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Nummer 82 Winter 2007
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Patrick Rohr - Lebensgeschichten
Sein Gesicht kennt man von Fernsehformaten wie Arena oder Quer.
Der Mensch Patrick Rohr hat Tiefgang, und sein Velo hat Gänge bis Amsterdam. Annäherung an einen modernen Pilger.
Von Claude Jaermann

Sein Terminkalender ist dicht und voller Verpflichtungen. Kein Wunder! Patrick Rohr tanzt auf vielen Hochzeiten. Neben seiner Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen für das Magazin Quer führt er Interviews für die auflagenstärkste Schweizer Tageszeitung den Blick, und zudem gibt er sein Medienwissen an Studenten weiter. Zu seinen grossen Talenten gehört zweifelsohne das Einfühlen in andere Menschen, die er in seiner wöchentlichen Sendung Quer vorstellt und die ihm auch sehr persönliche und vertrauliche Dinge erzählen. Zwischen zwei Sitzungen lässt er das Mittagessen ausfallen und nimmt sich trotzdem viel Zeit für Spuren.

Spuren: Wie gelingt es dir, ein Gefäss des Vertrauens zu schaffen, in dem sich Menschen dir öffnen, selbst wenn Lichter und Kameras und Publikum da sind?
Patrick Rohr: Das schönste Kompliment ist für mich immer, wenn die Leute nach der Sendung sagen, dass sie völlig vergessen haben, im Fernsehen gewesen zu sein. Das ist aber auch gefährlich, da sich ein Mensch bei mir exponiert und sich dabei zu sehr öffnen könnte. Hier übernehme ich die Verantwortung für meine Gäste und muss Grenzen setzen. Warum sich die Menschen in den Gesprächen so öffnen, weiss ich auch nicht. Überlegt habe ich es mir auch noch nicht. Mich interessieren einfach Lebensgeschichten, Lebensentwürfe, Lebensformen. Es ist schön, mit einem Menschen irgendwo zu sitzen und zu reden – nicht Oberflächliches, was ich manchmal auch sehr geniesse, aber ich meine Gespräche, die in die Tiefe gehen. Dass kann auch in einer Bar sein, wo ich mit jemandem ins Gespräch komme. Wenn man von jemandem wissen will, wie er lebt, wie er handelt und wieso er so handelt, dann schafft man automatisch eine Vertrauensbasis, wenn das Gegenüber sich ernst genommen fühlt. Und ernst genommen fühlt man sich immer dann, wenn man spürt, dass das Interesse echt ist. Für mich sind dies alles Lehrstücke. Ich lerne aus all diesen Lebensentwürfen enorm viel. Ich habe in den 4 1/2 Jahren Quer in meinem Leben einen grossen Schritt vorwärts gemacht. Ich bin sicherer geworden, weil ich heute weiss, dass ich auch Unsicherheiten zulassen darf. Heute kann ich auch sagen, wenn ich etwas nicht weiss.

Ihr habt in Quer auch immer mal wieder Themen aus dem Bereich der Esoterik gebracht. Wie war die Resonanz darauf?
Meistens sehr gross, und vor allem sehr gegensätzlich. Wenn wir esoterische Themen auswählen, also wenn wir beispielsweise durch die Lebenskraft-Messe gehen und dort Dinge auch hinterfragen, fällt mir auf, dass wir auf der Redaktion lieber von Psychologie reden als von Esoterik, da der Begriff ein wenig abgedroschen wirkt und inzwischen einen etwas abschätzigen Beigeschmack hat. Es möchten sich auch immer weniger Leute damit in Verbindung bringen lassen. Ich stelle mir vor, dass eine Aura-Fotografin damit weniger Mühe hat. Wenn wir jedoch eine Sendung über Hypnose planen, gibt es schon Probleme. Mit Begriffen wie Lebensfragen, Spiritualität oder Religiosität kommt man dem Kern der einzelnen Themen vermutlich näher.

