In den Himmel malen
Als Maler hat Walter Wegmüller mehrfach die Lebensweg-Symbolik des Tarot gestaltet. Sein eigenes Leben ist um einiges bunter. Ein Atelierbesuch in Basel.
Von Eva Rosenfelder
«Willkommen! Treten Sie ein!» Das handgeschriebene Schild hängt inmitten von Bildern an der weit geöffneten Flügeltüre. Zu sehen ist niemand. Niemand? Sind da nicht Tausende von Augen, ausgestreckte Händchen, Gestalten und Wesen, die aus den farbigen Bildern winken?
Der Raum ist beleuchtet mit Neonröhren, doch die Farben in ihrer Dichte und Lebendigkeit verwandeln ihn in eine lichtbunte Zauberhöhle. «Ich hoffe, diese Masse erdrückt Sie nicht!», begrüsst mich Walter Wegmüller, der von irgendwo aus den Figuren heraus aufgetaucht ist. Schwarz gekleidet, nach Art der Fekker ein rotes Tüchlein um den Hals, mit seinem vollen weissen Haar und den hellen Augen scheint er selbst eine Gestalt seiner Bilder zu sein.
Bekannt geworden ist Wegmüller Ende der 60er-Jahre mit seinem Zigeuner-Tarot und Neuzeit-Tarot. Doch der vielseitige Künstler mag nicht auf den Tarotmaler reduziert werden. «Natürlich ist im Tarot mit seinen 78 Bewusstseinszuständen die ganze Lebensreise in all ihren Facetten enthalten. Symbole sind immer Brücken, geballte Geschichten. Als Maler erzähle ich meine Geschichten, folge dem Drang, etwas loszuwerden, zu verarbeiten, zu verwandeln.»
Wir sitzen am Tisch in seinem Bilderlager – zum Malen hat er ein Atelier, seine Kartenberatungen gibt er in seiner Wohnung. Es dauert nicht lange, da entfaltet sich auch unser Gespräch in einer Fülle von Bildern, Geschichten und Erinnerungsfetzen.
Ich verliere vorerst mal die Orientierung, den Faden, den Halt … Dann versuche ich, ihm auf seinem Lebensbaum nachzuklettern: Mal taucht er kurz auf im Geäst, dann balanciert er ganz oben in der Krone, und plötzlich steht er unten am Stamm und winkt zu mir herauf. Erst als ich loslasse, beginnt das Rad zu drehen und gleichzeitig die Zeit sich aufzulösen: Wir begeben uns auf die «Reise».
Bewegt hat sein Leben schon angefangen. Als der kleine Walter am 25. Februar 1937 um 3 Uhr morgens zur Welt kam, war schon beschlossene Sache, dass er von seiner Mutter, einer Roma, getrennt werden sollte. Die Vormundschaftsbehörden von Zürich und Bern hatten das so beschlossen, was ganz zum Zeitalter der Rassenhygiene passte. Die ersten vier Jahre verbrachte er in einem Kinderheim. Dann wurde er als Verdingbub zu einer Bauernfamilie versetzt und wuchs auf als billige Arbeitskraft im Seeland und Berner Oberland, geduldet, geprügelt und herumgestossen.
Er erzählt das ungern und nur weil ich «bohre». «Das sind Geschichten, wie sie viele erlebt haben, und diese Geschichten sind sich alle ähnlich. Ich muss das nicht mehr ausbreiten!»
Zeichen
Bereits in seiner Jugend verstand sich Walter in der Kunst des «Zeichenlesens». Er beobachtete, fühlte und hörte. So wusste er, was geschehen würde, und konnte darauf reagieren. Etwa wenn der Bauer ihn wieder mal verprügeln wollte, weil er schlechter Laune war. Bevor es so weit kam, verletzte Walter sich selbst mit einem Dorn und strich sich das Blut ins Gesicht. Weil der Bauer stets aufhörte, ihn zu verhauen, sobald er Blut sah, liess er den Jungen ungeschoren.
