Willkommen im Ramana-Supermarkt
Wo einst eine Handvoll Pilger beim Tee sass und zum Ashram des Ramana Maharshi blickte, steht heute ein Supermarkt mit Gütern aus Europa. Tiruvannamalai im Jahr 10 nach Ankunft der Satsang-Welle.
Von Max Weih
Heute umhüllen Wolken den Arunachala, den heiligen Berg Shivas. Es regnet, obwohl es Winter ist und somit Trockenzeit. Die globale Klimaveränderung ist auch in Südindien sicht- und fühlbar. Vor bald dreissig Jahren war ich das erste Mal hier; und fast ein Dutzend Jahre sind es her seit meinem letzten Besuch.
Tiruvannamalai, der Pilgerort am Fuss des Arunachala, hat sich stark verändert. Statt der gemächlich rollenden Ochsenkarren rasen jetzt laute Lastwagen mit ohrenbetäubendem Hupen über die Ausfallstrasse am Ramana-Ashram vorbei. Die Kloakenkanäle vor den Häusern der Stadt sind grösser, dunkler und stinkender geworden, und unverrottbarer Plastikmüll häuft sich und breitet sich aus. Wo früher die Felder sich dehnten, erstrecken sich neue Quartiere; überall wird gebaut. Zahlreiche Westler haben Häuser erworben oder sind daran, welche zu bauen. Die meisten unter ihnen bleiben über die Wintermonate, nicht mal wenige verbringen auch die höllisch-glühenden Sommermonate hier.
Tiruvannamalai boomt. Internetcafés schiessen aus dem Boden, Gästehäuser an allen Ecken und Enden wetteifern um die ausländischen Besucher. Muslimische Händler aus Kashmir machen Läden auf, in denen sie wollene Schals, Hippieklamotten und Statuen tibetisch-buddhistischer Gottheiten feilhalten. Gegenüber dem Ashram, wo einst ein Tschai-Shop stand und eine Bude mit Bananen, Bidies und billigen indischen Biskuits, hat der «Sri-Ramana-Super-Market» seine Pforten geöffnet mit Olivenöl aus Spanien und Italien und Faber-Castell-Stiften aus Bayern im Angebot. An der Pilgerstrasse um den Berg mit ihren asketischen Sadhus hat ein Luxushotel aufgemacht und lockt mit prächtig-grossem ovalförmigem Swimmingpool und Zauberblick auf den Arunachala. Eine weitere, grössere und noch luxuriösere Herberge weiter unten an der Strasse steht im Bau. In solchen Häusern steigen mit Vorliebe die Teilnehmer von organisierten Gruppenreisen ab, die mittlerweile auch in Tiruvannamalai einen kurzen Halt einlegen: Tiruvannamalai im Goldrausch.
Rajnikant, der Superhero des Tamil-Kinos und Halbgott, promotet den Ort mit seinem sakralen Berg im ganzen Bundesstaat Tamil Nadu. Jetzt drängen täglich und besonders an Wochenenden Heere indischer Besucher in den grossen Tempel der Stadt und auf das Gelände des Ramana-Maharshi-Ashrams. Ebenso hat die dreizehn Kilometer lange rituelle Umrundung des Arunachala immens an Popularität gewonnen, und so sind es an bestimmten Festtagen im Jahr nun jeweils Hunderttausende, die prozessionsartig den Berg umwandeln.
