, denn es gibt keine Zuschauer, noch ein Sich-zur-Schau-Stellen, denn die Männer und Frauen links und rechts von mir sind genauso splitternackt. Den blossen Körper von der Morgensonne aufwecken lassen und ihn im goldenen Licht des Sonnenuntergangs entspannen – die Sonne im Tageskreislauf auf der Haut erleben.
Zurück in der Schweiz will ich dieses Glücksgefühl weiter erleben. Kein Problem: «Oben ohne» ist in der Badeanstalt erlaubt, aber dieses beglückende Freisein will sich nicht einstellen. Ich fühle mich blossgestellt angesichts der prüfenden Blicke der angezogenen Menschen. Also ziehe auch ich das Oberteil an.
Jahre später das Entsetzen meines muslimischen Mannes beim Anblick von barbusigen Frauen im Schwimmbad: «Für mich ist das, wie es für dich wäre, wenn wir Männer unten herum nackt wären!» Wirklich, eine erschreckende Vorstellung!
Ich habe mir trotzdem ein kleines Stück Textilfreiheit erhalten können: In Bern gibt es wunderbarerweise immer noch das «Paradiesli», ein Refugium in welchem Frauen im Evakostüm Sonne tanken können. Wie herrlich, nach dem Schwimmen in der eiskalten Aare das klamme Badekleid ausziehen und den Körper der Sonne darbieten zu können.
Aufreizende Hüllen
Kürzlich bei «Wetten dass …» Eine der Gäste ist Michelle Hunziker, Ex-Frau von Schmusesänger Eros Ramazotti und TV-Star in Italien. Sie trägt ein atemberaubendes, golddurchwirktes, leicht transparentes Kleid mit einem offenherzigen Dekolleté, ihre Brustwarzen nur knapp bedeckt, die Herzgrube einsehbar. Meine Mitzuschauer sind entsetzt: Was, wenn das Kleid verrutscht und das Millionenpublikum alles sieht? Und überhaupt, wieso zeigt sich diese Frau in einem Kleid, das nichts verhüllt, in einer Familiensendung?
«Ihr glaubt, wir Muslime würden die Frauen unterdrücken, weil sie bei uns in der Öffentlichkeit komplett angezogen sind. Aber die Frau ist bei uns frei, sichtbar als Person in ihrer Würde, während die Frau bei euch den lüsternen Blicken, den Wünschen und der Macht der Männer unterworfen ist. Die Frau bei uns will als Mensch gesehen werden und nicht als lockendes Weib, den Männern zum Wohlgefallen. Diese Frau im TV ordnet sich den Blicken der Männer unter. Sie denkt, ihr Hauptwert besteht darin, einen jugendlichen, schönen Körper zu haben», so der Kommentar meiner Gäste. Was hätte ich entgegenhalten können?
Reizend
Ich war 13, wollte aus dem Haus, trug ein Minikleid, das viel nacktes Bein zeigte, darüber einen offenen Regenmantel, als mein Vater mit einem Ausdruck von Abscheu befahl, den Mantel sofort zuzuknöpfen. Noch heute spüre ich die Schamröte siedend heiss ins Gesicht steigen. Erst viel später wurde mir klar, dass ich in seinen Augen in diesem Aufzug wie eine Hure aussah. Die Einführung des Minijupes von Mary Quant war damals ein Skandal. Wir jungen Frauen fanden es frech und mutig, ihn zu tragen, nach dem Motto: Wir ziehen uns an, wie es uns gefällt, aber gehören euch trotzdem nicht. Und das ist noch gar nicht so lange her.
Um frei in deinen
Sommeraugen
zu schwimmen,
sprang ich nackt hinein.
Xu Peis
Immer noch geistert die Wanderlegende herum, wonach unsere Ur-Grossmütter ein bodenlanges Nachthemd getragen hätten, welches auf Schosshöhe eine elliptische Öffnung gehabt habe, darüber mit rotem Garn eingestickt der Schriftzug «Dieu le veut» …
Und es war 1959 (!), als sich ein Pater im «Katholischen Schweizerbauer» darüber beklagte, dass «trotz gütiger Mahnung die Männer und Burschen im Sommer ohne Leibchen heuen und schaffen. Sie sollten doch auf Frauen und Mädchen mehr Rücksicht nehmen. Das Heilige wirft man nicht den Schweinen vor», und wollte diesen Sündern den Segen verweigern.
Wer gibt sich eine Blösse?
