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Nr. 85 Herbst 2007
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Mahabharata - Musical mit Schweizer Wurzeln
Ex-Mönch Guido von Arx gab alles für ein spirituelles Musical: Mahabharata entzückte das Publikum in England.
Von Esther Zingrich

Nach langem, zähem Ringen um die Inszenierung seines spirituellen Musicals kann Guido von Arx (51) aus Zürich die Hände in den Schoss legen. Mahabharata begeisterte auf Englands Bühnen.
April 2007. Premiere im Londoner Theater Sadler’s Wells. Alle 1800 Plätze des renommierten Kulturhauses sind besetzt. Auf einem der Plätze sitzt mit klopfendem Herzen Guido von Arx, Musikfan und früher Mönch im Zürcher Krishna-Tempel. Endlich ist seine Vision, das altindische Heldenepos «Mahabharata» in ein Musical mit Tiefgang zu transformieren, Realität geworden. Zwölf Jahre nachdem ihm die Idee zufiel, erlebt das mit einem Budget von 3,5 Millionen Schweizer Franken verwirklichte sprühende Kunstwerk seine Uraufführung.
Die Theaterbühne ist ein schwarzes Loch. Die Welt steht vor der Schöpfung. Unmerklich kommt Bewegung ins Spiel. Sind es Hände, die da etwas immerzu geheimnisvoll wenden? Es wird Licht. Der blaugesichtige Krishna, Schöpfer des Universums, lässt mit sanften Wurfbewegungen bunte Stoffbahnen nach links und nach rechts flattern, bis eine Sternform entsteht. Die Geschichte über die Freuden und Leiden der inkarnierten Menschheit beginnt.
Vom imposanten Berg herunter, der sich während der nächsten zweieinhalb Stunden mittels Lichteffekten zu ständig neuen Eindrücken wandelt, schreiten in flatternde Umhänge gehüllte königliche Krieger, kräftig und edel, die im Ringen um die Thronfolge Hochs und Tiefs erleben werden. Indische, mit westlicher Klassik versetzte Musik erklingt. Die Bühne wird zum Schmelztiegel von farbenfrohen Gewändern, Elemente des Breakdance mischen sich mit indischem Tempeltanz, operettenhafte Gesänge erklingen neben Dialogen, Schauspiel wird unterstützt durch Videokunst.
Auf der Bühne wie im Zuschauerraum mischen sich Menschen westlicher und indischer Herkunft, die den vielschichtigen spirituellen Stoff – mit einer atemberaubend schönen und mitreissenden Prinzessin Draupadi – darbieten oder geniessen möchten. Da steht gleichnishaft die menschliche Schwäche der göttlichen Tugend auf die Zehen. Über die Polarität von Gut und Böse erhebt sich die Transzendenz. Krishna, Gott in Menschenform, erklärt die Regeln des göttlichen Spiels: Gute Handlungen führen ins Glück und schlechte ins Unglück. Das Resultat gilt es loszulassen.

Langer Weg zum Ziel
Wie kam Guido von Arx, als Mönch Gaura-lila Dasa im Zürcher Krishna-Tempel lebend, auf die Idee zu diesem Musical? Alles begann damit, dass der Musikfan dem Flötisten Ian Anderson von Jethro Tull begegnete und ihm vor dessen ersten Indientournee einen Song über Krishnas Flötenspiel anbot. Anderson ermutigte Guido von Arx, ein grösseres Werk in Angriff zu nehmen. 1995, auf einer seiner zahlreichen Indienreisen, küsste ihn die Muse, und der Traum erwachte, das spirituelle Heldenepos aus vedischen Zeiten einem westlichen Publikum als Musical näher zu bringen. Das Mahabharata ist nach Guidos Verständnis «ein dankbares, wenn auch anspruchsvolles Werk für die Bühne – mit seinen Heldenfiguren und den unzähligen Dramen und Geschichten».
Das Manuskript zur Adaption floss durch sein Schreibzeug aufs Papier und lag ein Jahr später, 74-seitig, in Englisch vor. Erstaunlich, was Guido von Arx mit seinem Kantonsschulenglisch, das er autodidaktisch weiterentwickelt hatte, zustande brachte. Zwei Jahre darauf entstand in London in Zusammenarbeit mit dem kroatischen Musiker Kruno De die Demo-CD The Song Divine. 1999, voller Hoffnung, dass durch die Zusage der Ellie Jay Group Ltd. in London das gemeinsame Werk zustande käme, fieberte Guido auf die Premiere seines Musicals im Jahr 2000 hin. Doch der Funke wollte nicht überspringen, und man trennte sich wieder.
Guido von Arx blieb standhaft und liess sich auch von weiteren Hindernissen nicht entmutigen. «Es war eine Mischung aus Entschlossenheit und Geduld, eine Qualität, die ich in Indien gelernt habe, die mich durch sämtliche Hochs und Tiefs bis zur Aufführung des Mahabharata getragen hat», erklärt der gebürtige Solothurner, der bereits auf der ersten Asienreise nach der Kantonsschulzeit seine geistige Heimat in der indischen Spiritualität gefunden hatte.

