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Nr. 88 Sommer 2008
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Warm wie Stein
Jahrelang hat Rudolf Fritsche die Steine, die ihm durch die Hände gingen, beklopft und abgehört. Da war er noch Steinhändler. Heute ist er Klangtherapeut.
Von Martin Frischknecht

Es ist ein dunkelgrüner Stein, und er kommt von weit, weit her. Mehr lässt sich Rudolf Fritsche dazu nicht entlocken. Wie der Stein heisst, bleibt sein Geheimnis. Schliesslich hat er Jahre nach ihm gesucht. Er hat andere Steine beklopft und behorcht, er hat sie zersägt und zugeschliffen, hat sie angeschlagen und hat gelauscht, was für Töne ihnen zu entlocken sind. Befriedigt hat ihn keiner, nicht der heimische Granit, nicht der edle Marmor. Sie klangen alle nicht richtig, sie vermochten sein Ohr nicht zu überzeugen.
Als Steinfachmann schöpfte er aus dem Vollen, bei ihm gab es Steine aus aller Welt. Gewiss dreissig verschiedene Arten von Steinen erprobt und verworfen, bis der eine zu ihm fand. Er kam als Musterplatte eines Vertreters zu ihm in den Betrieb. Der stimmte. Es war der Richtige. Mit diesem Stein machte er sich ans Werk.

Die Vision
Wenn man derart eingenommen ist von einer Vision, wenn man Wochen, Monate und Jahre Überstunden leistet und Wochenenden dran gibt, um diese Vision zu verwirklichen, dann wächst in einem die Spannung, ob es draussen in der Welt noch andere gibt, die sich davon anstecken und begeistern lassen. Es gab und gibt sie. Sie hören den Klang des dunkelgrünen Steins und sind ergriffen. Rudolf Fritsche hatte mithilfe eines elektronischen Schwingungsmessers einen ersten Prototypen des Instruments gebaut, das ihm vorschwebte, und konnte darauf zwei Oktaven spielen.
Der Chefeinkäufer von Sonor, dem bedeutendsten Handelshaus für Schlaginstrumente in Deutschland, war auf Anhieb begeistert und präsentierte das neuartige Instrument an prominenter Stelle auf einer Fachmesse. Musiker, die darauf spielten, reagierten ebenso positiv. In Basel traf sich Fritsche mit dem bejahrten französischen Komponisten Pierre Boulez und durfte ihm vorspielen. Der Meister war sehr angetan von diesem neuen Klang. Er meinte, nach der Erfindung des Saxofons sei damit wieder mal ein neuer Klang gefunden worden. Das erste Saxofon erklang 1840, Fritsches «Gramorimba» erblickte 2003 das Licht der Welt. Erschaffen hat er es zusammen mit Lukas Rohner, einem Basler Instrumentenbauer, der mit seinem immensen Erfahrungsschatz dafür sorgte, dass die Obertonreihe der schliesslich vieroktavigen Gramorimba zum Stimmen kam.

Es klingt
Jetzt war er bereit und konnte durchstarten. Doch es kam anders. Trotz der einhelligen Begeisterung derer, die Gelegenheit hatten, «seinen» Stein zu hören und darauf zu spielen, kam der Absatz des Instruments nicht in Gang. Den Grund dafür kennt er bis heute nicht. Doch Rudolf Fritsche ist nicht der Mann, der über so etwas verzweifelt. Im Gegenteil. Der gross gewachsene, vor 26 Jahren aus Deutschland zugewanderte Toggenburger hat in seinem Leben gelernt, dass es immer irgendwie weitergeht und sich ein vermeintlicher Misserfolg im Nachhinein nicht mal selten als sinnvolle Fügung erweist.
Die Gramorimba stand bei ihm zu Hause, er konnte darauf spielen, und damit erfüllte er sich einen Kindheitstraum, der ihm von den Eltern nicht ermöglicht worden war: Musiker sein. Als ein Versicherungsagent «zufällig» bei Fritsches vorbeischaute und sich interessiert nach dem neuartigen Instrument im Ausstellungsraum erkundigte, erwies sich dieser als vielseitig talentierter Flötist. Nach einer ausgedehnten Probesession schlug 2005 die Geburtsstunde des Duos RuTino. Mit Tino Schloss gibt Rudolf Fritsche seitdem regelmässig Konzerte. Dabei fiel ihm bald einmal auf, dass es in den vordersten Reihen des Publikums, also unter den Zuhörern, die seinem Instrument am nächsten waren, immer wieder Menschen gab, die dasassen und weinten. Wenn er nachfragte, woher die Tränen rührten, bekam er zu hören, die Klänge des Steins führten zu einer tiefen Entspannung und dabei löse sich das Augenwasser.
Diesem Hinweis ging der frischgebackene Musiker nach. Er experimentierte weiter. Auf der Suche nach der therapeutischen Wirkkraft des Steins entstanden in seiner Werkstatt zwei neue Instrumente: ein phallisches Riesenei mit tiefen Einschnitten, die es möglich machen, dem wuchtigen Stück mit Händen und Stöcken feine Töne zu entlocken. Töne und urige Schwingungen, wie ich merke, als ich der Aufforderung folge, mich mit dem Rücken dagegenzusetzen.

Klangtherapeut
Das zweite Instrument ist der Blickfang in der klangtherapeutischen Praxis, die Rudolf Fritsche vor Kurzem im Zentrum von Wattwil eröffnete: ein Gong. Doch muss man zu diesem schweren, an Eisenseilen hängenden Teil treten und es berühren, damit man es glaubt: Dieser Gong ist aus Stein. Wieder ein Unikat aus der Werkstatt eines gewissenhaften Handwerkers, der sich in der Zwischenzeit zum Klangtherapeuten im KLTS (Berufsverband der Klangtheraputen Schweiz) ausbilden liess. Über seine Arbeit sagt er: «Klangtherapeuten sind keine Heiler. Wir bieten dem Klienten eine Möglichkeit an, um seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren.»
Wenn man die archaische Wucht des Materials sieht, das bei diesen Instrumenten zum Klingen gebracht wird, ist man zunächst einmal überrascht, was für einen feinen Ton es da zu hören gibt. Laut spielen geht auch, doch selbst dann bleibt der Ton subtil, rein und anheimelnd. Irgendwie vertraut. Als gäbe es eine Zeit in der Entwicklung von uns Menschen, da hätten wir in Höhlen nahe von diesem Stein geträumt. Nun klingt der Stein uns die Träume der Vorzeit zurück, und dabei wird etwas rund.
Keine computergesteuerte Klangmaschine und kein Instrument aus Metall wird das je für uns leisten können. Den Erkenntnissen von Rudolf Fritsche gemäss hat das mit dem Material zu tun. Der Stein versorge uns mit obertonreichen Urtönen, während wir es bei Instrumenten aus Metall stets mit dem Klang von Legierungen zu tun hätten. Auch der Stein brauche nach der Bearbeitung seine Zeit, bis er sich auf der Molekularebene vom Zersägen und Schleifen erholt habe. Ein halbes Jahr hat der Steinmusiker ein neues Instrument aus seiner Werkstatt einzuspielen. Dann gewährt es einen Klang, als sei es frei von menschlicher Einwirkung direkt aus dem Boden zu uns gekommen: warm, satt, berührend wie ein Stein. Heimatklänge von Mutter Erde.

www.steinklang.ch


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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