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Nummer 82 Winter 2007
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Östlich der Sonne ... der andere Märchenprozess
Elisa Hilty lässt Märchen und Aufstellungen miteinander verschmelzen. Es war einmal ... ohne analytisches Interpretieren.
Von Eva Rosenfelder

«Märchenhaft» beginnt mein Tag. Das Telefon klingelt, der Nachbar hält mich auf, mein Töffhelm ist verschwunden, und alle Ampeln stehen auf Rot. Wieder mal zu spät! Das Märchenseminar hat schon begonnen, als ich in den hellen, gut duftenden Raum schleiche. Etwa zehn Leute sitzen im Kreis, mein Stuhl wartet schon auf mich.
Elisa Hilty lächelt. Wie eine weise alte Märchenfee, denke ich. Ihre silbergrauen Haare, das samtblaue Oberteil und der schwarze Jupe verstärken das Bild. Überhaupt droht mir die Fantasie schon durchzugehen: Sieht nicht der Teilnehmer mit Bart und runder Nase aus wie ein Troll, der soeben einem Märchen entstiegen ist?
Wir sind alle da, um einen Märchenprozess zu erleben. Was mich da wohl erwartet? Nach einer liebevollen Einstimmung ins Thema «Nacht» erzählt uns Elisa mit sanfter Stimme ein nordisches Märchen.
Sofort versinke ich in der Bilderwelt: Da ist eine Heldin aus armer Familie, der verwunschene Prinz im Körper eines weissen Bären; die hässliche Rivalin mit der drei Ellen langen Nase und ihre böse Mutter. Am Schluss siegt das Gute, und die Liebenden finden zusammen.
Nach dem Märchen erspüren wir, welches Märchenbild in uns nachklingt.
Die wichtigsten Handlungsträger werden wir nun auf der Bühne «stellen», sie so lange beleben und verändern, bis ihre Konstellation für uns alle stimmt. So sollen die tieferen Schichten und Lebensweisheiten des Märchens sichtbar und erfahrbar werden. Wer Lust hat, darf nun sein Bild stellen und den Prozess leiten. Eine Frau meldet sich.

Aufstellung
Mit einem Wollfaden legt sie die Bühne. Für ihr ganz persönliches Märchenbild wählt sie uns aus als ihre Statisten: «Willst du das Bett sein? Der Vorhang? Die Heldin? Der Prinz? Die falsche Braut? Der Gefangene?» Nein sagen ist erlaubt, doch alle Ausgewählten machen mit, einige sind Zuschauer. Ganz wichtig ist es nun, auf die Körperwahrnehmung zu achten und diese ehrlich mitzuteilen.
Ich bin der «Gefangene». Meine erste Wahrnehmung ist Ärger! Ich ertrage es schlecht, bestimmt zu werden, hingestellt wie ein «Toggel», der aus eigenem Antrieb nichts mehr tun kann.
Doch bald überwältigt mich eine Fülle von Wahrnehmungen, die durch dieses Stillgehaltenwerden entsteht. Ich fühle jede Bewegung, jede Energie im Raum, alles wird unheimlich belebt. Auch den anderen ergeht es so: Sobald jemand nur ganz leicht gedreht wird, verändert sich sofort die Energie auf der Bühne.

Spiegel des Geschehens
Elisa fragt uns alle einzeln, wie es geht, und wiederholt die Antworten wörtlich und mit klarer Stimme. Sie steht ausserhalb und trägt so als Spiegel das Geschehen. Sie nimmt uns ernst, akzeptiert auch Ängste, Wut und Widerstände.
Als eine Frau aussteigen will, weil ihre Gefühle zu heftig werden, schlägt sie ihr eine kleine Drehung vor, und schon kommt die Situation wieder in Fluss.
Nach einer Stunde stehen wir alle so, wie es für uns stimmt. Wir tauschen kurz aus, und nun kommen auch die zu Wort, die nicht auf der Bühne waren.
Dabei wird nur über Erlebtes gesprochen und nichts interpretiert! Am Nachmittag stellen wir einen zweiten Prozess. Diesmal bin ich eine Fackel: Brennen aus der inneren Mitte, die Umgebung erhellen, bei sich bleiben.
Die Belebtheit aller Dinge, die ja den Märchen eigen ist, weckt auch uns Teilnehmende. Nach diesem Prozess sind wir alle verwandelt, energetisiert, übermütig und beseelt. Plötzlich sind wir uns nahe. Mich würde es schon jucken, den Ablauf zu analysieren, doch es ist wie ein Geschenk, es nicht zu tun: Das Ungesagte schwirrt übermütig herum, die Märchenwesen tollen freudig im befreiten Raum, und wir laben uns an ihnen. In mir lodert die Fackel, eröffnet einen ungeahnt hellen, inneren Raum. Sie ist es, die ich von diesem Prozess mitnehme: Noch Tage später brennt sie in mir, und ich fühle mich zentriert. War es das, was das Märchen mir persönlich hat mitgeben wollen?

Info: Favola, Elisa Hilty, Bordoi, 6661 Auressio, www.maerchenkurse.ch


Autor: Eva Rosenfelder | Profil
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