Gefährliche Reise
Eine Frau besucht drei verschiedene Hellsichtige und lässt sich beraten. Was wie ein Spiel begann, wird zur Achterbahnfahrt einer Seele.
Von Eva Rosenfelder
Es war einmal eine Redaktionssitzung. Von dort wurde ich ausgeschickt, um das Fürchten zu lernen. Als Heldin hatte ich mich ins Land derer zu begeben, die Helles sehen und Wahres sagen. Unsäglichen Tücken und Gefahren sollte ich mich ausliefern, meine Haut sollte ich retten und zurückkehren, um dann zu berichten von Mutproben, die ich bestanden hatte. Und so geschah es!
Bevor ich loszog, musste ich mich zuerst meines Rucksacks entledigen. Dieser enthielt einige schwerwiegende Vorurteile: Das erste war ein tiefes Misstrauen gegen all die selbst ernannten Medialen, Sensitiven, Kanäle des Göttlichen, die ihr Können allenorten anpreisen und mit Geschick ihrem Gegenüber die Würmer aus der Nase ziehen, um diese als Erkenntnisse von oben auf einer Goldplatte zu servieren, und dies für eine goldene Gage. Das zweite war eine diffuse Angst davor, erkannt und entlarvt zu werden, Illusionen zerstört zu bekommen, die mir doch wertvoll und in einem gewissen Sinne auch nützlich sind. Und das dritte: Wer sollte mich denn besser kennen als ich mich selbst?
Dieses dritte Vorurteil liess sich schnell ablegen, immerhin habe ich schon von blinden Flecken und falscher Eitelkeit gehört … Davon befreit, fühlte ich mich leicht und unternehmungslustig.
Urs Orlando – diese Augen!
Meine erste Begegnung findet statt in den sanften Hügeln des Toggenburg. Urs Orlando ist Hellseher und Heiler. Er arbeitet in Kirchberg SG, wo er mit seiner Familie lebt. «Um den Kindern die Unruhe der Stadt zu ersparen!», wie er sagt.
Ich trete ein in die «Höhle des Löwen», ein sauberes Haus, ein helles Behandlungszimmer, die Sonne wärmt mir den Rücken, als ich mich ihm gegenübersetze am grossen Glastisch. Die Heldin schrumpft, als Orlandos ruhige, magnetisierende Augen sie fixieren. Ich schicke sie auf den Beobachtungsposten und werde zur Patientin.
«Ich trete über die Augen in einen Menschen ein und lese ihn. Das kann Sie nach der Sitzung etwas ermüden, es ist eine Art wie Röntgen, eine fremde Energie, die wirkt», klärt er mich auf. «Achtung, lass dich nicht manipulieren!», ruft die Grossartige vom Beobachtungsposten aus.
Doch eigentlich ist Orlando sanft und vorsichtig. Als Hellseher hat er wohl die andere schon längst erblickt, die sich fälschlicherweise in Sicherheit wiegt. «Ich will aber nichts über meine Zukunft wissen!», ruft sie herunter. «Das Wissen über die Zukunft hilft uns, richtige Entscheidungen in der Gegenwart zu treffen», meint Orlando.
Er muss es wissen. Berät er doch Menschen aus allen Schichten unter anderem aus Politik und Wirtschaft. Sein Tag ist übervoll: Morgens berät an der Hotline, nachmittags gibt er Behandlungen; das geht von Beratungen über Handauflegen bis zur Karmareinigung. Oft werde er auch zu Notfällen gerufen. Er arbeitet in Spitälern, macht Hausreinigungen oder Fernbehandlungen. Seine Erfolge sind erstaunlich. Schon mehrfach sei es ihm gelungen, Menschen aus dem Koma zurückzuholen, indem er mit ihnen geistig kommunizierte. Er erzählt auch von vielen Heilungen, die ihm gelungen seien. «Welche Macht!», warnt mich die Heldin.
