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Nummer 82 Winter 2007
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David Steindl-Rast - gelebte Dankbarkeit
Das Leben des Benediktinermönchs David Steindl-Rast dreht sich um einen zentralen Begriff: Dankbarkeit. Wir trafen den österreichisch-amerikanischen Mystiker am Rande eines Friedenskongresses in Belgrad.
Von Ingeborg Szöllösi

SPUREN: Es gibt heute so viele Menschen, die auf der spirituellen Suche sind und von Tag zu Tag kraftloser und blasser wirken statt strahlend und energievoll. Diese Menschen behaupten, nichts mehr zu «begehren“ und alles losgelassen zu haben. Warum können wir nicht loslassen und begehren?
David Steindl-Rast: Diese Menschen, von denen Sie sprechen, leben in einem Übergangsstadium: Sie haben das Begehren losgelassen, haben aber die Kraft des Loslassens noch nicht in sich entdeckt. Diese Kraft fliesst noch nicht durch sie hindurch, das Loslassen ist für sie nur ein Glaubenssatz und noch keine gelebte Realität.

Um nicht auseinander zu fallen, muss man doch an irgendetwas in sich festhalten?!
Nur ans Loslassen – das ist alles!

Aber wenn ich an meine Erfahrungen im Ashram von Amma, der heiligen Frau in Kerala (Indien), denke, wo ich fünf Tage verbracht habe, da scheint mir, dass sich kaum einer ans Loslassen hält. Jede ihrer Jüngerinnen hat mindestens drei Bilder von ihr im Zimmer hängen. Sogar auf dem Ziffernblatt der Uhren lächelt einem Amma entgegen.
Auf einer gewissen Stufe der spirituellen Entwicklung ist das tatsächlich für viele Menschen wichtig – sie brauchen Altäre und Bilder. Man darf niemanden in diesem eigenen Vollzug stören –, denn jeder findet schliesslich seinen Weg dorthin, wo er sich durch das Loslassen reich beschenkt fühlt. Aber das kann man nicht forcieren oder jemandem als Imperativ auferlegen.

Ramesh Balsekar sagte zu einer Geschäftsfrau, die ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen hatte, um nunmehr spirituell unterwegs zu sein: «Du warst bisher nach Geld aus, jetzt suchst du stattdessen Erleuchtung.» Was hat Ihnen der Osten gegeben?
Mir persönlich hat Zen geholfen, mein christliches Gottesverständnis zu vertiefen. Die entscheidende Schwelle war für mich die: Zu erleben, dass für mich selbst, aber auch für die Mehrzahl der aufgeweckten Menschen das alte Gottesbild oder die überlieferte Gottesvorstellung nicht mehr greift. Sie entspricht unserem heutigen Erleben nicht mehr. Wir leben heute in einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, und zwar in allen Lebensbereichen, ob das nun Biologie oder Physik, Politik oder Wirtschaft ist. Alles hängt mit allem zusammen – das ist unsere Erfahrung tagtäglich. Wie sollen wir uns da mit einem Gott abfinden, der von der Welt und von uns getrennt sein soll? Der von uns getrennte Gott – das geht nicht mehr! Doch das war schon in der echten lebendigen christlichen Tradition nicht anders – kein Mystiker hätte das anders gesehen: Gott ist mit jedem von uns ganz intim verbunden, er ist nicht jenseits, er ist meine lebendige Gegenwart!
Wenn wir die christliche Tradition in einem ursprünglichen Sinne verstehen, dann können wir sagen, dass mit Jesus Christus ein ganz neues Gottesverständnis durchgebrochen ist: Der Vater und ich sind eins – das ist seine Botschaft. Und es ist völlig gleichgültig, ob er das je mit diesen Worten gesagt hat, die Exegese hat da wenig zu sagen: Was von den wenigen Dingen feststeht, die geschichtlich über Jesus bekannt sind, ist, dass er von Gott als «Abba» gesprochen hat. Das heisst, Gott war für ihn ein «Vater» – und «Abba» bedeutet Vater in einem sehr intimen Sinne, «Abba» sagt man zu jemandem, zu dem man eine enge Beziehung hat, die auf Gegenseitigkeit beruht. Allein diese Tatsache überzeugt mich davon, dass Jesus ein Mystiker war.

Die Mystik verbindet uns ja über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinaus.
Ja, denn im mystischen Erleben Gottes erfahren wir uns nicht als Wesen, die von Gott getrennt sind, sondern als Wesen, die mit dem Göttlichen eins sind. Das wird von allen Menschen – ganz gleich, wie sie religiös eingestellt sind – in einer innigen Weise erlebt. Da gibt es keine Glaubenssätze mehr, und der Mensch erlebt, dass sein innerstes Geheimnis eine göttliche Wirklichkeit ist: Ich kann mein Tiefstes nicht ausloten, denn diese tiefste Wirklichkeit ist meine göttliche Wirklichkeit. Das ist schon in der Bibel gut ausgedrückt: Der Mensch ist Gottes Ebenbild – Gott ist es, der durch uns hindurch atmet, wir sind durch Gottes eigenes Leben lebendig und genauso unauslotbar wie er.
Dann erleben wir, wie das der amerikanische Dichter Edward Estlin Cummings treffend ausgedrückt hat: «I am through you so I» («Durch dich bin ich so Ich») – in Deutschland haben diesen Gedanken Martin Buber und Ferdinand Ebner weitläufig ausgeführt. Zuerst bin nicht Ich, sondern Du. Ich bin nur deshalb so sehr Ich, weil es dieses Du gibt, das mir gegenübersteht und auf das ich mich beziehe. Dieses Du nennen wir in der christlichen Tradition «Vater», aber wir könnten auch genauso gut «Mutter» sagen.
Dieses Göttliche also kann jeder Mensch in sich auffinden – und dann staunt er, ist überwältigt und empfindet Ehrfurcht und Dankbarkeit. Es tritt jedem als Geheimnis entgegen – trotzdem umgibt es uns von allen Seiten. Es überragt alles – trotzdem können wir es als Du persönlich fassen und erleben, ob wir nun Buddhisten oder Christen sind. Und wenn wir uns fragen: Was erleben wir eigentlich zutiefst? So ist die Antwort: Wir erleben unsere eigene Lebendigkeit, die aus der Beziehung zu diesem Du entsteht. Wir spüren das Leben in uns durch die Beziehung, in der die Liebe vom Du zum Ich fliesst und vom Ich zum Du zurückfliesst. Und diesen Fluss nennen wir in der christlichen Tradition den Heiligen Geist.

