Loreena McKennitt – keltische Weltmusik
Sie ist musikalische Weltenbummlerin und Grenzgängerin zugleich. Ihr neues Album ist ein bisschen, als würde man einen Interrail-Pass kaufen.
Von Claude Jaermann
«Sage mir, Muse, die Taten des viel gewanderten Mannes …» mit diesem Zitat aus Homers Odyssee leitet Loreena McKennitt ihr siebtes Studioalbum ein. Sie selbst bezeichnet An Ancient Muse – so der Name des Werkes – als musikalische Reiseschilderung. Wie in jedem Konzeptalbum folgte die charismatische Künstlerin den Spuren der Kelten. Diesmal reiste sie in östlicher Richtung in die Ebenen der Mongolei, in König Midas’ Reich und bis ins alte Byzanz. Unterwegs sinniert die Musikerin über Konzepte von Zuhause und Heimat, das Reisen in seinen mannigfaltigen Formen und über den kulturellen Austausch, welcher der Menschheitsgeschichte und dem universellen Erbe aus Konflikt und Hoffnung zugrunde liegt.
Loreena McKennitts Leidenschaft für das, was man heute keltische Musik nennt, reicht bis in die späten siebziger Jahre zurück, doch ihre eigentliche Entdeckungsreise begann erst, als sie sich auch für die dazugehörige Geschichte zu interessieren begann: «1991 besuchte ich eine Ausstellung über keltische Artefakte in Venedig, und mir wurde bewusst, wie weit der Einfluss der Kelten reichte – sowohl geografisch als auch zeitlich gesehen. Bald fand ich mich in einem traditionsreichen Mosaik aus Klängen, Rhythmen und Geschichten wieder. Ich entdeckte sich gleichende Mythen und Traditionen an Orten, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind, und Menschen, die bei aller Verschiedenheit Gemeinsamkeiten aufweisen.»
Gamben und Kanoun
Musik ist für Loreena McKennitt weit mehr als nur ein Mittel, um den eigenen Horizont zu erweitern und der Kreativität freien Lauf zu lassen. «Was mich stets besonders beeindruckt hat, ist die einzigartige Fähigkeit der Musik, Stimmung und Verfassung ihrer Hörer und sogar bestimmte Lebensvorgänge zu beeinflussen. Dieses Phänomen, Grundlage der Musiktherapie, trifft nicht nur auf Menschen zu, sondern auch auf Tiere», meint die Künstlerin.
Auf ihren Reisen ist sie immer offen für neue, fremde Klänge und baut diese in ihre Musik mit ein. So hört man auf ihrem neuen Album nebst Cello, Harfe oder Violine auch unbekannte, exotische Instrumente wie Gamben (ein Vorläufer des Cellos), Kanoun (eine orientalische Version der Zither) oder den schwedischen Tastenfidel namens Nyckelharpa. Mit diesen Klängen sind der Musikerin, die sich gerne als Reiseschriftstellerin bezeichnet, auch viele talentierte Künstler begegnet, die sie für ihre Alben ins Studio einlud. «Es kommt nur selten vor, dass bereits Noten existieren, wenn wir ins Studio gehen», erklärt Loreena McKennitt und fährt fort, «für die meisten Lieder habe ich ein Bild vor meinem geistigen Auge. Ich beschreibe den Mitmusikern dieses Bild. Wenn man mit Musikern dieses Kalibers arbeitet, entwickeln sich die Lieder quasi auf organische Weise.»
Vielseitigkeit
Die in Manitoba, Kanada, geborene Künstlerin ist eine vielseitige Persönlichkeit, deren Wirken sich nicht alleine auf Kompositionen und Alben bezieht: «Auch ausserhalb der Musik lasse ich meiner Neugier freien Lauf. Ich interessiere mich für viele Dinge, wie Kindesentwicklung, Umweltfragen, Landwirtschaft, Politik, gesunde Ernährung, Marionetten, Religion und andere wichtige Themen. Viele dieser Interessen sind eng mit meinem täglichen Leben und unserer Arbeit hier bei Quinlan Road verknüpft, weil ich es für sehr wichtig halte, ein Teil des grösseren Ganzen zu sein und meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.»
Im Jahr 1998 gründete sie den Cook-Rees Memorial Fund for Water Search and Safety, als drei Menschen, ihr Partner und zwei Freunde, bei einem Bootsunfall nicht weit von ihrem Haus ums Leben kamen. Dank der Grosszügigkeit von Freunden und Familien in Stratford und Menschen in der ganzen Welt konnte sie eine Reihe Massnahmen zur Aufklärung über sicheres Verhalten auf Gewässern und zur Notrettung unterstützen. «Ich kann kaum in Worte fassen, wie beeindruckt ich von den wunderbaren, engagierten Menschen bin, die in diesem Bereich tätig sind. Für viele von ihnen gehört es zum Alltag, das eigene Leben zu riskieren, um andere zu retten», meint Loreena McKennitt dazu.
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