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Nr. 85 Herbst 2007
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Die unbändige Seele
Die zeitlose Botschaft der Spiritualität, begeisternd, klar, überzeugend.
 

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Lebensreise - Blick in den Spiegel
Ein Augenblick hat ihr Leben verändert. In Indien stolperte Ursula Wartmann über den Blick eines spirituellen Meisters und wurde für 13 Jahre zur Nonne.
Von Martin Frischknecht

Der Abend war gut gelaufen, sehr gut sogar. Sie hatte alleine an der Bar gestanden und einen prächtigen Umsatz erzielt. Jetzt hatte sie aufgeräumt, abgewaschen und geputzt. Es war vier Uhr in der Früh. Sie trat hinter den Tresen, wollte sich einen Whiskey genehmigen und eine Zigarette rauchen, wie immer, wenn sie mit sich und der Welt zufrieden war.
Diesmal war es anders. Sie stand vor der Flasche, das leere Glas in der Hand, doch irgendwie kam sie nicht weiter. In sich vernahm sie eine Stimme. Diese Stimme forderte sie laut und unüberhörbar auf, den Drogenkonsum einzustellen und ihr Leben zu verändern. Gleich jetzt. So sehr sie die Stimme überraschte, so genau wusste sie, woher sie kam und was sie von ihr wollte. Statt zu trinken und zu rauchen, setzte Ursula Wartmann sich hin und dachte zurück.
Vor einigen Monaten war sie mit ihrem Freund in Indien unterwegs gewesen. Es war eine Reise zwischen den Verpflichtungen gewesen. In Bern hatte sie im vegetarischen Restaurant Bubenberg gearbeitet. Dort lernte sie Roland kennen, und durch ihn, den Koch, der in der Hauptstadt das Restaurant Sesam führte, fand sie zur Makrobiotik. In Winterthur, ihrer Heimatstadt, hatte sich ihr Vater in Absprache mit ihren Brüdern dazu entschlossen, den familieneigenen Hotelbetrieb so auszubauen, dass für Roland eine vegetarische Restaurantküche entstand und die Spiegel-Bar.
Bevor diese Betriebe eröffnet wurden, gab es in ihren Plänen eine Lücke. Diese Lücke nutzte sie, um zusammen mit Roland nach Indien zu reisen. Südasien war nicht das Reiseziel ihrer Träume, doch Roland hatte dort einen Freund, der seit einiger Zeit in einem Ashram lebte und von dem Ort viel Gutes berichtete.
Sie flogen nach Bombay und reisten auf dem Landweg nach Ahmedabad, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Gujarat. Im Ashram trafen sie zwar den Freund, doch der Guru war auf Reisen. Männer und Frauen leben dort strikt voneinander getrennt, Ursula Wartmann watete in der Dunkelheit durch knöcheltiefen Matsch zum Haus der Frauen, dort wurde sie auf der Veranda alleine sitzen gelassen. Keine der sechs Bewohnerinnen sprach mit ihr oder hätte ihr etwas zu essen angeboten. Stattdessen wurde ihr aus dem Haus ein Jutesack gereicht, und darauf hatte sie zu schlafen. Anderntags wachte sie mückenverstochen auf, erfuhr, dass die Frauen tags zuvor gefastet und geschwiegen hatten. Da wollte sie nur noch eines: weg von hier.

