Unbekanntes Ich
Neueste Ergebnisse aus der Hirnforschung beweisen: Es gibt keinen harten Kern unseres Ichs …
Von Birte Gräper
Ich – dieses Buch mit dem Untertitel «Wie wir uns selbst erfinden», recherchiert von den beiden Wissenschaftsjournalisten Werner Siefer und Christian Weber ist ein Hammer. Die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung, der Neurobiologie, der Bewusstseinsphilosophie und der Psychologie zielen alle auf den einen Punkt: Es gibt ihn nicht, den harten Kern unseres Ichs. Bei genauerer Betrachtung löst sich der vermeintliche Kern unserer Persönlichkeit auf in Wohlgefallen. Unser Ich ist nämlich eine reine Konstruktion, eine Simulation im Gehirn.
Was bedeutet das nun für mein Leben? Ich fühle mich doch als Ich. Ich bin das Zentrum meiner Welt. Und jetzt soll es mich gar nicht geben, weil ich einer permanenten Sinnestäuschung aufsitze? Was ist da eigentlich los?
Die Philosophen hat die Frage nach unserer Existenz ja stets umgetrieben, doch nun hat sich die empirische Wissenschaft auf dieses Terrain begeben und ist zu diesen erstaunlichen Ergebnissen gekommen: Wir, unsere Welt, alles ist erfunden, alles wird ständig im Gehirn neu zusammengesetzt, im Laboratorium unserer Neuronen und Synapsen neu konstruiert. Eine Welt von Schwingungen und Frequenzen bringt laut den Erkenntnissen der Wissenschaft einen fortlaufenden Film des Erlebens in uns hervor mit vielen möglichen individuellen Zuständen.
Die Neuronenforscher verstehen unser Gehirn als einen gigantischen Zergliederungsapparat ohne Zentrum. Wenn wir einen Ball anschauen, den wir in die Luft geworfen haben, dann passiert im Gehirn Folgendes: Alle physikalischen Informationen, also Grösse, Form, Geschwindigkeit, Raum, Zeit und einiges mehr werden separat in verschiedenen Zentren analysiert. Nirgendwo gibt es eine Kommandozentrale, in der sämtliche Erkenntnisse zusammenlaufen, um sie zu verbinden und dann zu einem einheitlichen Objekt, dem Ball, zu vervollständigen.
Neuronengruppen verbinden ihre Informationen, indem sie einfach anfangen synchron zu schwingen. Wir nehmen nur das wahr, was das Gehirn macht: Beispielsweise entsteht in uns die Farbe Rot aus elektromagnetischer Strahlung einer Wellenlänge von 700 Nanometern, hervorgerufen durch 100 Milliarden Nervenzellen und deren Interaktionen. Das Gehirn aktiviert, angeregt durch die Signale der Sinneszellen im Auge, Nervenmuster, die für Rot stehen.
Schon mal überlegt, wer da gerade darüber entscheidet, was in Ihrem Kopf passiert?
Pausenloser Umbau
Das Denken, also Lernen und Gedächtnis, basiert auf einer fortwährenden Veränderung der Nervennetzwerke. Manche Gedankenbahnen werden häufiger gebraucht und werden dadurch schneller, andere haben ihre Aufgabe erfüllt und bauen sich ab. Weil jede Art der Wahrnehmung mit Lernen und Gedächtnis zu tun hat, befindet sich das Gehirn in einem pausenlosen Umbauprozess. «Wir» sind niemals konstant. Ein weiteres Merkmal des Gehirns ist das Umschreiben von unangenehmen Erfahrungen zu kompatibler, individueller Geschichte. Solche Manipulationen geschehen meist im Unterbewusstsein, und zwar im «Auftrag» der Evolution zur Sicherung des eigenen psychischen Überlebens. Wir merken nichts davon und meinen, wir hätten die Kontrolle über unser Denken und unser Empfinden.
Es gibt keinen Kapitän an Bord. Das Schiff organisiert sich selbst. So ist Denken, laut einigen Neurobiologen, auch keineswegs verlässlicher oder objektiver als Wahrnehmen. 20 Milliarden Nervenzellen, die untereinander an 200 Billionen Stellen verknüpft sind, erschaffen offensichtlich eine permanente Simulation des Ichs. Wer will da noch von persönlicher Verantwortung oder gar Willensfreiheit sprechen?
Bin ich tatsächlich nicht mehr als ein Bio-Computer? Douglas Harding, ein hochbetagter ehemaliger englischer Professor für Religionsphilosophie in Cambridge, lehrte seine Studenten, das wahre Ich zu entdecken. In einfachen Übungen zeigte er ihnen die Befreiung von einem sich permanent bemühenden, sich selbst und sein eigenes Leben ständig verbessern wollenden, unzufriedenen Ich. Das Geheimnis liegt jenseits von Denken und Wahrnehmen. Es enthüllt sich durch einen simplen Perspektivenwechsel und durch Spüren. «Wir schauen immer auf die Dinge. Und was zum Teufel ist es, aus dem wir schauen?»
Werner Siefer und Christian Weber: Ich. Campus Verlag, Frankfurt 2006, 307 Seiten, Fr.34.90.
