Verwinkeltes Erbe
Mit einer umfassenden Darstellung über die Gründerjahre der Anthroposophie sorgt der Historiker Helmut Zander für gehörig Diskussionsstoff. Wer war Rudolf Steiner wirklich?
Von Rüdiger Sünner
War Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie und Waldorfpädagogik, wirklich hellsichtig begabt? Konnte er, wie von ihm selbst behauptet, in der vermeintlich übersinnlichen «Akasha-Chronik» Ereignisse aus Atlantis, die Wahrheit über Jesus Christus und die Stadien der Seele nach dem Tode herauslesen? Viele Anthroposophen glauben dies. Die Kritiker Steiners halten es für hanebüchenen Unsinn, aber kaum jemand hat die «Quellen» der Anthroposophie einmal genauer erforscht. Der Historiker und Theologe Helmut Zander hat dies nun in einem voluminösen zweibändigen Werk Anthroposophie in Deutschland nachgeholt. Er sorgt damit seit einigen Monaten für erregten Diskussionsstoff.
Um es gleich vorwegzusagen: Zanders Gedanken sind weitaus differenzierter, als es das Echo seiner Anhänger und Kritiker vermuten lässt. Die einen fühlen sich in ihrem Generalangriff auf die vermeintlich dubiose Okkultlehre der Anthroposophie von Zander bestätigt, die anderen sehen in seinem Werk eine Hinrichtung ihres bewunderten spirituellen Lehrers. Doch Zander bietet zunächst einmal eine bewundernswert akribische Auflistung von Quellen und Einflüssen, in denen sich Steiners Denken vor allem seit 1900 entwickelt hat. Er tut zunächst einmal nichts anderes, als Steiner selbst oft forderte: Schauen Sie nach, überprüfen Sie meine Angaben, glauben Sie nicht blind an das von mir Gesagte!
DIE VORLÄUFER
Zander betreibt «historische Kontextualisierung», das heisst, er zeigt beispielsweise die wesentlichen Einflüsse der Theosophie in Steiners Werk auf, die Ursprünge von Begriffen wie Atlantis, Akasha, Wurzelrassen, Astralleib, Reinkarnation, Karma und so weiter, die ja der Goethe-Forscher Steiner vor 1900 noch gar nicht benutzte. Spannend sind auch Zanders Informationen zu «Vorläufern» der anthroposophischen Heilkunde (Alternativmedizin), Eurythmie (Ausdruckstanz), der Mysteriendramen (französischer Symbolismus, Schuré, Wagner) und der Architektur des Goetheanums (Fritz Kaldenbach). All dies ist nicht vom Himmel gefallen und auch nicht in reiner Intuition gewonnen worden, sondern es entstand durch Weiterentwicklung bereits bestehender Traditionen.
Das macht Steiner menschlicher, zeigt ihn als Zeitgenossen, als geistig ringenden, zweifelnden, ja in hohem Masse schöpferischen Menschen. Zander gesteht Steiner denn auch eine ausserordentliche «kreative Intelligenz» zu und ist weit davon entfernt, ihn als blossen Plagiator abzukanzeln. Gerade die Erschliessung neuer Praxisfelder durch die Anthroposophie in Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft nötigt Zander auch Respekt ab. Man hat durchaus das Gefühl, dass er für die Anthroposophie eine Zukunft sieht, wenn auch vielleicht eine andere, als viele Steiner-Anhänger momentan glauben.
IN BILDERN DENKEN
Dieses Buch ist zugleich eine Habilitationsschrift, das heisst, der Autor hat sich hier seine Eintrittskarte in die «scientific community» erschrieben, in welcher der Forscher natürlich reüssieren will. Das verbietet ihm vielleicht, tiefer in Steiners spezifische Denkfiguren hineinzugehen, in seine Art der Bildersprache, des imaginativen Denkens, das natürlich immer einen Mehrwert gegenüber seiner historisch zu ermittelnden Basis behält. Steiner sprach oft eher in künstlerischer oder mythischer als in begrifflich-wissenschaftlicher Rede. Um diese zu verstehen, braucht man andere Instrumente als die der philologischen oder historisch-kritischen Methode, die immer eher über Bilder nachdenkt, als in Bildern zu denken.