Im Buch Wendezeit im Christentum, das ein Gespräch zwischen Ihnen und Fritjof Capra dokumentiert, beschreiben Sie die christliche Idee der Dreifaltigkeit sehr anschaulich: Gott ist Schweigen, Jesus ist Wort und der Heilige Geist Verstehen – oder wie Sie es vorhin ausdrückten: Fluss …
Ja, genau. Und was wir in der christlichen Tradition «Vater» nennen, ist die Quelle von allem, was es gibt. Es gibt, heisst: Gott gibt – demnach ist alles, was es gibt, gegeben – ein Geschenk. Wir selbst sind uns in diesem Sinne eine «Gegebenheit»: Wir haben uns nicht gemacht oder gekauft oder verdient, wir sind uns «gegeben» – daher ist ein Leben in Dankbarkeit ein göttliches Leben, ein Leben, das tagtäglich «Göttliches» wirkt und webt. Und in Dankbarkeit gibt das Gegebene, der Sohn, sich selbst dem Geber, dem Vater.

Das, was im Zen als «Leere» bezeichnet wird, wäre das dann die Entsprechung von dem Gott, den Sie als das Schweigen begreifen?
Ja, das Schweigen oder die Quelle – das ist Gott. Die Quelle ist «Nichts» – und diese «Gottheit» jenseits des Vaters, von der auch Meister Eckhart und viele andere Mystiker sprechen, dieses Nichts als Fülle zu erfahren, dazu hat mir Zen verholfen.

Also muss man selbst seinen eigenen Gottesbegriff loslassen, um ihn mit neuer Kraft zu beleben?!
Selbstverständlich. Man erlebt das Durchdrungensein von Gott – und dann spürt man, dass man keinen erstarrten Gottesbegriff braucht. Wenn man an etwas klammert, dann ist man schon jetzt im Leben tot. Man kann dann nicht mehr im Fluss sein.

Interviewauszug. Das ganze Gespräch lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 82.

Homepage von Br. Dr. David Steindl-Rast www.gratefulness.org


Das Prinzip Dankbarkeit
Im Sommer 2006 konnte der österreichisch-amerikanische Benediktinerpater David Steindl-Rast seinen achtzigsten Geburtstag feiern. Zahlreiche Menschen, die der Jubilar berührte und bewegte, haben ihm mit einem Buch gratuliert: Die Augen meiner Augen sind geöffnet (Herder Verlag, Freiburg 2006). Zu den Autoren dieser Festschrift zählen: Wolf Büntig, Lorenz Marti, Ingrid Riedel, Willigis Jäger, Chungliang Al Huang, Joan Halifax, Bert Hellinger, Thich Nhat Hanh und viele weitere. Aus den Beiträgen dieses Sammelbandes wird deutlich, wie unglaublich reich dieser Mystiker jene Menschen zu beschenken weiss, die sich jener Dimension gegenüber öffnen, die David Steindl-Rast mit jeder Zelle vertritt: Dankbarkeit.
Der Schweizer Zen-Lehrer Vanja Palmers berichtet in dem Buch von einer Erfahrung mit Bruder David an einer Friedenskonferenz, an der sie beide als Mönche teilnahmen. Wie so oft bei solchen Anlässen war die Stimmung unter den Referenten zunächst alles andere denn friedlich: «Wer durfte wie lange reden? Wer stand vorne, wer hinten? Oder wer neben wem? Erst als Bruder David als ältere Respektperson in seiner vermittelnden Art und Weise mit Wiener Charme eingriff und sanft, aber bestimmt den ganzen Ablauf und die Rolle der einzelnen Teilnehmer darin festlegte, beruhigten sich die Gemüter wieder, und alles fand eine harmonische und feierliche Form.»
Die Eröffnungszeremonie jener Friedenskonferenz wurde ein grosser Erfolg. «Zufrieden mit sich, wenn auch etwas erschöpft, wollten sich die Organisatoren und viele Teilnehmer bei Bruder David bedanken, doch der war nicht anwesend. Nach einigem Suchen fand ich ihn in der Toilette. Er, Held und Retter des Abends, putzte gerade die Räume der Notdurft, die durch die Masse arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Mein Erstaunen wurde nur noch durch sein Erstaunen über mein Erstaunen übertroffen.»


Autor: Ingeborg Szöllösi | Profil
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