DIE SATSANG-SZENE
Ausgelöst durch den Boom des Advaita im Westen strömen jedes Jahr mehr Wahrheitssuchende nach Tiruvannamalai. Über die letzten Jahre ist am Fuss des Bergs eine eifrige westliche Satsang-Szene entstanden, und in ihrem Gefolge entfaltet sich die bunte Palette alternativer Therapien, Disziplinen und Workshops. Die Anschlagbretter in den anspruchslosen Restaurants und Cafés sind übervoll mit Angeboten: Satsangs, Massagen, Akupunktur, Flötenstunden, Yoga, Qi-Gong, Astrologie, Handlesen, Sprachlektionen in Tamilisch, Bergführungen und anderes mehr. Die Satsangs (und auch die meisten anderen Aktivitäten) finden zumeist auf den Dachterrassen geräumiger Gästehäuser oder neuerer indischer Ashrams statt, wobei der Bekanntheitsgrad eines Satsang-Lehrers naturgemäss die Zahl der Zuhörer definiert. Momentan sind der an hiesiger Stätte jährlich auftretende Deutsche und einstige Castaneda-Anhänger Karl Renz, berühmt-berüchtigt für seinen teutonisch-provokativen Witz, und der farbige Jamaikaner Mooji mit seiner heiligengemässen Aura die Stars der Szene. Einige westliche «Gurus», besonders jene nordamerikanischer Herkunft, haben inzwischen sogar eigene Ashrams gegründet.
Überaus viele Suchende finden sich zu den in Schweigen und Meditation gehaltenen Darshans der lokalen tamilischen Energiemeisterin Shiva-Shakti-Amma ein. Und selbstredend zieht der Segen der weltberühmten indischen Mother Meera, die ihren Sitz in Deutschland hat, wohin auch die glamouröse Madonna und der Ex-Beatle Ringo Starr pilgern, bei ihrem jährlichen Tiruvannamalai-Darshan die Massen an.
Ich bin überrascht ob dieser plötzlichen Vielfalt an Möglichkeiten zu spiritueller Inspiration und beeindruckt von der leidenschaftlichen Suche nach Weisheit und innerem Frieden dieser vieltausendköpfigen internationalen Schar. Zugleich verwirrt, befremdet und stört mich der Rummel und das marktschreierische Tun am Arunachala, und ich sehne mich in die stillen Tage von einst zurück. Damals, als die Gemeinde der Ausländer klein war und fast jeder noch jeden kannte, als es diesen Hype noch nicht gab. Doch die rasante Entwicklung an diesem Ort ist wohl nichts anderes als ein Abbild des wirtschaftlichen Booms des heutigen Indiens, gepaart mit der spirituellen Heimatlosigkeit und der Sinnsuche des Westens und dessen Vermögen zur Mobilität; mithin der Ausdruck wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung. Manche erkennen gar in der enormen Zunahme des Interesses an transformierender Spiritualität Zeichen eines angehenden globalen Bewusstseinswandels.
Ich bin, wie die meisten andern, von weit her gekommen; und ich frage mich, ob eine Fernreise in diesen Zeiten rapide schwindender natürlicher Ressourcen und beunruhigender ökologischer Konsequenzen sich entschuldigen lässt, wenn es darum geht, eine höhere Form von Inspiration zu suchen.
Als ich mich an einem Abend im Strassenlabyrinth der neuen Quartiere verlor und einen Einheimischen nach dem rechten Weg fragte, kamen wir ins Gespräch. Der Mann klagte, dass diese plötzliche geballte westliche Präsenz einen negativen Einfluss auf einen Teil der Jugend hier habe. Sie seien vom vielen Fremden überfordert, sagte er, die indische Jugend könne das nicht einordnen und verliere jeglichen Respekt. Nach dieser Begegnung frage ich mich, ob die positive Wirkung dieser geistigen Suche in ihrer Gesamtheit den «Kollateralschaden», den sie offensichtlich hervorruft, rechtfertigt.
TROTZ ALLEM
Der Regen hat aufgehört, und die Wolken am Arunachala lichten sich. Mitten im Wechsel rund um ihn herum ist der Berg scheinbar immer noch derselbe: Unbeweglich und still steht er da. Seit prähistorischer Zeit kommen Menschen hierher, um diesen Koloss aus Fels und Stein zu besuchen, ihn zu umwandeln und zu verehren. Mir wird bewusst, dass ich einer dieser Menschen bin und in einer langen Tradition stehe. Wie ich den Berg betrachte, verlangsamt sich mein Gedankenfluss. Stille breitet sich in mir aus, begleitet vom Gefühl der Dankbarkeit, hier zu sein – trotz allem.
