Johle und Werche
Thomas Lüchinger ist für seine Filme bisher oft in ferne Kulturen gereist. Johle und Werche, sein neues Werk, zeigte eine Welt so fern und doch so nah: Musiker im Toggenburg.
Von Matthias Gerber
Schneeflocken und Feuerfunken in der Werkstatt des letzten Schellenschmiedes eröffnen den Film; dann folgt ein wunderbarer Naturjodel mit der Vorsängerin Annelies Huser und einer Gruppe von Männern, die «Graadhebe», indem sie einen Akkordteppich unter die Melodie weben. Der Film schliesst mit einer wunderschönen Szene, wo der Schellenschmied die fertige, golden glänzende neue Glocke aus dem kühlenden Brunnenwasser zieht. Dazwischen finden sich viele Szenen aus dem bäuerlichen, sennischen Arbeitsalltag im Toggenburg: eindrückliche Naturaufnahmen, weitere gesungene Jodel, ein Abstecher zu einem Mann, der Obertoninstrumente baut – und immer wieder Kühe. Durch diese magische Welt führt uns der Musiker und Komponist Peter Roth mit Kommentaren zu Natur- und Obertönen, zur Bedeutung des Singens im Alltag und vielem mehr.
Thomas Lüchinger und sein Team haben aus über hundert Stunden Filmmaterial ausgewählt, und es ist ihnen eine beeindruckende Collage gelungen. Seit dem spontanen Entschluss, einen Film über diese besondere Kultur zu drehen, hat der Filmemacher unzählige Stunden im Toggenburg verbracht, und er hat mehrere Wochen auf einer Alp gelebt. Dadurch wirken die Szenen nie gestellt. Dazu der Dokumentarfilmer: «Ich konnte nicht loslassen. Die Klangwelt der Sennen hat mich fasziniert, weil es eine authentische Kultur ist. Sie wird gelebt und hat nichts mit bloss äusserlicher Folklore zu tun.» Johle und Werche will die Zuschauer zum Hören einladen. Das gelingt hervorragend.
Die Naturjodel rund um den Säntis, das Zauren oder Zäuerlen im Appenzell oder eben das Johle im Toggenburg ist für mich eine der archaischsten, im Alltag lebendig gebliebenen Formen von Volksmusik der Schweiz. Wie oft hat mich dieser Gesang schon verzaubert und mir einen wohligen Schauder geschenkt! Peter Roth erläutert das Phänomen so: «Ich glaube, das ist das Markenzeichen dieser urchigen Musik hier oben: dass eben Naturtönigkeit gesungen wird. Das sind Töne, die auf den ersten Moment eher schräg oder ‘falsch’ tönen.»
Naturjodel werden nur mündlich überliefert, einige haben Namen, andere nicht. Oft hören die Bauern neue Melodien aus dem Geläut der Schellen, beispielsweise beim Alpabzug. Peter Roth weist in einem Kommentar auch darauf hin, wie wichtig das gemeinsame Singen für die Identität der Toggenburger ist, gerade auch in einer ländlichen Welt, die ökonomisch immer stärker unter Druck steht. Von sich sagt er: «Ich brauche Klang zum Leben. Naturjödel aus dem Alpstein, Mantras aus dem Tibet oder auch die Töne aus dem Saxofon von John Coltrane sind für mich unverzichtbar.»
Der Schellenschmied
Thomas Lüchinger hat in diesen Film viel Herzblut gesteckt, und er hat ihn trotz widriger Umstände zu Ende geführt. Ursprünglich sollte die Klangwelt des Toggenburgs in eine Collage mit dem Zumthor-Bau des Klanghauses am Schwendisee eingewoben werden. Da sich dieser Bau aber verzögert hat, musste diese Idee aufgegeben werden. Mit dem Einbezug der Arbeit des letzten Schellenschmiedes im Tirol, Emil Mattle, der nach langem Zureden einwilligte, Einblick in sein Handwerk zu geben, kam eine neue faszinierende Komponente hinzu.
«In unserem System zählen vor allem Hochleistung, Tempo und Wettbewerb», meint Peter Roth. «Sich Zeit lassen, verweilen und zur Ruhe kommen sind nicht gefragt. Dabei wäre ebendies die Voraussetzung dafür, dass sich Klang entwickeln, Resonanz bilden und seine wunderbar heilende Wirkung entfalten kann. In der Stille, tief im eigenen Innern, können wir ihn hören: den vollen Klang der Welt, die sich unsichtbar um uns weitet.» Genau das vermittelt auch dieser stille und doch klangvolle, ruhige und doch dichte Film.
Johle und Werche kommt
auf Ende 2006 in die Kinos.
Nähere Infos:
www.johleundwerche.ch
