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Nr. 88 Sommer 2008
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Das spirituelle Gehirn
Epileptiker brachten Forscher auf eine Fährte nach dem «Gottespunkt» im Hirn. Heute werden die Hirnströme von Meditierenden gemessen. Dabei bestätigt sich, was Yogis und Mystiker seit Langem intuitiv wissen: Meditation bringt Zufriedenheit und Glück.
Von Martin Frischknecht

Hätte man einen Gläubigen vor hundert, zweihundert Jahren danach befragt, wo Gott wohnt, hätte der wohl nicht lange gezögert und nach oben gewiesen. Seitdem der Mensch mit Flugzeugen den Himmel stürmt und mit Raketen das All erobert, ist die Vorstellung vom Allmächtigen in «himmlischen Höhn» ins Wanken geraten. Der aufgeklärte Gläubige weiss sozusagen nicht mehr, wohin er sich wenden soll, um Ihn zu finden.
Vor diesem Hintergrund sind in den Neurowissenschaften im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte Einsichten gewonnen worden, die in eine ganz andere Richtung weisen.
Hinweise darauf, in welchen Hirnarealen die Neuronen feuern, wenn der Mensch spirituell auf Touren kommt, gibt es schon lange. Ein Klassiker nicht nur der Literatur-, sondern auch der Medizingeschichte ist Fjodor Dostojewski. In seinem Roman Der Idiot bekannte der Schriftsteller aus eigener Erfahrung: «Ich habe Gott wahrhaft berührt. Er ist über mich gekommen, in mich, und ich schluchzte: ‘Fürwahr, Gott existiert’. An etwas Weiteres erinnere ich mich nicht. Ihr gesunden Leute könnt euch das Glück nicht vorstellen, das wir Epileptiker empfinden in jener Sekunde, bevor ein Anfall uns überkommt.» Der grosse russische Erzähler des 19. Jahrhunderts ist bei Weitem nicht der einzige «Fallsüchtige», der glaubhaft versichert, vor oder während des krankhaften Neuronengewitters im Hirn, tief greifende spirituelle Erfahrungen gemacht zu haben.

Epileptiker und Propheten
Seit rund hundert Jahren ist bekannt, wie es zur häufigsten Form der Epilepsie kommt und wo im Hirn sich das krankmachende Geschehen abspielt. Auslöser der Anfälle sind sklerotische Verwachsungen des Schläfenlappens, oft lokalisiert im Bereich des Hippocampus. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dieser Gehirnbereich vom kanadischen Neurochirurgen Wilder Penfield während Operationen gezielt stimuliert. Da Gehirnoperationen bei vollem Bewusstsein durchgeführt werden können, ist es Patienten möglich, unmittelbar Auskunft zu geben über das, was die Elektrostimulation bei ihnen auslöst. Auffällig viele der von Penfield Untersuchten berichteten von verblüffend exakten Erinnerungen an früher Erlebtes, von Déja-vus und ausserkörperlichen Erfahrungen. Wurden der tiefer liegende Hippocampus und die Amygdalia stimuliert, erlebten viele der Untersuchten ein erfüllendes Gefühl tiefer Sinnhaftigkeit, eine kosmische Verbundenheit, und nicht wenige begegneten Gott.
Einmal kitzeln im Hirn – und schon ist Er da? Es kommt noch wilder. Selbstverständlich liessen es sich die Neurologen nicht nehmen, die religiöse Literatur auf Hinweise zu durchforsten. Und siehe! Der alttestamentarische Prophet Ezechiel hat alle Züge eines Konvertiten, der durch epileptische Schübe zu Gott fand. Die folgenreiche Konversion des Saulus zum Apostel Paulus erscheint, als Krankengeschichte eines Epileptikers gelesen, mit einem Mal folgerichtig, und selbst jene göttlichen Visionen, die im Mittelalter ein unauffälliges Bauernmädchen dazu brachten, sich als Jean d’Arc an die Spitze eines Heers von Aufständischen zu stellen, scheinen als Symptome einer von himmlischen Schüben begleiteten Krankheit erklärbar.

