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Nr. 85 Herbst 2007
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Das Zen des Glücks in uns. Das 3. Buch von Peter Steiner
 

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Hochsensibel
Was tun, wenn einen kleine Dinge aus dem Konzept werfen? Wie reagieren, wenn Lärm
und Menschenmengen zu Panik führen? Eine Hochsensible berichtet über ihre Erfahrungen.
Von Denise Maurer

Schon wieder! Eben noch hatte ich inmitten lieber Freunde ein Konzert genossen. Nun fühlte ich mich wie ausgewechselt. Ich rang beengt nach Atem und musste den Raum verlassen. Als ich die Toilettentür öffnete, schlug mich die Duftwolke eines penetranten Parfüms in die Flucht nach draussen. Mein Herz klopfte laut und schnell, die Nerven flatterten. Wie oft schon erlebt! Ob an einem Fest, an einer Weiterbildung, bei der Arbeit, beim Einkaufen, selbst unter liebsten Menschen – immer wieder überfiel mich dieses panikartige Gefühl, das jegliche besonnene Reaktion verunmöglichte und mich zu Flucht oder Erstarrung zwang. Was war nur mit mir los? War ich krank? Was fehlte mir, das andere konnten? Öffentliche Ereignisse wurden zu grossen Herausforderungen, die ich, wenn möglich, zu meiden begann.
Endlich fand ich dank einer Kollegin im Internet eine heisse Spur: zartbesaitet.net. «An Tagen, an denen viel los ist, beobachte ich (…) das Bedürfnis, mich zurückzuziehen, (…) an einen Platz, an dem ich für mich sein kann und gegen Ausseneinflüsse abgeschirmt bin», lautet eine der im dortigen Test gestellten Fragen. Ich kreuzte Ja an. Weiter wurde ich gefragt, ob ich «ein reiches, vielschichtiges Innenleben» habe, worauf ich wieder mit Ja antworten musste. Und, ja, «sehr hungrig zu sein hat bei mir starke Auswirkungen auf meine Konzentrationsfähigkeit oder Laune». Und wie! Am Ende des Tests verriet mir die Auswertung meiner hohen Punktzahl, was mit mir los ist. «Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine hochsensible Person (HSP). Je höher Ihre Punktzahl (…) liegt, umso mehr sollten Sie darauf achten, sich nicht zu verkriechen. Sie werden sicher noch glücklicher und leistungsfähiger sein, wenn Sie nicht versuchen zu leben wie eine Nicht-HSP. Arbeiten Sie daran, Wege (…) zu finden, um in einer Ihnen angenehmen Weise Kontakt mit der Welt zu halten. Die Welt braucht Sie und Ihre Empfindsamkeit. Sie sind eine Bereicherung.»
Jetzt hatte ich ein neues Etikett am Hals und wusste immerhin, dass nicht nur ich so bin, sondern etwa ein Sechstel der Menschheit. Aber was nun? Ich würde sicher noch glücklicher und leistungsfähiger sein, wenn ich nicht versuchen würde, wie eine Nicht-HSP zu leben, heisst es da. Leichter gesagt als getan, argwöhnte ich. Und, was um Himmels willen ist eine Nicht-HSP? Ein empfindungsloser Grobian? Nein, wohl kaum. Ich spürte, dass es weder um Gut und Böse noch um besser und schlechter geht. Die Tatsache, dass HSP eine Minderheit sind, machte mir dennoch bewusst, dass der grössere Teil meiner Mitmenschen nicht hochsensibel, sondern einfach normalsensibel und oft genug auch unsensibel ist. Und ich begriff urplötzlich, wieso mich andere oft nicht verstanden und mich damit unwissentlich verletzten. Sie ticken einfach anders.

