Urquell der Albträume
13 x Mond in der Frühlingsnummer: Von Mondsüchtigen, Werwölfischen und anderen Spinnern
Von Eva Rosenfelder
Hattest du auch schon den Wunsch, einfach loszulaufen, aus dem Fenster zu springen, hinein in einen Brunnen? Dann aus dem Wasser heraus, in dichtes Fell gehüllt und auf allen vieren durch Wald und Feld? Hast alles gebissen, was dir in den Weg kam? Und dann, als der Morgen graute, bist du zum Brunnen zurückgekehrt, hast ein Bad genommen und dich als ganz normaler Mensch ins Bett zurückgelegt? Wenn du alle diese Fragen mit Ja beantworten kannst, so ist es sehr nahe liegend, dass du eines dieser nur noch ganz vorkommenden Wesen bist: ein Werwolf! Bist du auch noch bei Vollmond geboren oder trägst Kleider, die bei Mondenschein an der Wäscheleine vergessen wurden, dann ist der Fall klar! Werwölfe sind übrigens immer Männer – die Silbe «Wer» ist vom Lateinischen «vir» (Mann) abgeleitet, aber das brauche ich dir nicht zu sagen. Als Mann weisst du ja auch, dass es gar nicht so schwierig ist, ein Werwolf zu sein: Der Vollmond und ein Wolfspelz oder ein Gürtel aus Menschenhaut genügen …
Zugegeben, vielleicht ist die Sache zu ernst, um damit Spässe zu treiben. Im Mittelalter gab es haufenweise Bekenntnisse von echten und vermeintlichen Werwölfen, was nicht sehr erstaunlich war: Wie bei den Hexen wurde aus verdächtigen Männern mit glühenden Eisen und anderen Foltermethoden die «Wahrheit» herausgepresst. Anzeichen, ein Werwolf zu sein, waren verdächtige Muttermale, buschige oder zusammengewachsene Augenbrauen oder starke Körperbehaarung (arme Südländer!).
Den vermeintlichen Werwölfen versuchte man im Mondenschein Wunden beizubringen, was sie dann am Tag bei Sonnenlicht überführen würde. Eine andere beliebte Werwolfprüfung bestand darin, den Verdächtigen die Haut abzuziehen, um zu sehen, ob darunter Haare wuchsen. Wenn man dort keine fand, was öfter vorkam, war die Unschuld zwar bewiesen, doch das Opfer …
HAARE, MOND & BLUT
Haare, Mond und Blut sind die Bestandteile des Werwolfmythos. Haar und Fell gelten als Zeichen von Triebhaftigkeit, ungezügelter, bestialischer Sexualität ohne moralische Hemmungen. Der Mond als unbewusster Anteil der Seele, als Projektionsfläche für alles Verdrängte und Unerfüllte. Das Blut steht in Verbindung mit der weiblichen Menstruation, die für viele Männer Furcht einflössend ist. Vermutlich aber geht der Werwolfglaube zurück auf Trance-Rituale schamanischen Ursprungs, bei denen Tiere als Schutzgeister eine wichtige Rolle spielen: Die Werwolflegende reicht zurück bis in prähistorische Zeit, als zur Jagd Tierverkleidungen angelegt wurden, um den Geist eines mächtigen Tieres zu beschwören und auch, um seinen Geruch anzunehmen. Das Verwobensein von Mensch und Tier war damals viel stärker vorhanden, ein Glaube, der für alle Naturvölker auch heute noch selbstverständlich ist. Wen wundert es also, dass im Zuge der Christianisierung nicht nur den Hexen, sondern auch den Werwölfen der Garaus gemacht wurde?
Noch heute ist der Werwolf präsent im Rotkäppchen. Doch der Jäger, ein echter Ordnungshüter, stopft dem unersättlichen Gierschlund den Bauch mit Steinen voll.
WAHN-SINN
Die Beobachtung, dass bei manchen Krankheitsbildern Menschen von Tobsucht und Blutrausch befallen werden und sich «wie wilde Tiere» gebärden (Lycorexie), hat den Werwolfglauben am Leben erhalten. Dieses wilde Treiben aber hat die Psychiatrie heute fest im Griff – die heutigen Werwölfe halten ihre Felle versteckt oder schlucken Psychopharmaka. Ob in hellen Mondnächten sich ihre Astralleiber nicht dennoch in Wolfsform manifestieren, während ihr physischer Leib in Trance fällt und im Bett träumt? Die tiefe Angst vieler Menschen vor dem Wolf und vor der Nacht lässt sich jedenfalls bestens auf den Mond projizieren, der ja mit seinem zwiespältigen Licht viele Menschen antreibt, ihrer animalischen Seite und ihrem chaotischen Wesen freien Lauf zu lassen.