Der Augenblick
Mit Roland bereiste sie daraufhin Nordindien. Sie hielten sich an eine Route, die ihnen der Freund vorgegeben hatte, und fanden zu heiligen Stätten, wo sie die einzigen Westler waren. Vor der Heimreise kehrten sie in den Ashram zurück, um sich von dem Freund zu verabschieden. Diesmal stand die Rückkehr des Gurus ins Haus. Shri Asharam Bapu hielt auf einer Art von Triumphwagen Einzug. Ursula Wartmann sah sich umgeben von verzückten Anhängerinnen, die dem Meister entgegenstrahlten. Das Getue brachte sie innerlich auf Distanz. Doch dann gab es diesen einen Augenblick – buchstäblich! Die Augen des kräftigen Mannes mit dem schwarzen Vollbart ruhten einen Moment in den ihren, da war es um sie geschehen. Das heisst, sie war verwirrt. Verliebt? Ja, das auch. Und weit mehr. Sie trug diesen kostbaren Moment mit sich nach Hause.
Jetzt in der Bar, morgens um vier hatte sie dieser Augenblick wieder eingeholt. Ihr war klar: Sie hatte den Mann ihres Lebens gefunden. In der Schweiz hiess ihr Mann Roland Muster. Mit ihm hätte sie gut und gerne eine Familie begründen und erfolgreich einen Gastro-Betrieb führen können. Das wäre kein schlechtes Leben gewesen, gewiss nicht.
In einem Bereich, den sie durch Yoga und Meditation eben erst kennengelernt hatte, hatte der Mann ihres Lebens einen anderen Namen, einen Namen, der auf etwas jenseits dieses konkreten Menschen und dessen Person verwies, auf eine Wirklichkeit, die ihr in jenem Augenblick kurz zugelächelt hatte.
Sie war nicht nur verliebt, sie war verrückt. Sämtliche Sicherheiten hinter sich lassend, zog sie mit knapp dreissig Jahren nach Indien an einen Ort, wo es nur wenige Westler gab und wo sie niemand willkommen hiess. Roland begleitete sie und sah zu, wie sie sich Tag für Tag weiter von ihm entfernte. Er nahm es hin, und dafür ist sie ihm tief dankbar. Überhaupt: Wenn die 45-jährige Frau heute von ihren Erfahrungen erzählt, tut sie das mit einer erstaunlichen Klarheit und in einer Ausgewogenheit, die ihr damals nicht eigen war, als sie sich strikt makrobiotisch ernährte und zwischen Verehrung und Ablehnung des Gurus hin und her gerissen war. In den Jahren als Nonne ist sie sich wesentlich näher gekommen, und sie hat einen tiefen Einblick ins Leben gewonnen. Das Leben in Keuschheit und in Hingabe an das Göttliche hat sie offen werden lassen für die Unvollkommenheit des Menschen.

Nicht mehr willkommen
Akzeptieren musste sie letztlich auch, dass sie trotz aller Eingewöhnung an das Leben im Ashram von dessen männlich dominierter Leitung abgelehnt und verdrängt wurde. Nach 13 Jahren dienender Hingabe und einem enormen Einsatz in sämtlichen Bereichen, in die sie geschickt wurde, merkte sie, dass sie als Ausländerin nicht mehr willkommen war. Dagegen lehnte sie sich auf und stellte sich quer. Schliesslich aber musste sie es hinnehmen. Die Ashram-Verwaltung weigerte sich, das für ihren Aufenthalt grundlegende Visum einer religiösen Studentin erneut zu beantragen, und damit verlor sie die Berechtigung, weiter in Indien zu leben.
Das war bitter, sie konnte es lange nicht fassen. Vor vier Jahren schickte sie sich drein und kehrte in die Schweiz zurück. Aber noch heute bezeichnet sie den Guru, den alle zärtlich «Bapu», also «Väterchen» nennen, als den Mann ihres Lebens. Wenn sein Ruf sie wieder erreichte, würde sie wohl die Koffer packen und wäre weg.
Ein solcher Ruf kommt nicht mehr, und sie wartet auch nicht mehr darauf. Ihre Haare sind wieder lang geworden, sie kleidet sich modisch, und sie sucht ihre Aufgabe in einer Gesellschaft, die sie nie ganz verlassen hat. Sie ist dabei, «zu akzeptieren, dass das, was ist, richtig ist». Und diese Lektion ist hier mindestens so schwer zu lernen wie dort.

Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe SPUREN 85 zwei weitere berührende Porträts.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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