Tempel und Bühne
Bald ging’s wieder vorwärts, diesmal mit der Schweizer Firma Center Stage AG. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stuart Wood entstand ein neues Konzept. Wood hat dem Musical bis zur Aufführung die Treue gehalten. Doch wieder stand das Schicksal quer, denn Center Stage AG ging bankrott. Das war 2001.
Dafür gab es Bewegung auf der persönlichen Bühne: Der Mediensprecher der Schweizer Krishna-Bewegung liess nach zwanzig Jahren mit seinem Auszug aus dem Tempel Guru-Verehrung und Zölibat hinter sich und zog in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Zürich. Fortan hielt er sich mit verschiedenen freiberuflichen Tätigkeiten über Wasser, unter anderem als Musikjournalist für diese Zeitschrift und als Englischlehrer. «Und dies obwohl ich das Proficiency erst letztes Jahr gemacht habe», wundert er sich. Sein Herzblut blieb aber beim Musical.
Ein kurzes Gastspiel gab Kevin Wallace, früher Direktor von Andrew Lloyd Webbers Musical Firma. Er unterzeichnete im 2002 einen Vertrag, zog sich im darauffolgenden Jahr aber zurück, weil er die Verantwortung für das Musical The Lord of the Rings übernahm. Erst 2005 begann die Schaffensphase mit den schliesslich tatsächlich beteiligten Machern: Stuart Wood als Regisseur, Stephen Clark als Texter und Nitin Sawhney als Komponist.
«Die Produktion wurde mit jeder Veränderung zu einem professionelleren Werk», freut sich Guido von Arx heute. Das bedeutete allerdings, dass er sein Musical-Baby in andere Hände legen und es loslassen musste. «Das war ein Prozess, der länger dauerte. Doch es war gut so, denn ich selber hätte diese hohe Form der Dramaturgie nie erreichen können.»

Die letzte Hürde
Noch waren nicht alle Hürden genommen. Nach Workshops mit den Musikern, Schauspielerinnen und Schauspielern, nach der Auswechslung sämtlicher Darsteller, mit neuer Choreografie und nach der Festlegung der Premiere auf den 25. April 2007 zog sich im Februar der indische Hauptsponsor, Kalapi Jani, wegen unsicherer Finanzierungslage zurück. Ein Schock für die fünfzig Beteiligten, die geschlagene zehn Tage in der Luft hingen, bis das Sadler’s Wells Theater als Co-Produzent einsprang.
«Es war für mich berührend», blickt Guido von Arx dankbar zurück, «wie viele Leute aus dem Team sich für die Rettung des Projekts einsetzten. Die Krise schweisste die Gruppe richtig zusammen. Kurz vor der Uraufführung erlebte ich bei den Proben, die mit Yoga begannen, den guten Spirit im Team, der für mich noch wichtiger ist als die Professionalität. Das Musical dann auf der Bühne zu erleben, war überwältigend.»
Der unermüdliche Einsatz des Vernetzungsgenies hat sich gelohnt. Dutzende von Investoren, Künstlerinnen und Theaterbetreibern hat er kontaktiert und an unzähligen Besprechungen und Koordinationssitzungen teilgenommen. Das Unternehmen, ein anspruchsvolles spirituelles Lehrstück in ein zeitgemässes, sinnliches Feuerwerk umzusetzen, ist geglückt.


Indiens spirituelles Epos
Mit Wurzeln, die 5000 Jahre zurückreichen, ist das Mahabharata das älteste Heldenepos und für viele Hindus bis heute eine wegweisende Schrift für ethisch-religiöse Richtlinien: Das göttliche Spiel ist im Grossen und Ganzen festgelegt, und du hast deine Rolle darin. Handle aus dem Herzen heraus, und identifiziere dich nicht mit dem Ergebnis der Handlung!
Eingepackt in die Geschichte des Bruderkriegs um die Thronfolge sind alle Themen, die Menschen bewegen: Edelmut, Liebe, Glaube, Hingabe, Böswilligkeit, Neid, Spielsucht, Mord, Krieg und Vergebung. Es ist der Spagat des inkarnierten Menschen zwischen den Impulsen des höheren und des niederen Selbst, der das interne Gerangel von Königssprösslingen, die aus der Verbindung zwischen Göttern und Menschen hervorgegangen sind, antreibt. Krishna, der Schöpfer des Universums, tritt lenkend ins Geschehen ein. Er fordert den zögernden Kämpfer Arjuna, der sich nicht vorstellen kann, gegen seine Verwandten anzutreten, zum Kampf auf. Und Wunder geschehen. Krishna schützt Prinzessin Draupadi mit einem endlos langen Sari vor einer böswilligen Entblössung. Endlich siegen die Tugendhaften und rechtmässigen Thronfolger, die jahrelang vom Thron verdrängt worden sind und viel Leid zu ertragen hatten. Als Schlusspunkt steht die Vergebung. Draupadi will die meuchlerische Ermordung ihrer fünf Söhne nicht rächen. Als Autor dieses indischen heiligen Buches wird der Weise Vyasa vermutet, der selbst eine Rolle in der Geschichte spielt.
Lesetipp: Mahabharata, das weltgrösste Epos in Kurzfassung, nacherzählt von Krishna Dharma, Govinda-Verlag
(ISBN 91-7149-455-3).


Lesen Sie in der Druckausgabe das Interview mit Guido von Arx.


Autor: Esther Zingrich | Profil
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