«Wenn der Mond ganz zugenommen hat, hat der Verstand ganz abgenommen», pflegte man zu sagen. Der mittelalterliche Arzt Paracelsus nannte das Gehirn den «mikrokosmischen» Mond und stellte fest, dass sich Irrsinn bei Vollmond verschlimmerte. Eine Ansicht, die bis Ende des letzten Jahrhunderts nicht bezweifelt wurde: Für bei Vollmond begangene Verbrechen wurden grundsätzlich mildernde Umstände eingeräumt. Das kam vermutlich auch dem Mörder Charles Hyde zugute. Der englische Taglöhner behauptete 1854 vor Gericht, es sei der Mond gewesen, der ihn in stillen Neumond- und grellen Vollmondnächten zu blutrünstigem Morden getrieben habe … Solche Menschen, die «im Kopf verruckt sind», nannte man im 16. oder 17. Jahrhundert «monig» oder «mönig», was in etwa dem heutigen «lunatic» entspricht und noch immer in Zusammenhang gebracht wird mit Geisteskrankheit und Schizophrenie, Epilepsie, Pyromanie, Suizid, Alkoholismus, Schlafwandeln und Wahnvorstellungen.
Nicht umsonst warnt der jüdische Talmud davor, im Mondlicht zu schlafen. Ganz besonders schlimm ist es, wenn dabei auch noch ein Kind gezeugt wird: Dieses arme Wesen wird nämlich ein Mondkalb, was so viel bedeutet wie eine Missgeburt. Die Geister und Untoten, die herumspuken, scheinen keine gesunde Saat zu erwecken, vielmehr lassen sie die glühenden Augen gieriger Werwölfe im bleichen Mondlicht glitzern und deren gesträubtes Fell knistern, während sie durch die Nächte jagen und ihr Unwesen treiben. Hexen und solche, die es gern wären, behaupten, dass in diesen Nächten die Erdendecke sehr dünn sei. Wer im Mondlicht tanze, könne die Geister herbeilocken und sie sich zu Nutzen machen …
SUCHE NACH MONDSUCHT
Forscher verbannten die lunare Macht lange ins Reich des Aberglaubens, doch als die ersten Studien bekannt
wurden, zog der Mond auch sie in seinen Bann.
Der Neurologe Dr. Leonar Ravity untersuchte die Wirkung des Mondes auf das menschliche Gehirn, indem er die winzigen elektronischen Nervenströme mit einem Mikrovoltmeter mass. Bei Neumond und bei Vollmond stellte er heftige Veränderungen fest und schloss daraus, dass bereits labile Menschen zu diesen Zeiten noch wankelmütiger werden.
In diversen Statistiken begannen dann Forscher zu beweisen, dass der Mond auf unser Verhalten keinen Einfluss hat:
Und zwar weder auf die Zahl von Geburten: In Norddeutschland etwa erfasste man alle 1400 Geburten eines Jahres im Halbstundenraster und stellte fest, dass sie sich völlig gleichmässig auf sämtliche Tages- und Nachtstunden eines Monats verteilten.
Noch auf Verkehrsunfälle: In Karlsruhe wertete der Polizeidirektor August Greiner für «Focus» penibel Verkehrsstatistiken aus und kam zum Schluss, dass es bei Vollmond keine vermehrten Zwischenfälle gibt auf den Strassen.
Der Einfluss des Mondes auf Verbrechen, Psychiatrieeinweisungen, Aggressionen, Absenz bei der Arbeit, das alles soll Einbildung oder erbliche Programmierung sein: Diese Ereignisse würden auch dann fortbestehen, wenn man äussere Zeitgeber wie etwa den Wechsel von Tag und Nacht ausschliesse.
Der Eifer, mit dem solche Studien erstellt werden, weist auf eine fortschreitende Mondsüchtigkeit hin, auch unter den aufgeklärten Forschern: die sogenannte Mondstudiensucht. Aber auch hartgesottene Wissenschaftler ahnen, dass das Mondlicht in ihrer Seele sich mit keiner Statistik vertreiben lassen wird. Die Fülle der sich widersprechenden Behauptungen sträuben selbst dem durchtriebensten Werwolf das Fell!
Und wenn ich auch keiner bin – ich bin schliesslich eine Frau –, so treibt es mich nun doch hinaus auf die Dächer und Zinnen – die Nacht ist hell, der Mond ist aufgegangen – gute Nacht!