Zander spricht von Steiners «mythologischer Narration» und dessen «metaphorischen Vorstellungen», ohne einmal den Versuch zu unternehmen, in diesen selbst zu leben. Er nimmt Begriffe wie Atlantis, König Artus, Akasha oft zu wörtlich, das heisst, er untersucht nicht, was sie als Metaphern bedeuten könnten. Das hätte man in die Arbeit einbauen können, etwa wenn man die Ergebnisse der modernen Mythenforschung (Karl Kerenyi, Claude Levi-Strauss, Kurt Hübner, Joseph Campbell, Hans Blumenberg) mit einbezogen hätte. Diese Autoren haben längst erkannt, dass das mythisch-bildhafte Denken dem wissenschaftlich-begrifflichen nicht unterlegen ist, sondern nur einen anderen Erkenntnismodus darstellt.
Zander argumentiert dagegen mit dem Verweis, Steiner habe eben den Anspruch gehabt, keine mythischen, sondern durchaus «reale» Wahrheiten abzubilden. Aber hier genau verläuft die noch zu klärende Grenze: Meinte Steiner mit Atlantis die Reste eines versunkenen Kontinentes oder einen vorbegrifflich-intuitiven Bewusstseinszustand der prähistorischen Menschheit? Nähern wir uns dem Steiner’schen «Atlantis» eher mit Tiefsee-Expeditionen oder mit Untersuchungen zum geistigen Gehalt der Höhlenbilder von Lascaux? Ist sein König Artus eine historische oder eher eine mythische Figur, zu der uns nicht die Archäologie, sondern die (auch spirituell erweiterte) Gralsforschung weiterhilft? Sind Michael, Luzifer, Ahriman oder die «Volksgeister» tatsächlich reale Wesenheiten oder nicht doch Bilder für geistige-seelische Kräfte?
Was heisst hier überhaupt «real»? Wie sieht der Wirklichkeitsbegriff in Mythos und Wissenschaft aus und wie der bei Steiner? Zeichnet sich nicht der Wirklichkeitsbegriff im Mythos und bei Steiner dadurch aus, dass er eben die strenge Trennung von Subjekt und Objekt, Imagination und Rationalität nicht mitmacht?
AUFKLÄRUNG TUT NOT
Vielleicht sind dies Fragen, die in der zukünftigen, hoffentlich sachlicher geführten Debatte um Zanders Werk behandelt werden können. Gleichwohl bietet dieses Buch vielfältigstes Material und Anregungen für solche Diskussionen. Im persönlichen Gespräch mit dem Historiker ergeben sich diesbezüglich noch tiefgründigere Ebenen als in seinem wissenschaftlich abgedichteten Buch oder in seinen aktuellen, auf Zuspitzung hin angelegten Medienauftritten. Zander wünscht sich nämlich keineswegs die Reinigung der Anthroposophie von allem «Übersinnlichen», sondern den Anschluss ihrer spirituellen Seiten an das, was er die gegenwärtige «Reflexionskultur» nennt.
Wenn Zander als Theologe spricht, schwärmt er davon, wie Christentum und Judentum im Durchgang durch Textkritik und Dekonstruktion zu einem anderen, aufgeklärteren Christentum und Judentum geworden seien. Eigentlich wünscht er sich dasselbe für die Anthroposophie, die er diesbezüglich für eine Art Nachzügler hält, die in den letzten Jahrzehnten den Anschluss ein bisschen verpasst hat. Die Kritiker der Anthroposophie werden damit wenig anfangen können. Aber für ihre Anhänger ist es eine gute Gelegenheit, einen neuen vertieften Zugang zu ihrem Lehrer zu beginnen, der nicht notwendig in den Untergang führen muss, sondern – auch ganz im Sinne Goethes und Steiners – vielfältige neue Metamorphosen hervorbringen kann.
Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, 1916 Seiten in zwei Bänden, Fr. 416.–.
Rüdiger Sünner ist freischaffender Filmemacher in Deutschland. www.ruedigersuenner.de ]