«Wenn die höhere Macht keine Heilung will, dann kann ich auch nichts tun», meint er. «Schauen wir doch mal, was bei Ihnen ansteht!» Ich kann erstaunlich problemlos in seine Augen blicken. Bei vielen Menschen fühle ich den Drang wegzuschauen. «Das liegt daran, dass Sie sehr viel spüren und wahrnehmen. Sie wollen dann die Konflikte des Gegenübers nicht anschauen und weichen darum aus.» «Aha, das macht Sinn. Es ist also nicht mein schielendes Auge, das ständig auf Abwegen irgendwohin ausweicht …»
Zwischen uns auf dem Tisch liegt ein Stapel Karten, zu denen er immer mal wieder greift, ohne sie wirklich zu beachten. «Sie haben eine hellsichtige Begabung, das sehe ich an der violetten Aura-Farbe um Ihren Kopf, die in Weiss übergeht.» Ich erfahre, dass ich in diesem Jahr eine klärende Zeit erlebe, nicht immer ganz einfach. Ab März 2008 werde es zusehends besser werden, auch finanziell.
Gesundheitlich sei alles o.k., Sorge tragen solle ich zu den Nerven und den Gelenken. In der Kindheit hätte ich mit den Atemwegen zu kämpfen gehabt. «Stimmt! Stimmt!», murmelt die Heldin und kommt näher. Eigentlich könne ich in sehr unterschiedlichen Bereichen arbeiten, wichtig sei die Kommunikation. Egal, was ich tue – ich müsse mit Menschen zu tun haben. Ab und zu sei ich sehr chaotisch, aber auch kreativ. An der Disziplin, da fehle es manchmal ein bisschen. Die Heldin grinst.
Im Übrigen solle ich mich vor Frauen in Acht nehmen, denn die seien oft missgünstig. Ich solle mich besser an Männer halten. Ich erfahre noch vieles, was ich hier nicht zum Besten geben werde. Erstaunlich ist, dass die Heldin plötzlich vom Beobachtungsposten herunterkommt und wir zusammen zuhören, ohne uns bedroht zu fühlen. Erstaunt beobachten wir, wie Orlando die Karten in den Händen fächert in einem Tempo, in dem er sie kaum wird lesen können. Es scheint, er nehme einfach das Energiemuster wahr oder lenke uns ab, damit er uns in Ruhe lesen kann …
Bei Orlando zeigte sich die Gabe der Hellsichtigkeit schon in seiner Kindheit. Als er seiner Mutter mitteilte, dass eine Frau, die bei ihnen zu Besuch war, sehr krank sei, fasste er eine Ohrfeige. Doch als diese Frau ein halbes Jahr später starb, da wussten seine Eltern, dass mit ihm etwas besonders war. Er machte später dann aber «ganz normal» eine Lehre und arbeitete im Post- und Ausbildungsbereich. Nebenbei begann er Leute zu beraten, was sich immer mehr ausdehnte, bis er seine Berufung zum Beruf machte.
Wie mag es sich anfühlen, wenn man alles fühlt, alles weiss? Manchmal sei es schon hart, gerade, wenn er schlimme Dinge sehe. Er müsse sich dann sehr bemühen, alles wieder loszulassen, sich zu reinigen, und manchmal dauere das auch länger.
Als wir uns nach mehr als einer Stunde verabschieden, die Heldin und ich, und auf einer Bank unter einem Rosenbusch auf den Bus warten, meint die Heldin: «Und jetzt, was weisst du mehr?» Ich sinne nach. Vieles war eine Bestätigung, ich fühlte mich erkannt als die, die ich bin. «Dich hat er auch gesehen auf deinem Beobachtungsposten!» Sie sieht etwas kleinlaut aus, kontert aber gleich wieder: «Wir werden ja sehen, ob du im Frühjahr mit Goldmünzen klimpern wirst.» Ich lasse sie schwatzen. Wir steigen in den Bus und machen uns auf die Reise zum nächsten Abenteuer.
Den ganzen Artikel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 86.
Kontakte: Urs Orlando, Tel. 078 815 92 93, Hotline Tel. 0901 444 544 (Fr. 3.– pro Minute).
Manuel Schoch, manuel.schoch@bluewin.ch, www.tune-in.ch
Daniela Luley, www.danielaluley.ch Tel. 052 222 50 62.
