Meerjungfrau fliegt
Unglaublich, poetisch, verspielt – das alles bringt der russische Film Rusalka/Mermaid in unsere korrekte Kinolandschaft.
Von Claude Jaermann
Es kommt selten vor, dass eher trockene Kulturjournalisten beim Betrachten eines Films laut schmunzeln oder in ein Lachen verfallen. So geschehen bei der sogenannten Pressevisionierung, wo die hiesigen Medienvertreter einen Film lange vor der Premiere sichten dürfen, um ihn dann den Lesern vorstellen zu können. Der Reaktion der Pressezunft nach zu urteilen, werden sie Rusalka/Mermaid wohlwollend anpreisen. Und dies zu mehr als recht! Denn was uns die russische Drehbuchautorin und Regisseurin Anna Melikian vorsetzt, hat das Zeug, die unvergessliche Amélie eben doch ein wenig vergessen zu lassen.
Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Alisa, das die Nase voll hat vom Provinzleben und von einem Tag auf den anderen aufhört zu sprechen. In die Sonderschule gesteckt, entdeckt die Vife, dass sich ihre Wünsche auf magische, wenn auch nicht immer so gedachte Weise erfüllen. Natürlich will sie weg aus dem Dorf. Dass dabei aber gleich das ganze Dorf am Meer weggeblasen wird, das wollte Klein Alisa dann doch nicht.
Grossstadtmärchen
So landet sie mit Mutter und Grossmutter dort, wo es offensichtlich heimatlose Russen hintreibt – ins boomende, lärmige Moskau. Die quirlige Meerjungfrau Alisa, mittlerweile achtzehn Jahre alt und umwerfend dargestellt von Masha Shalaeva, rettet einen lebensmüden reichen Geschäftsmann vor dem Ertrinken und findet in ihm ihren Märchenprinzen. «In Russland sind Märchen immer wichtig, weil die Russen in ihrer Natur etwas Romantisches und Kindisches haben», erzählt die Regisseurin. Ihre Bildsprache ist dabei oft skurril, schräg und voller Bildwitz, den man leider viel zu selten auf Leinwänden zu sehen bekommt. Die Figuren, die Alisa begegnen, sind dabei nicht minder speziell und eigenartig, und so taucht der Betrachter in einen ganzen Bilderbuchbogen voller Mond, Meerjungfrauen, Prinzen und magischen Wünschen.
Für Regisseurin Anna Melikian hatte das ganze Projekt denn auch etwas Märchenhaftes, Magisches. Auf die Frage, wie die Hauptdarstellerin zum Filmprojekt gestossen ist, meint sie: Masha Shalaeva stiess nicht zu diesem Projekt, sondern dieses Projekt entstand vielmehr, weil die wundervolle, verblüffende Masha irgendwo auf den Strassen dieser grossen Stadt herumläuft. Sie hat noch gar nicht realisiert, wie grossartig sie ist, aber ich weiss es, und zwar schon lange. Es gab nur zuvor keine passenden Rollen für sie, die ihr Talent für alle sichtbar freigelegt hätten. Und weil wundervolle Dinge geteilt werden sollten, beschloss ich, nicht länger zuzuwarten und extra eine Geschichte für sie zu schreiben. So ist Rusalka entstanden.»
Ausgezeichnet
Kein Wunder, dass Rusalka/Mermaid an Filmfestivals aufgefallen ist und auch den einen oder anderen Preis eingeheimst hat. Anna Malikian erhielt am Sundance Film Festival den Preis für die beste Regiearbeit, Masha Shalaeva wurde am Sochi Film Festival als beste Schauspielerin ausgzeichnet und der ganze Film erhielt an der Berlinale den Preis der internationalen Filmkritik.
Auch wenn es im Film kein Happy End gibt, verlässt man den Kinosaal leicht und beschwingt und freut sich, dass immer mal wieder solche Perlen an den Strand gespült werden.
Rusalka/Mermaid
ab Mitte Juni im Kino