Du hast mal gesagt, dass wenn du sehr viel von dir gibst, würden deine Gäste im Studio auch sehr viel von sich geben. Es fällt auch auf, dass man bei dir das Gefühl hat, dass dich die Menschen wirklich interessieren.
Wenn eine Person zu mir in die Sendung kommt, fühle ich mich ihr sehr verpflichtet. Sie kommt zu mir, öffnet sich und gibt mir ein Interview, exponiert sich vor einer halben Million Menschen mit ihrer persönlichen Geschichte – davor habe ich grossen Respekt. Und ich nehme die Menschen vor mir in der Tat sehr ernst. Ich nehme Anteil, ich versuche zuzuhören, zu verstehen, ich erlaube mir auch einmal, nicht zu verstehen und dies auch zuzugeben. Ich nehme emotional Teil an meinen Gesprächen, was mich manchmal so stark mitnimmt, dass ich mich hinterher völlig ausgepumpt fühle. Wenn ich nur abfragen würde, hätte ich zwar meinen journalistischen Auftrag erfüllt, mehr nicht. Doch aus solchen Gesprächen würde keine Tiefe entstehen. Ich möchte weiter gehen, und das gelingt nur, wenn ich beim Gespräch voll präsent bin für meine Gäste und dass sie mir vertrauen, was der entscheidende Punkt ist.

Gab es bei Quer auch Themen, die du aus bestimmten Gründen abgelehnt hast?
Es kam immer wieder vor, dass ich mich zuerst innerlich gegen ein Thema sträubte. Doch ich habe etwas gelernt bei Quer: Je tiefer meine Ablehnung war, desto mehr musste ich mich nach dem Warum fragen: Was ist es, das ich ablehne? Wahrscheinlich lehne ich in mir drinnen einen Aspekt ab. Da ich ja nicht einfach beschliessen kann, ein Thema nicht zu moderieren, musste mich jeweils zwingen, mich mit diesen Thema besonders intensiv auseinanderzusetzen. Da gehörten Sendungen zum Thema Sterben: Ich führte Gespräche mit Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben, oder mit Menschen, die wussten, dass sie in kurzer Zeit sterben würden. Ich tat mich wohl schwer damit, weil ich mich nicht mit der Endlichkeit des Lebens befassen wollte. Der Tod ist für mich etwas Schlimmes, weil Unberechenbares. Bei Quer musste ich mich mindestens fünf Mal damit konfrontieren. Ich hatte Bauchkrämpfe bei den Vorbereitungen. Fragte mich, ob ich etwas Schlechtes gegessen hatte. Doch irgendwann merkte ich: «Hey, es ist das Thema, das ich ablehne!» So bald mit dies bewusst wurde, waren die Bauchkrämpfe verschwunden. Und dann war ich auch bereit, genau die Fragen zu stellen, die mich persönlich beschäftigen. Meistens sind daraus die wertvollsten Sendungen entstanden. Zu guter Letzt empfand ich Freude, über ein solches Thema und durch diese Menschen wieder etwas für mich gelernt haben zu dürfen.
Berggipfel und enge Täler

Tour d’Amsterdam
Vor 15 Jahren hat sich Patrick Rohr in die Hauptstadt Hollands verliebt. Mehrmals im Jahr besucht er die Grachtenstadt und fühlt sich dort einfach wohl. In diesem Jahr kam der Wunsch in ihm hoch, sich Amsterdam auf andere Art zu nähern. Er nahm sich im Sommer 2006 neun Tage Zeit und legte mit dem Velo die 1080 Kilometer nach Amsterdam zurück. Gerade weil die Stadt für ihn eine grosse Bedeutung hat, wollte er die Verbindung zu ihr anders erleben. Das Fahrrad schien ihm die beste Möglichkeit dazu. Hape Kerkeling, ein Berufskollege von Patrick Rohr, wanderte auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostila. Die Fahrt nach Amsterdam war für Patrick Rohr auch eine Art Pilgerfahrt. Die Reise hat ihn verändert.
Über die Radtour sagt er:
«Ich habe enorme Achterbahnen durchgemacht. Es war mein grösstes Erlebnis in meinem bisherigen Leben. Ich habe so etwas noch nie getan; wusste auch nicht, ob ich dies körperlich durchstehen würde. Neun Tage sind eigentlich eine kurze Zeit. Doch neun Tage mit mir alleine zu sein, schien eine sehr lange Zeit. Ich wollte jedoch bewusst alleine reisen, um mir selber am nächsten zu sein; doch davor hatte ich auch Angst.»
Als er losfuhr goss es in Strömen. 18 Kilometer nach Zürich fing er den ersten Plattfuss ein und schlitterte durchnässt in die erste Krise. Amsterdam schien in weiter Ferne, und er fragte sich, was er da eigentlich mache. Doch wie eine Erscheinung tauchte ein Fahrradgeschäft auf, wo sich der Plattfuss beheben liess. Gleichzeitig hörte es auf zu regnen und er sagte sich: «Komm, mach mal bis Basel weiter und dann schau mal.» Im Basel kam er dann sehr glücklich an, und er wusste: Ich mach’ es! Er konnte zwar kaum gehen, hatte Muskelschmerzen und dennoch ein solches Glücksgefühl darüber, dass er die erste Etappe geschafft hatte und ein Wissen, dass er es morgen auch schaffen werde. Ab diesem Tag legte er täglich rund 120 Kilometer zurück.
Mit extremen Tiefs, wenn er zum Beispiel schon frühmorgens durchnässt auf einem Feldweg im Elsass fuhr.
Dazu der Velo-Pilger: «Doch eine halbe Stunde später verschwand der Regen, die Sonne zeigte sich, und eine Gruppe von Schwänen flog über mich hinweg – da bin ich wieder fast ausgeflippt vor Freude. Dass ich so etwas erleben darf! Diese Stimmungen an einem Tag, diese Hochs und Tiefs und jeweils das Glücksgefühl, am Abend irgendwo angekommen zu sein, etwas Feines zu essen, Tagebuch zu führen – dies alles entschädigte mich für die Strapazen.»

