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Nr. 83 Frühling 2007
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Daniel Odier: der Begnadete
Was Daniel Odier erlebt hat, grenzt ans Wunderbare: Im Himalaja wurde er in die Tradition des Tantra initiiert, in China erhielt der Schweizer Schriftsteller kürzlich die Weihe zum Zen-Meister. Eine Begegnung in Paris.
Von Martin Frischknecht

Drei Seiten hat dieser Mann. Mindestens. Sprechen wir zunächst von jener Seite, die am bestem bekannt ist: Daniel Odier, der Tantriker. Vor zehn Jahren hat der 1946 in Genf geborene Schweizer Weltenbummler einen autobiografischen Bericht veröffentlicht, in dem er detailliert und anschaulich erzählt, wie er im Himalaja einer Eremitin begegnete, die ihn im Verlaufe eines wochenlangen umfassenden Prozesses in der Lehre des Tantra unterwies und ihn in diese jahrtausendealte mystische Tradition initiierte. Auf eine Phase der Klärung und Läuterung folgte eine Phase intensiver Schulung mit ekstatischen Durchbrüchen, die schliesslich zu den Ritualen der grossen Vereinigung führten und zum «Eintauchen in die absolute Liebe» (Untertitel).
So geil. Den Tantrikern hierzulande hat Odiers Geschichte den Schlaf geraubt. Manch einer fühlte sich in seinem Streben beflügelt, andere fragten sich, was sie in ihren Kursen eigentlich trieben. Was ihnen im Westen bis dahin als Tantra verkauft worden war, hat mit dem, was hier einer aus eigener Erfahrung beschreibt, nur wenig zu tun. Statt Sinnesrausch und Nervenkitzel wurde der Schüler von der tantrischen Meisterin Lalita Devi Schritt für Schritt durch die Stufenfolge eines klassischen Meditationstextes geführt und dazu angeleitet, die Wahrheit des Vijnanabhairava-Tantra am eigenen Leib zu erfahren. Statt Shiva-Shakti-Spiele im Mondenschein gab es Visualisierungen, Pranajama und Konfrontationen mit der eigenen Angst.
Und statt zurück im Westen von geheimen Riten, von Kamasutra und kosmischem Sex zu schwärmen, hat der Schriftsteller, der sehr wohl weiss, wie man einen solchen Stoff spannend erzählt, jahrelang über seine Initiation im Himalaja geschwiegen. Dabei lernte er, «dass jede mystische Erfahrung erst dann ihre Vollendung erfährt, wenn man ins soziale Leben zurückkehrt». Das war die grosse Lektion. Die Integration dauerte Jahrzehnte, und sie führte dazu, dass sich der Tantriker rückhaltlos der Welt auslieferte: «Mir war, als ob ich mich in einen Trichter verwandelte, in den sich alles Wirkliche ergoss», schreibt der Autor in den Nachgedanken zu seinem Bericht.
Im Januar 2007, als wir uns frühmorgens in Paris zum Interview treffen, ist «alles Wirkliche» nicht gerade wenig. Auf den Avenuen rund um das zentral gelegene Haus braust der Verkehr, in der Wohnung im vierten Stockwerk schläft Odiers Gemahlin Geneviève. Sie hat mich tags zuvor zum Tee empfangen, um mir mitzuteilen, dass Daniel Odier wegen eines Streiks am Flughafen von Mailand stecken geblieben war, wodurch er den eigentlichen Interviewtermin nicht wahrnehmen konnte. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen. Am folgenden Tag fliegt das Paar zum gemeinsamen Urlaub und für ein Seminar nach Mexiko.
Jetzt sitzt mir Daniel Odier gegenüber. Er ist am Vorabend gegen Mitternacht mit dem Zug nach Paris gekommen. Wir haben uns in der psychologischen Praxis seiner Frau eingerichtet. Der gross gewachsene, kahl geschorene Mann mit einer sehr aufrechten Haltung blickt mich aus wachen Augen an und lässt sich nicht anmerken, wie ihn meine in holprigem Französisch vorgebrachten Fragen erreichen. Der «Trichter, in den sich alles Wirkliche ergiesst», ist offensichtlich weit offen, seine Antworten kommen spontan und unbefangen.

SPUREN: Daniel, du sprichst davon, dass es Schüler gibt, die zu dir in die Kurse kommen. Was heisst das für dich?
Daniel Odier: Es gibt Leute, die nur mal kurz bei mir reinschauen und sich dann nicht mehr blicken lassen, und es gibt solche, die regelmässig kommen, welche die Praxis aufnehmen und sich regelmässig mit mir darüber austauschen. Diese Menschen bezeichne ich als meine Schüler. Sie binden sich nicht auf formelle Weise an mich, vielmehr erfinden wir gegenseitig unsere Beziehung, und das ist von Fall zu Fall verschieden. Wer sich auf diesen Weg einlässt, durchläuft mitunter heftige Erschütterungen; da geht es nicht an, dass ich in eine Praxis einführe und mich dann mir nichts, dir nichts davonmache, weil ich anderswo wieder einen Kurs habe. Diesen Prozess will ich begleiten.