Wie und wann kam denn eigentlich die Scham in die Welt? Für Muslime, aber auch bei fundamentalen Katholiken klar bei Adam und Eva. Im Internet habe ich aber noch folgende Erklärung gefunden: «Auf primitiver Stufe erscheint die Befriedigung sexueller Bedürfnisse der Menschen wie die der Tiere. Der geschlechtliche Akt entzieht sich nicht der Öffentlichkeit, und Mann und Weib scheuen sich nicht, nackt zu gehen. (…) Den Anfang einer Versittlichung des Geschlechtslebens bildet das Auftreten eines Schamgefühls bezüglich der Kundgebung und Betätigung des Naturtriebs der Gesellschaft gegenüber und die Schamhaftigkeit im Verkehr der Geschlechter. Daraus entsprang das Bestreben, die Schamteile zu verhüllen (‘Sie erkannten, dass sie nackt waren’) und sexuelle Akte abseits zu vollziehen.»
Heute scheint dieses Bestreben wieder zu verschwinden: Sensibilisiert durch meinen Gefährten sehe auch ich all die entblössten Schamteile auf Plakaten, in Werbespots, in Filmen und bei warmem Wetter auch in natura. Und ihm springt die Nacktheit überall von Plakatwänden, TV und Filmen buchstäblich ins Gesicht – und Muslime dürfen ja nicht schauen. Man denke an die Heerscharen von sonnenhungrigen Touristinnen, die nach Tunesien, Marokko oder Ägypten reisen und sich mit nackten Brüsten und Tangastrings am Strand tummeln. Ob sie wohl wissen, dass Muslime die Augen niederschlagen müssen, wenn halb nackte Frauen bei ihnen den nächsten Drink bestellen?
Allah sagt: «Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist dessen, was sie tun, recht wohl kundig.» (24:30). Auf der Homepage Islam-basis.de findet sich eine Ausführung dazu: «Ja, das ist reiner für dein Herz. Weisst du, warum das besser für dich ist? Weil du leiden wirst, wenn du deine Blicke nicht senkst. Dein Herz wird ermüden. Warum? Weil du dann Dinge siehst, die du nicht kriegst. Das Herz wird dann müde, es leidet mit und wird beeinflusst. Die Augen sind die Botschafter des Herzens. Sie werden dann diese Objekte sehen und sie begehren, sie aber nicht kriegen und deshalb leiden. (…) Wenn du eine Frau siehst, dann senke sofort deine Blicke. Weil der erste Blick deiner ist, und der (nächste) letzte ist es nicht mehr.»
Sich zur Schau stellen
Während der leicht übergewichtige Rapper in dem «Gangsta»-Videoclip in voller Hip-Hop-Montur mit Sonnenbrille seinen Text nuschelt, umgarnen ihn kniend zwei wunderschön gebaute Frauen, scheinen ihm ihre halb entblössten Busen, Schenkel und den knapp bedeckten Po anzubieten. Er hält die Frauen mit seinen beiden Händen auf der Höhe seines Gemächts.
«Warum erlauben die Väter dieser jungen Frauen, dass sie sich der ganzen Welt so zur Schau stellen?», fragt mein Ehemann. Ich weiss keine Antwort. Bin mehr wütend als empört: Wie kommt es, dass sich die heutigen jungen Frauen, denen doch die ganze Welt offen steht, in solchen Videoclips prostituieren? Dass sie nur auf ihr nacktes Äusseres setzen und später mit leeren Händen, Herzen und getrübten Seelen dastehen. Für streng Gläubige (auch Christen!) ist das und der Zerfall von Sittlichkeit und Scham Anzeichen des Anfangs vom Ende dieser Kultur…
«Bevor der Islam kam, haben die Araber, Römer und Griechen den Wert der Schönheit nur an dem Körper gesehen. Die Definition der Schönheit war bei ihnen also eine körperliche. Als der Islam kam, wollte er die Bedeutung ändern. Er wollte es mit Gefühlen verbinden, er wollte den Leuten übermitteln: Reinigt euren Geschmack! Es war nie das Wichtigste bei einer Frau, dass man ihren Körper sieht! Der Islam macht auf die Schönheit der Gefühle und die Schönheit des Charakters aufmerksam. Damit der Mann nicht das Gefühl bekommt, dass der Charakter der Frau nichts wert ist und sich nur auf die Schönheit ihres Körpers beschränkt.» Dies verdeutlicht ein Chatter auf
www.islam-basis.de
Als ich meinen Gefährten kennen lernte, waren weder er noch ich in erster Linie vom Aussehen angezogen: Ich war sofort angetan von seiner Herzenswärme, die er grosszügig verströmte – ihm ging es mit mir ähnlich. Wir fühlten uns sofort vertraut, wesensverwandt sogar. Scham war zu Beginn das grosse Thema: Ein etwas tieferer Ausschnitt oder ein Kleid, das nicht weit über die Knie ging, löste bei ihm die Bitte aus, dies nicht allen zu zeigen. Ihn selbst sah ich erst im Bett ganz nackt, und auch dies nur beim Licht einer einzelnen Kerze.
