Ein Dokumentarfilm zur Anthroposophie wirft neues Licht auf die Bewegung und ihren Begründer, eine harsche Kritik aus Dornach polemisiert gegen den Historiker Helmut Zander.
Von Martin Frischknecht
Rüdiger Sünner hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rudolf Steiners Lebensgeschichte und die vielfältige Wirklichkeit der Anthroposophie heute in einem einzigen, langen Film darzustellen. Diese Aufgabe hat der erfahrene deutsche Dokumentarfilmer hervorragend gemeistert. Abenteuer Anthroposophie führt mit starken Bildern zuverlässig ein in die zentralen Themen dieser bedeutenden Geistesströmung.
Obwohl der Film finanziert wurde durch den Bund der deutschen Waldorfschulen, geht er einem Thema nicht aus dem Weg, das die Gemüter immer wieder erhitzt: Rudolf Steiners problematische Äusserungen über Rassen und deren angebliche Bestimmung. Auch Helmut Zander kommt in diesem Zusammenhang zu Wort, und er legt den Finger auf den wunden Punkt: Wenn Anthroposophen heute einräumen, dass Steiner sich in der Sache irrte, dann werden über kürz oder lang unter ihnen auch andere Aussagen des Gründers zur Disposition stehen. Dessen Nimbus als Verkünder unanfechtbarer geistiger Wahrheit geriete damit ins Wanken.
Die im Film zu Wort kommenden Lehrer wird das kaum bekümmern, ganz bestimmt nicht jene, die eine Waldorfschule in Windhoek, Namibia, leiten. Die Mehrheit der Schüler dort gehört jener Rasse an, über die Steiner seinerzeit wenig Vorteilhaftes zu sagen hatte. Die Waldorf-Pädagogik hat sich offensichtlich längst über diesen Schatten hinweggesetzt. Die Menschlichkeit, Hingabe und wache Präsenz dieser Lehrerinnen und Lehrer berührt. Das stimmt zuversichtlich, wohin auch immer das Abenteuer Anthroposophie noch führen wird. Abenteuer Anthroposophie, Dokumentarfilm von Rüdiger Sünner, 110 Min. DVD erhältlich bei www.absolutmedien.de
Eine Kostprobe des Films gibt es hier zu sehen
Seelenuntergründe
Autsch, das hat wehgetan. Helmut Zanders breit angelegte Studie über die Anfänge ihrer Bewegung verstört die Anthroposophen nachhaltig. Nicht alle in gleichem Masse. Es gibt auch offene, dialogbereite Anthroposophen, welche dieses umfangreiche Werk als Chance wahrnehmen zur Neubestimmung ihrer Grundlagen. Schliesslich steht Helmut Zander selbst dem Gegenstand seiner Untersuchung nahe, und wo sich ihm die Gelegenheit bietet, diskutiert er seine Befunde in der anthroposophischen Szene.
Auch Karen Swassjan versteht Zanders Studie als Anstoss zur Klärung, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Den mit Zander in den Dialog tretenden Anthroposophen wirft er vor, den Kern der Sache zu verraten. Diesen Kern ortet der russische Professor in der Person Rudolf Steiners und dessen überzeitlicher Mission. An der Wahrheit von Steiners Aussagen dürfe es keinen Zweifel geben. Wer einräume, dass Steiner manches aus der Theosophie übernahm, der deklassiere sich selber zu einer Art Anthroposoph zweiter Ordnung.
Für Anthroposophen erster Ordnung jedoch steht die Qualität von Steiners Medialität ausser Frage. Und weil es dafür Beweise nicht geben kann, bleibt nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Rabiat und ausschliesslich daran zu glauben, wie der polemische Grundton in Karen Swassjans Streitschrift gegen Helmut Zander deutlich macht. Hier spricht ein Fundamentalist, der verletzt wurde, weil ein anderer öffentlichkeitswirksam seine Glaubensinhalte in Frage stellt.
Überzeugend ist das nicht. Muss es auch nicht sein, weiss Karen Swassjan doch den Meister selbst an seiner Seite. Auch der konnte gehörig austeilen, wenn ihm etwas unter seinen Leuten nicht passte. Rudolf Steiner sagte im Sommer 1921: «In der Anthroposophischen Gesellschaft ist leider immer die Sehnsucht vorhanden, viel mehr dasjenige anzuklagen, was aus der Wahrheit herausspricht, als solche Gegner anzuklagen, die aus ihren Seelenuntergründen heraus alle Wahrheit in den Kot treten möchten.» Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie. Verlag am Goetheanum, Dornach 2007, 159 Seiten, Fr. 24.–.
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