Der letzte Lacher
Ajahn Brahm ist ein buddhistischer Lehrer der neuen Generation: Modern, vielseitig und witzig vermittelt er zeitlose Weisheit.
Von Vivek
Dieser Mönch hat eine Sprache gefunden, mit der er die Welt für seine Sache gewinnen kann. Es ist die Sprache des Humors, des Witzes, der Selbstironie, der Geschichten ganz allgemein, und er beherrscht diese Sprache sowohl schriftlich als auch mündlich perfekt. Führt Ajahn Brahm etwa in die Hinter- und Abgründe der Einsamkeit, so beginnt er mit einem Witz: Drei Menschen, die ein Tsunami auf eine einsame Insel spülte, haben je einen Wunsch offen. Geht er auf den Sinn der Ehe ein, schildert er eine Allegorie über Speck und Ei. Der britische Mönch macht seine Sache so gut, dass ihm unlängst eine Stelle als Komiker angeboten wurde. «Wo haben Sie nur das tolle Material her?», soll ihn der Direktor eines Comedy Clubs namens «der letzte Lacher» gefragt haben.
Der 47-Jährige kann ganz einfach deshalb aus dem Vollen schöpfen, weil er unterschiedliche Leben geführt hat: eines als Londoner Stadtjunge, eines als Student der theoretischen Physik in Cambridge und eines als Mönch in einem thailändischen Waldkloster unter der Führung des ehrwürdigen Meisters Ajahn Chah.
Heute ist Brahm selber Abt eines Klosters in der Nähe von Perth sowie spiritueller Leiter der buddhistischen Gesellschaft Westaustraliens (BSWA), der grössten buddhistischen Gemeinde des fünften Kontinents.
Der neue Star
Ajahn Brahm hat bereits drei Bücher geschrieben. Eines davon enthält 108 Geschichten über den Weg zum Glück und wurde zu einem internationalen Bestseller. Der Mönch hält zudem jeweils freitagabends eine Rede: Dank der Video-Website «YouTube» findet dieser «Dharma-Talk» durchschnittlich 25000 Zuhörerinnen und Zuhörer. Kurz: Brahm ist ein neuer Star der Szene.
Trotz dessen Affinität zu modernen Kommunikationsmitteln muss man zu Feder und Papier greifen, um mit Ajahn Brahm in direkten Kontakt zu kommen. Seine Antworten auf einfache Fragen sind so witzig und tiefgründig zugleich, dass wir sie an dieser Stelle gerne unzensiert abdrucken:
Wenn Sie den Mönch Ajahn Brahm anhand einer Kurzgeschichte erklären müssten, welche Geschichte würden Sie erzählen?
Ajahn Brahm begann dieses Leben als gewöhnlicher Peter Betts in einem armen Viertel von London. Er war hart, aggressiv und verlangte dem Leben viel ab, genau wie alle andern auch. Dann, eines Tages, stiess er in einer Buchhandlung in London auf eine alte Karte zu einem geheimen Schatz, die einige Jahrtausende zuvor von einem Kerl namens Buddha angefertigt worden war. Er folgte dieser Schatzkarte, und so wurde er freundlich, mitfühlend und zufrieden. Der Schatz, den er gefunden hatte, war so gross, dass er versuchte, seinen Freunden etwas davon abzugeben, aber die meisten erkannten den Wert des Schatzes nicht. Einige erkannten ihn, und das machte Brahm sogar zu einem noch glücklicheren Mönch.
Welches ist Ihre Lieblingsgeschichte in Ihrem Buch Die Kuh, die weinte?
Meine Lieblingsgeschichte ist die mit dem Wurm und dessen wunderschönem Misthaufen – weil sie die tiefgründigste ist. (Die Geschichte handelt von zwei befreundeten Mönchen, die sterben und wiedergeboren werden. Der eine wird ein «Deva», ein göttliches Wesen in einer himmlischen Welt. Der andere lebt als Wurm in einem Misthaufen. Der Deva findet seinen Freund erst nach langer Suche und will ihn dann mit Hilfe seiner besonderen Kräfte verwandeln und mit nach Hause nehmen. Doch der Wurm glaubt nicht, dass es himmlische Welten gibt; ganz abgesehen davon hängt er zu sehr an seinem Misthaufen und verkriecht sich noch tiefer hinein.)
Gibt es einen Grund, warum Sie gerne Geschichten erzählen?
Ich erzähle gerne Geschichten, weil sie näher am wirklichen Leben sind als alles andere. Das Leben ist im Grunde nichts anderes als eine Serie von Geschichten – und nicht etwa von Ereignissen –, die sich mit den Geschichten anderer Menschen verweben und oft kein Ende haben.
Was ist ein Witz?
Ein Witz deckt tiefe Wahrheiten über die Natur des Lebens und die Dummheit des Menschseins auf. Es ist auch der einzige Weg, wie ich meinen Schülern sagen kann, dass sie eine Dummheit getan haben, ohne sie gleich in Aufruhr zu versetzen.
Warum mögen Sie es, Witze zu erzählen?
Ich erzähle deshalb Witze, weil eine Person den Mund öffnet, wenn sie lacht. Und dann kann ich ganz einfach eine Dharma-Pille hineinwerfen!
Was geschieht in der Welt, jetzt?
Nichts geschieht jetzt, und das ist auch der Grund, weshalb das Jetzt ein so cooler und ruhiger Ort ist. Probleme, Wut und Sorgen geschehen in der Vergangenheit beziehungsweise in der Zukunft. Und deshalb öden diese Orte auch so an.
Wer ist frei?
Derjenige, der überall zufrieden ist, was immer auch geschieht, der ist frei.
Sind Sie frei?
Ich bin frei. Wo immer ich hingehe, um zu lehren oder zu dienen, verlange ich nie ein Honorar. Also bin ich frei!
Ajahn Brahm: Die Kuh, die weinte. 2006, 239 Seiten, Fr. 27.50.
Im stillen Meer des Glücks. 2007, 383 Seiten, Fr. 35.–.
Vögel fliegen ohne Koffer. 2009, 173 Seiten, Fr. 23.90.
Alle Bücher sind im Lotos Verlag, München, erschienen.
Besser als Sex
Ajahn Brahm wird Ende Oktober zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum ein Meditationsretreat veranstalten. Was kann man erwarten? Seine Antwort: «Von einem Retreat mit Ajahn Brahm darf man vor allem eines erwarten: keine Erwartungen! Der Anlass wird gütig sein und sanft, und er wird die Teilnehmenden ermutigen, alle Erwartungen und Wünsche loszulassen. Wer sich an die Instruktionen hält, kann eine Glückseligkeit erleben, die besser ist als Sex.»
Pagoda Phat Hue, Frankfurt a. M., 24.–26.10.2008
www.phathue.de