Hüllenlos = schutzlos
Dieser erste Augenschein hielt für uns beide ein zärtliches Erschrecken bereit: Für mich, weil er beschnitten und dort nackt und glatt war; für ihn, weil ich nicht rasiert war. Muslime müssen sich um die Schamgegend, aber auch unter den Armen rasieren. Aus hygienischen Gründen – eine Erklärung, der ich ohne weiteres folgen kann. Allerdings ohne mich diesem Gebot zu unterwerfen (schliesslich haben wir Wasser und Seife jederzeit und reichlich zur Verfügung). Ich hätte auch ein bisschen Angst davor, mich beim Rasieren zu verletzen, aber auch, an dieser Stelle so ungeschützt nackt zu sein. Und: Gibt es nicht Prostituierte, die sich mit der Spezialität «vollkommen rasiert» anbieten?
Muslimen ist es übrigens nicht erlaubt, die Schamteile des anderen Geschlechts intensiver zu betrachten – ein kurzer Blick muss genügen. Männer müssen ausserhalb des Betts vom Bauchnabel bis zu den Knien bedeckt sein; von den Frauen sollte man streng genommen nur Gesicht, Hände und Füsse nackt sehen. Aber von mir wird das natürlich nicht verlangt. Aber soll ich Ihnen etwas gestehen? Ich finde es äusserst angenehm, meinen nicht mehr zwanzigjährigen Busen weder dem unbarmherzigen Sonnenlicht noch fremden Blicken auszusetzen. Wie wohltuend ist das schimmernde Kerzenlicht, und wie ästhetisch kann eine gekonnte, sanft stützende und kaschierende Verpackung sein. Diebische Freude hatte ich, als ich einmal auf ihn zuging: Bekleidet bis zu den Hand- und Fussgelenken, aber meine immer noch zierlichen Füsse mit den pastell gestrichenen Nägeln in einer feinen Riemchensandalette – und in seinen Augen blitzte es freudig auf.
Muslimische Männer sind also nur in intimen Momenten im Bett und unter der Dusche nackt. Um bei so viel Nacktheit im Bad einen gewissen Schutz zu haben, wird generell nicht gesprochen. Anfänglich hat es mich befremdet, dass meine Frage: «Tee oder Kaffee?» nicht beantwortet wurde, wenn er im Bad war.
Nackt sein ist für mich dann ein glückliches, befreites Erlebnis, wenn es im geschützten Rahmen, wie etwa in der Sauna, am Nudistenstrand oder in intimen Momenten zu zweit geschieht, und bekommt immer dann etwas Verstörendes, wenn die Nacktheit etwas bezwecken will – wie ist es für Sie?
Nachgefragt:
SPUREN: Wie gehen du und dein Mann heute mit eurer Nacktheit um? Hat sich für euch beide etwas verändert?
Monika Brechbühler: Nicht entscheidend. Er bekommt eine kleine Panik, wenn ich ihn unabsichtlich nackt überrasche; ich respektiere sein Gebot. Oder anders gesagt: Es gibt viele Tücher in den verschiedenen Räumen unserer Wohnung!
Seid ihr beide der Liebe willen Kompromisse eingegangen?
Wenn Kompromisse, dann nicht schmerzhafte oder faule, wie wir sie in unserer Jugend empfunden haben. Als Mittelalterliche kommt mir das Gebot der Bedeckung sehr entgegen. Ihm springt natürlich die Nacktheit überall von Plakatwänden, Medien voll ins Gesicht ...
Ist eure Liebe grösser als der Koran?
Diese Frage stellt sich mir nicht: Manchmal lesen wir (auf meinen Wunsch!) zusammen im Koran, und ich frage ihn zu bestimmten Themen, wo genau steht das mit der Verschleierung? Ich verstehe die Gebote des Korans aus der damaligen Zeit heraus, also nicht eins zu eins übertragbar auf die heutige Zeit. Aber ich reite nicht auf dem Thema herum, und er ist sehr grossherzig andern und somit auch mir gegenüber. Aber für sich versucht er, den Geboten strikt zu folgen.
Ist da auch manchmal eine Zerrissenheit?
Nicht von meiner Seite. Aber für ihn ist die Vorstellung unerträglich, dass wir einmal nicht im selben Paradies sein würden, weil ich nicht Muslima bin. Aber ich necke ihn und sage, dann könnte er sich mit den «sieben Jungfrauen alleine vergnügen» – er findet das nicht so lustig. Aber Humor hilft fast immer weiter, wenn unsere Religionen auseinander driften. Was haben wir schon gelacht! Angenehm für mich: Er schaut keinen Frauen nach, scheint deren körperliche Reize nicht zu sehen …
Was uns sehr nahe bringt: Die universellen spirituellen Wahrheiten gehen über die einzelnen Religionen hinaus, und wenn wir verzweifelt sind über die täglichen Schreckensnachrichten versichern wir uns mit der Meta-Meditation: «Mögen alle Wesen glücklich sein, voll Liebe, Frieden und Mitgefühl» – aber das hat mit Nacktheit nicht mehr direkt zu tun ...