Feuer im Herzen
Patrick Rohrs Augen glänzen beim Erzählen. Während dieser Reise wurde ein Feuer entzündet, das auch drei Monate später noch lodert und Funken sprüht. Sein Körpergefühl war enorm. Daraus schöpfte er Energie und stiess immer wieder auch an Grenzen. Für ihn war die ganze Reise auch eine spirituelle Erfahrung, eine Art Mini-Jakobsweg, wie er schmunzelnd bemerkt. Er wusste, dass am Arbeitsplatz Veränderungen anstehen, weil Quer auf den Frühling nächsten Jahres völlig umgestaltet und kürzer wird. Eigentlich wollte er sich auf der Reise mit der Frage auseinandersetzen, ob er bei dieser neuen Sendung weitermachen will oder nicht. Erstaunlich für ihn war, dass während der ganzen Reise diese Fragen nich aufgetauchte. Er radelte völlig befreit von allem, und das war für ihn das Schönste überhaupt.
«Velofahren ist eigentlich etwas sehr monotones. Doch innerlich hatte ich einen solchen Sinnesrausch durch äussere Bilder, durch unzählige Düfte oder durch den mir entgegen blasenden Wind, den ich manchmal auch lauthals anschrie. Die grossen Fragen kamen nicht. Es waren die scheinbar banalen Dinge, die mich beschäftigten: Wo schlafe ich heute? Kann ich die ganze Etappe durchstehen? Wie fühle ich mich?
Als ich mich Amsterdam näherte, weinte es nur noch aus mir. Einerseits aus Erschöpfung, dann aber auch durch das Glücksgefühl, es geschafft zu haben. Und zugleich war da Traurigkeit darüber, dass diese intensive Zeit zu Ende ging. Ich habe mich dem Ziel erst verweigert, sass am äussersten Grachtengürtel und dachte mir: In zehn Minuten bin ich zu Hause. Will ich das? Die Zeit des Reisens ist vorbei.»

Zufriedene Leere
«Ich fuhr dann ganz behutsam in Richtung meiner Wohnung, hielt immer wieder an, machte Fotos, genoss die Stimmung, das Licht und erlebte Amsterdam für mich so neu, da alle Sinne durch die Reise offen waren. Als ich dann zu Hause ankam, konnte ich die erste Viertelstunde nichts sagen, da ich nur heulte vor Glück. Die folgenden Tage nahm ich in mir eine schöne zufriedene Leere wahr. Mit einem Mal lösten sich alle Fragen, die ich meinte, auf der Reise beantworten zu müssen, in Nichts auf. Mir war klar, dass ich mit der Sendung Quer aufhören werde, dass ich meinem Leben eine neue Richtung gebe und alle Ängste, die ich vor dieser Entscheidung hatte, waren einfach weg. Selbst wenn es schief gehen würde, weiss ich heute, dass es irgendwie dennoch weitergeht. Dies war für mich der spirituelle Aspekt der Reise.»

Interview-Auszug. Das ganze Gespräch lesen Sie in der Druckversion von SPUREN Nr. 82.

Infos zu Patrick Rohr unter www.patrickrohr.ch


Autor: Claude Jaermann | Profil
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