Fahrendes Volk, etwa die «Wädelestörer», Leute, die für den Bauern temporär arbeiteten und ihm das Holz richteten, waren Walter nahe und unerklärlich vertraut. Mit ihnen verbrachte er viel Zeit, lernte ihre Tricks und lauschte begierig ihren Geschichten. Von ihnen erhielt er Wärme, lernte die Sprache der geheimnisvollen Zeichen auf ihren Ledergurten und machte erste Begegnungen mit dem Tarot.
Dass er nicht das Kind seiner Pflegeeltern war, hatte er munkeln hören und fühlte es auch, doch seine wahre Abstammung blieb im Verborgenen.
Als er mit etwa elf Jahren wieder mal bei der Arbeit im Kartoffelacker den Käfern zuschaute, Licht und Schattenspiel studierte, Wind und Vögeln zuhörte, da fühlte er sich plötzlich eins mit all den Pflanzen, den Käfern, dem Urgeräusch. Aus dem Körper ausgetreten, sah er sich unverhofft aus der Vogelperspektive mitten im Kartoffelacker und erkannte, wie unendlich schön die Natur war.
Ein Fusstritt liess ihn einen Purzelbaum schlagen und holte ihn auf die Erde zurück, die zu beackern gewesen wäre. Aber niemand konnte ihm sein Glück mehr nehmen. Von diesem Moment an war für ihn das Tor zur Freiheit aufgegangen: Es war die Erlaubnis, nach seiner Art zu leben, zu arbeiten und zu denken.
Spätere Versuche seines Vormundes, ihn als Bauernknecht zu verpflichten, scheiterten. Wegmüller erlernte den Beruf des Baumalers, später wurde er auch noch Schriftenmaler, Dekorateur und Tapezierer. Mit zwanzig Jahren zog er nach Muttenz und suchte ein Atelier und eine Arbeitsstelle. Nachts zog er durch die Wälder, um im Mondenschein zu malen.
Helles Sehen, wahres Sagen
Wie von selbst drang die Urmutterkraft in sein Leben. Als junger Kerl hatte er spontan den Leuten aus der Hand gelesen, unbeschwert alles erzählt, was er sah, auch Schockierendes, und meist traf alles zu. Bis ihm einmal ein Alter die Leviten las: «Du solltest dein Maul halten. Was du da tust, bringt kein Glück! Man darf andere nicht so blossstellen!» Das nahm er sich zu Herzen und begann erst mit dreissig Jahren wieder wahrzusagen. Von da an aber gehört die Wahrsagerei zu seinem Leben. Bis heute hat er sehr viel Kundschaft. Eine Beratung macht er aber nur, wenn es vom Gefühl her stimmt. Er vertraut darauf, dass «Es» schon alles richtig macht und das Richtige sagt, und damit ist er sehr gut gefahren.
Von seiner wahren Herkunft erfuhr Wegmüller erst, als sein Vormund sich verplapperte: Seine Mutter wohne noch in Zürich. Nach langer Herumtelefoniererei kam ihm der Zufall zu Hilfe. Wie durch ein Wunder stand er vor dem einfachen Marktstand seiner Mutter.
Sie handelte mit Sonnenbrillen und Anhängerchen, die sie selbst aus gesammelten und geschliffenen Steinen hergestellt hatte. «Genau so wie ich es auf meinen Reisen ins Ausland auch schon getan hatte …!» Über den jungen Mann, der an ihrem Stand herumfingerte, ärgerte sie sich. Doch als er seinen Jahrgang 1937 erwähnte, war sie wie vom Donner gerührt: «Du bisch dä Walterli!» Wegmüller fühlte sich, «als hätte man einen Stecker eingestöpselt». Er erfuhr von ihr, dass sein Grossvater ein bekannter Alteisenhändler und Lumpensammler gewesen war und die Grossmutter eine begehrte Kartenlegerin, bei der selbst der englische Hochadel verkehrt hatte – allerdings bei Nacht und Nebel. Die Zeit der Arbeitskrisen, Kriegsgefahren und Rassenverfolgungen hatten Wegmüllers Ahnen, die einst fahrend den freien Landwegen folgten, gezwungen, im Berner Matte-Quartier sesshaft zu werden.