Wo Gott hockt
Aufgrund zahlreicher Untersuchungen und zunehmend präziserer Methoden der Beobachtung der Vorgänge im Gehirn glaubt man in der Neurowissenschaft heute zu wissen, wo «Gott hockt». Einen deutlichen Hinweis lieferte vor 600 Jahren bereits der anatomisch geschulte Renaissance-Künstler Michelangelo im Deckenfresko der Sixtinischen Kappelle. Achtet man bei der zentralen Szene mal nicht auf die Übertragung des Lebensfunkens zwischen Gott und Adam, sondern auf das wolkige Gebilde, in dem Gott mit Gefährtinnen liegt, so lässt sich unschwer erkennen, dass dieses Gebilde in seinem Umriss auffällig der Form des menschlichen Hirns gleicht, Und Gott, der strahlende Muskelmann im lila Hemd, liegt dort, wo in unserem Hirn der Schädellappen liegt.
Wer das nicht glauben kann oder nicht glauben darf, der verfüge sich doch bitte ins Labor von Professor Michael Persinger. Der zeichnete 1983 das EEG einer Probandin auf, die während eines Versuchs mehr oder weniger zufällig zwanzig Sekunden lang einen epileptischen Schub durchmachte. Danach berichtete sie dem kanadischen Neurologen, sie sei während des Anfalls erfüllt gewesen vom Geist, und Gott sei bei ihr gewesen. Das EEG dieser Session verzeichnete eine markante Unregelmässigkeit in der Funktion des rechten Schläfenlappens. Michael Persinger machte sich an die Arbeit. Er konstruierte eine Kappe, mit deren Hilfe sich die entsprechenden Hirnareale elektronisch stimulieren lässt. Nachdem sich in Persingers Labor Tausende von Versuchspersonen dieses Ding aufgesetzt haben und viele übereinstimmend «von der Gegenwart einer Präsenz» berichteten, gilt die Kappe als «Gottes-Helm» (vergl. SPUREN Nr. 55).
Allerdings ist die Bedeutung dieses Geräts durch eine Doppelblindstudie später in Zweifel gezogen worden. Die Kontroverse um Michael Persingers Gottes-Helm erinnert an die Diskussion, ob sich durch psychoaktive Substanzen eine Gotteserfahrung herbeiführen lasse. Bei einigen ist das so, bei anderen nicht. Doch viele, die auf ihrem Trip einen mystischen Durchbruch erfahren haben, verlegen sich darauf, die Substanz als allein selig machendes Manna zu propagieren.
In den Neurowissenschaften hat man sich mittlerweile auf eine andere Vorgehensweise verlegt. Heute werden jene untersucht, von denen man annimmt, dass sie sich sozusagen von Berufes wegen in mystischen Dingen auskennen. Nonnen und Mönche blicken oft auf eine jahrzehntelange Praxis der Meditation zurück. Unabhängig davon, zu welchem Zeitalter oder in welcher Tradition die Versenkungsübungen durchgeführt werden, berichten die Praktizierenden von ähnlichen Phänomenen. In der Meditation erfährt der Mensch einen tiefen Frieden und schaut die Einheit allen Seins, eine Erfahrung, die zuweilen derart nachhaltig beeindruckt, dass einer sein ganzes Leben darauf ausrichtet.

Mönche in der Röhre
So geschah es Matthieu Ricard. Im Alter von 26 Jahren hatte der Franzose am berühmten Institut Pasteur seine Studien in Molekularbiologie mit dem Doktortitel abgeschlossen. Doch statt sich einer weiteren akademischen Laufbahn zu verschreiben, reiste er in den Himalaya und widmete sich der Meditation unter Anleitung tibetischer Buddhisten. Heute ist Ricard selber ein Lama, blickt auf dreissig Jahr spirituelle Praxis zurück und zählt als Berater und Fotograf zum engsten Kreis des Dalai Lama. Als dieser 1992 im Gefolge einer Konferenz über Wissenschaft und Spiritualität in Dharamsala vom amerikanischen Emotionsforscher Richard Davidson angefragt wurde, für eine Untersuchung erfahrene Meditierende zu delegieren, brauchte das Oberhaupt der Exiltibeter nicht lange zu überlegen. Seine Wahl fiel auf Matthieu Ricard. Und so kam es, dass der französisch-tibetische Mönch bald darauf in Davidsons Labor an der Universität von Madison, Wisconsin, vor der Aufgabe stand, sich in den ihm vertrauten meditativen Zustand des «vorbehaltlosen Mitgefühls» zu versetzen – und dann ab mit ihm in die Röhre der funktionellen Magnetresonanztomografie.
Die Bilder, welche das Gerät von der Gehirntätigkeit Matthieu Ricards und sieben weiterer Mönche lieferte, waren höchst aufschlussreich. Während der Meditation kam es zu einem erheblichen Zuwachs an Gammawellen, jener Hirnströme im Bereich von über dreissig Hertz, die charakteristisch sind für Synchronisation und kognitive Höchstleistungen des Denkapparats. Besonders aktiv war bei den Meditierenden der linke Frontallappen, was auf ein hohes Mass an Konzentration, verbunden mit positiven Gefühlen wie Zuneigung und Mitgefühl, schliessen lässt, während die Tätigkeit jenes Hirnareals zurückging, welches Informationen der Sinne verarbeitet, die der räumlichen Orientierung dienen. Damit konnte sichtbar gemacht werden, was Meditierende seit Jahrtausenden erfahren und beschreiben: Geistig hellwach und gesammelt, jenseits von Raum und Zeit, erfahren sie sich als vereinigt mit einem umfassenden Bewusstsein.
Die Zunahme der Gammawellen brachte die Forscher auf die Spur einer Entdeckung, die sich als bahnbrechend erweisen sollte. Klugerweise war in die Untersuchung eine Kontrollgruppe von Menschen einbezogen worden, die wenige Tage zuvor erst mit dem beim Versuch angewandten Verfahren der Meditation vertraut gemacht worden waren. Auch bei einem Teil dieser Testpersonen zeigte sich eine Zunahme der Gammawellen, doch sobald diese die Übung einstellten, war auch der Zuwachs dahin. Ganz anders bei den «Meditations-Profis»: Deren Gammawellen blieben auch nach Abbruch der Meditation auf exorbitant hohem Niveau, was darauf schliessen lässt, dass hier für einmal die Verheissung einer Religion mit deren Wirklichkeit übereinstimmt, hatten die Mönche während ihrer jahrzehntelangen Meditationspraxis doch offenkundig die Werte Güte und Mitgefühl verinnerlicht.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 88


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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