Zart besaitet
Der Titel der erwähnten Website sowie des gleichnamigen Buches von Georg Parlow machen es deutlich: Hochsensibilität ist das Lebensprogramm zart besaiteter Menschen. Die Forschung zeigt, dass Hochsensibilität neurologisch und meist erblich bedingt ist. Sie greift deshalb oft schon im Kindesalter. Ich erfuhr, dass Hochsensible auf für Normalsensible wenig relevante tägliche Reizüberflutungen mit einer messbaren Überstimulation, einer deutlichen Erhöhung des körpereigenen Cortisolspiegels, reagieren. Konkret gesagt Herzklopfen, Nervenflattern und eine Art Daueranspannung, die häufig schlecht schlafen lässt. Das kenn ich doch! Ich liege todmüde im Bett, doch mein Herz rast und lässt sich nur mit Baldrian, Hopfen oder gar mit einer Chemiegabe beruhigen. Parlow erklärt, dass durch ungenügende Regeneration, will heissen, ohne regelmässiges Senken des Cortisolspiegels, chronische Krankheiten entstehen können, die sich psychosomatisch manifestieren. Das kann von Reizmagen über Schlafstörungen bis hin zu Depressionen und psychischen Erkrankungen wie Sozialphobien oder Zwangsneurosen führen. 76 Prozent aller HSP haben, so erfahre ich weiter, einen tendenziell niedrigen Blutzuckerspiegel, 46 Prozent aller HSP stellen eine hohe Empfindlichkeit auf Koffein fest.
Regenerieren heisst das Zauberwort! Weil lange Tiefschlafphasen besonders für HSP wichtige Regenerationszeiten sind, gehe ich nun früher zu Bett und gönne mir mehr Zeit zum Abschalten. Ich brauche genug tiefen Schlaf, um den täglichen Stimulationen wacher und meinen Bedürfnissen aufmerksamer zu begegnen. Konnte ich mich regenerieren, kann ich adäquat handeln. Das sonst nervenzehrende Anstehen in der Warteschlange vor der Kasse lässt sich ohne kalte Schweissausbrüche überstehen. Bin ich überstimuliert, reagiere ich hingegen dünnhäutig und gereizt auf Störungen, Lärm und menschliche Ansprüche. Seit einiger Zeit übe ich mithilfe der Kleinkindkörper-Übung aus Parlows Buch folgende Imagination: Ich stelle mir dabei mein von den Hormonen Cortisol und Adrenalin geschütteltes Körperinneres als Kleinkind vor, das mir seine Bedürfnisse mit körperlichen Signalen übermittelt. Als Verantwortliche meines Organismus trage ich Sorge für mein Wohlbefinden. Ich verspreche uns zum Beispiel, wenn wir wegen eines Unfalls im Stau stecken und die Polizeisirenen immer lauter dröhnen, dass wir uns, wenn das Ganze vorbei ist, etwas Erholsames gönnen werden. Ein gutes Buch, besonders wohltuende Musik, einen Spaziergang durch den Wald, ein entspannendes Bad. Ein Ziel anzuvisieren, hilft durchzuhalten und zu entfokussieren.
HSP sind so unterschiedlich wie Normalsensible. Die wenigsten entsprechen dem Klischee des weltentrückten Künstlers oder schachspielenden Genies. Hochsensibilität lässt sich nicht fassen, die Grenzen sind fliessend, das Spektrum weit. Die einen leiden an ihrer Sensibilität und am Mitleid, das sie für ihre Mitwelt empfinden. Andere dagegen haben schon früh gelernt, ihre spezifischen Fähigkeiten zu bejahen. Und egal, ob extrovertiert oder introvertiert: Fast alle haben ein starkes Bedürfnis danach, sich zurückzuziehen, wenn viel los ist. Meist sind wir sehr anspruchsvoll gegenüber unseren Mitmenschen und uns selber, sind gewissenhaft und handeln gerne zuverlässig. Obwohl es uns deshalb in Notsituationen oft gelingt, die Übersicht zu bewahren und klare Anordnungen zu treffen, bringen uns alltägliche Pannen schnell mal aus dem Konzept. Denn viele von uns mögen Sicherheiten und Wiederholungen ebenso wie Rituale. Viele HSP reagieren sehr schreckhaft auf unerwartete Geräusche, Berührungen und Ereignisse. Weitere Hinweise auf Hochsensibilität können feines Wahrnehmen von Sinneseindrücken und deren Auswirkungen oder intensives Spüren der Bedürfnisse anderer sein.

Den ganzen Artikel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe SPUREN 85.

Info: www.zartbesaitet.net
www.hochsensible.de
www.lebenswertvoll.ch/Denise/1.html
Literatur: Georg Parlow: Zart besaitet – Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. Festland Wien 2003.
Elaine Aron: Sind Sie hochsensibel? Moderne Verlagsgesellschaft 2005.


Autor: Denise Maurer | Profil
Seitenaufrufe: 7192 - Kommentare: 2
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Kommentare:

Bravo!

Die Autorin beschreibt hier auf gut nachvollziehbarer Art und Weise, wie sich hochsensible Menschen fühlen können.

Wir freuen uns auf weitere Artikel von Denise Maurer.

Stella.

Beitrag von: Stella am 21.09.2007 | 23:25

Ich finde es sehr gut und wichtig, dass das Thema hochsensible Menschen publik gemacht wird. Es ist einfach hilfreich zu erfahren, dass man nicht alleine ist und es auch nichts damit zu tun hat nicht belastbar zu sein, sondern eben einfach anders!
Schön finde ich auch die Beschreibung vom Umgang mit dem Kleinkindkörper. Es ist zwar nicht ganz einfach in unserer höher-schneller-weiter Gesellschaft als HSP zu leben, aber wenn man es schafft sich sein Leben HSP gerecht einzurichten, dann ist es wunderbar und das Leben gewinnt an Intensität und Qualität :-). Wichtig ist meiner Meinung nach auch die Möglichkeit sich mit anderen Menschen die ähnlich fühlen austauschen zu können.
Liebe Grüße
Tanja

Beitrag von: Tanja P. am 01.10.2007 | 0:03

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