Lebens-Kunst
Auf seiner Suchwanderung hat Wegmüller über 3000 Bilder gemalt. Zwischen 1968–1976 entstanden die Bilder zu den Tarotkarten. Auch die Karten sind Geschichten eigener Prozesse. Wegmüllers Schaffen hat sehr verschiedene Ebenen: Da gibt es konkrete Bilder mit vielen Details, die seine Verbundenheit zu Natur, Brauchtum und Volkskunst zeigen. Andere Bilder modellieren klare Rundformen, bei denen er jeglichen «Firlefanz“ beiseitelässt. Daneben Linienbilder, die völlig abstrakt wirken. Rhythmusbilder, Ritualbilder, Karmabilder.
Er produziere eigentlich fortwährend Abfall, sagt er. Abfall im Sinne des Abgefallenen.
Hat er ein Bild gemalt, aus sich herausgeschwitzt und herausgedacht, dann fällt es ab von ihm wie eine alte Haut. In seinem Werkbuch von 1996 äussert er die Idee, seine Bilder eines Tages alle wieder in den ehemaligen Zustand zurückzuholen, und zwar schrittweise, so wie er sie gemalt hat. «Dann hätte ich es vielleicht erreicht, dann hätte ich den schweren ‘Materialkittel’ los.» Die weisse Leinwand als Augenblick der totalen Freiheit, die eigentlich mit jedem gemalten Bild einem Zerstörungsakt anheimfällt. Die tiefe Sehnsucht, immer wieder ganz neu und rein hinsehen zu können.
Wegmüller hat übrigens nicht nur Bilder gemalt, er machte auch Theater, Filme, eine Tarot-Schallplatte, die Swatch-Uhr «Oracolo», Experimente. Seiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Immer wieder wurde er finanziell übers Ohr gehauen, doch es ist auch nicht das Materielle, das ihn interessiert, es ist die Suche.
Typisch für Walter Wegmüller ist, dass es den typischen Wegmüller nicht gibt, denn der ist fortwährend auf dem Weg. Seine Bildsequenz zum «Seiltänzer» scheint dies gut zu spiegeln: Der Seiltänzer balanciert zwischen zwei Zeitzuständen, aber immer in die Richtung des neu Entstehenden: Da ist das Alte als ein toter Baum und das Neue als fruchtbarer, lebendiger Baum. Auf dem Seil geht es um die Suche. Was unten ist, spielt keine Rolle. Stürzt er, versteht er, sich festzuhalten. «Ich habe mich auch immer am Wesentlichen festhalten können. Das kann der knurrende Magen oder die Miete sein – die Realität bietet einen guten Halt. Mich hat man nie entwurzeln können. Dreimal hab ich in meiner Jugend nur knapp überlebt, aber ich bin zäh, in mir steckt ein enormer Überlebenswille.» Hat er seine Kraft aus einem Baum, dessen Wurzeln tief hinunter ins Herz der fahrenden Ahnen reichen? Trotz aller Widrigkeiten setzen diese Menschen ihre unendliche Reise fort. «Es ist schon so: Das alte Lied ‘liedet’ immer noch in mir.»
Den ganzen Artikel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe SPUREN 85.
Zum 70. Geburtstag lädt Walter Wegmüller ein zur Vernissage von 70 Bildern, gemeinsam mit Louis Mermet, der zum 68. Geburtstag 68 Bilder malte: 27. Oktober 2007, 18 Uhr, Restaurant «Zum schmalen Wurf», Basel. Auskunft: Walter Wegmüller, Tel. 061 281 35 37.