Was für eine Rolle nimmst du dabei wahr? Bist du für die Schüler ein Meister?
Darum geht es nicht. Beide sind wir menschliche Wesen, und es ist einfach schön, bei einer solchen Entwicklung dabei zu sein.

Verglichen mit dem, was du mit Lalita Devi erlebt hast, ist das ja eine ausgesprochen lockere Bindung.
Bei ihr war ich wochenlang rund um die Uhr, daraus ergab sich eine umfassende Kommunion. Wenn bei mir jemand bereit ist, sich wirklich darauf einzulassen, dann kann das auch sehr dicht und intensiv werden. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden und muss stets neu erfunden werden. In dieser Kreativität liegt die Schönheit dieses Weges.

In deinem neuesten Buch sprichst du davon, jeder müsse sich selber das Recht zugestehen, am Leben zu sein.
Die meisten Menschen sind überzeugt, nicht das Recht zu haben, lebendig zu sein. Wer das glaubt, fürchtet sich vor starken Gefühlen, denn solche Gefühle werden von der Gesellschaft geächtet, und wer sie ausdrückt, könnte aus der Gesellschaft verbannt werden. Wer es zulässt, mit diesen Gefühlen in sich wieder in Kontakt zu treten, wer wieder pendelt zwischen Furcht und Freude, der gewinnt seine Lebenskraft zurück.

Die Angst hat wohl auch ihre Funktion.
Ja, aber wir müssen unterscheiden zwischen jener Angst, die uns biologisch eingepflanzt ist und die uns durch ganz urtümliche Reaktionen davor bewahrt, unser Leben zu verlieren, und jener Angst, die wir psychologisch in uns aufgebaut haben. Diese in unserem Denken konstruierte, psychologische Angst ist letztlich eine Furcht vor der Weite des Raums.
Mit «Raum» meine ich eine fruchtbare, von Leben pulsierende Leere. Im Buddhismus ist viel von der Leere die Rede. Im Westen scheint mir das ein schwieriger Begriff zu sein, in unseren Ohren klingt das nach Nihilismus. Wie viele andere, die sich damals auf den Buddhismus einliessen, habe ich mich als junger Mann jahrelang mit diesem Begriff herumgeschlagen. Unter «Leere» muss man sich ja doch irgendetwas vorstellen. Ich dachte an so etwas wie die unbewegte Luft in einer Gefängniszelle. Wenn ich heute von Raum spreche, dann denke ich zwar an Leere, doch die ist erfüllt von Leidenschaft, Schönheit, Gewalt – erfüllt von Leben.

Dein Buch über die Erfahrungen mit Lalita Devi ist vor zehn Jahren erschienen. Seitdem wirst du auf diese Erlebnisse angesprochen, und das, was du tust, wird daran gemessen. Ist diese Geschichte für dich nicht zu einer Falle geworden?
Nein, denn dieses Buch steckt voller Leben, seine Lebendigkeit bewahrt mich vor dogmatischen Verhärtungen. Davon fühlen sich die Leser angezogen. Zudem handelt es von einer starken Frau, die als Meisterin fungiert, was ja auch nicht gerade häufig vorkommt. Und es zeigt, wie kreativ mit einer altehrwürdigen Tradition des Yoga gearbeitet werden kann. Das sind drei starke Anreize für die Vorstellungskraft. Ich glaube, wenn es uns gelingt, den menschlichen Einfallsreichtum, unsere Träume und die Fantasie freizusetzen, dann haben wir gegen die derzeit herrschende Verhärtung und den Puritanismus etwas Wesentliches erreicht.

Woraus sich ableiten liesse, dass du diese schöne Geschichte nicht selber erlebt, sondern erfunden hast.
Das könnte man sich in der Tat so vorstellen. (Lacht) Doch wenn ich das erfunden hätte, so hätte ich auch den darin beschriebenen Yoga und seine gesamte Tradition erfinden müssen. (Lacht) Das wäre dann doch etwas viel.

Gibt es denn Leser, die versucht haben, Lalita Devi zu finden, um bei ihr in die Lehre zu gehen?
Das soll vorgekommen sein. Ich habe mir in den Jahren danach ja selber mehr als einmal überlegt, zu ihr zurückzukehren. Doch eine Yogini wie sie bleibt nicht länger als ein paar Monate am gleichen Ort. Und dort, wo sie ist, gibt es keinen Fax, keine Internetverbindung und dergleichen.
Ich habe sie nie mehr wiedergesehen, und nachdem ich die Erfahrungen mit ihr vollständig integriert hatte, schien mir klar, dass eine Rückkehr auch keinen Sinn gemacht hätte. Die Leute sind ja meist sehr beeindruckt von Gurus, die eine grosse Zahl von Anhängern um sich scharen. Tatsächlich liegt die Bedeutung eines Gurus aber nicht in der Zahl der Anhänger, die bei ihm sind, sondern in der Zahl jener, die bei ihm waren, die von ihm lernten, was es für sie zu lernen gab, und dann weiterzogen. Auf diese Menschen kommt es an, das sind die, welche zählen, nicht jene, die hängen bleiben.

Das vollständige Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 83.

www.danielodier.com


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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