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Nr. 89 Herbst 2008
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Die unbändige Seele
Die zeitlose Botschaft der Spiritualität, begeisternd, klar, überzeugend.
 

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Kuscheln!
Kuscheln ja, aber auf Knopfdruck und mit fremden Personen: Geht das überhaupt? Körpertherapeut Werner Baumann lädt Männer und Frauen ein zu spielerischer Nähe.
Von Silvia Weder

Mulmig ist mir zumute, als ich mich anmelde für diesen Kuschelabend. Was mich wohl da erwartet? Voller Unbehagen treffe ich im «Sonnenraum» ein. Das warme, herzliche Willkommen von Werner, unserem Abendbegleiter, gibt mir vorerst etwas Mut … Einige Teilnehmer stehen unschlüssig herum und begutachten die Neuankömmlinge. Diese Situation hasse ich. Ich fühle mich total ausgestellt und spüre die Anspannung, die im Raum herrscht, fast körperlich. «Hoffentlich kommt das gut!», bange ich für mich und bin erst erlöst, als wir beginnen können.
Im Kreis stellen wir uns vor: Zehn Leute sind wir, Männer und Frauen zwischen dreissig und sechzig Jahren mit den verschiedensten Beweggründen, heute hier teilzunehmen. Peters Situation berührt mich: Er ist pensioniert und hat kaum die Möglichkeit für Berührungen, doch die braucht er, um sich gut zu fühlen. Reto hat bereits eine Ausbildung als Kuschelleiter absolviert und besucht öfter solche Abende. Er geniesst es, sich so vom Alltag lösen zu können. Wieder andere sind, so wie ich, zum ersten Mal mit von der Partie.

Spielregeln
Werner teilt uns klar und deutlich die Spielregeln mit: Kleider anbehalten, keine sexuellen Handlungen und ganz klar ein «Nein» akzeptieren. Diese Grenzen geben mir die Sicherheit, mich aufs Berühren einzulassen.
Zur Musik bewegend, dehnend und schüttelnd, sollen wir nun den Alltag loslassen.
Ich beobachte und versuche zu spüren, wer mir sympathisch ist und mit wem ich mich auf Berührungen für die anschliessenden Paarübungen am liebsten einlassen möchte. Ungezwungen, mit geschlossenen Augen und wechselnden Partnern kommen wir uns näher. Sanfte Hände berühren meine Schultern, die sich steinhart und verkrampft anfühlen. «Ich trage zu viel auf den Schultern …», denke ich. Seltsam, dass ich das erst jetzt merke, wo sympathische Hände mich streicheln.
Am eindrücklichsten für mich ist die «Rücken-an-Rücken»-Übung, bei der wir mit geschlossenen Augen unsere Rücken erfühlen, ohne zu wissen, wessen Rücken es ist. Nach einer Weile rutschen wir nach links und erleben weitere Rückenkontakte.
Eine Begegnung ist so unangenehm! Ein Rücken wie ein hartes Brett! Ich bin heilfroh, als endlich gewechselt wird. Es war kaum zum Aushalten, und ich wäre am liebsten ausgetreten, getraute mich aber nicht …Urkraft
Nach der Pause dürfen wir in die Mitte gehen, wenn wir bereit sind: Wir nähern uns achtsam, begegnen uns auf den Matten liegend wieder: entspannt, haltend, umarmend, berührend. Die angenehme Energie in der Gruppe lässt mich eintauchen und geniessen. Da ist pulsierende Urenergie, ein Urvertrauen, das ich schon lange nicht mehr gespürt habe, und es tut mir wohl bis in die Seele.
In einer Schlussrunde besprechen wir unsere Erlebnisse. Die meisten fühlen sich ausgeruht, konnten loslassen und sich besser spüren.
Peter und Martina haben Tiefgreifendes erlebt. Einige mögen sich nicht äussern, wollen in sich nachspüren. Ueli kann noch gar nicht wahrhaben, was passiert ist. Die Nähe war ihm zu viel, mehr kann und will er nicht sagen, doch sein gequälter Ausdruck zeigt mir, dass er wohl Zeit und vielleicht auch professionelle Hilfe brauchen wird, um das Erlebte zu verarbeiten. Ich für mich denke, dass eine solche Erfahrung für manche stärkend wirken kann, es können aber auch unbewusste Konflikte an die Oberfläche kommen, was nicht nur harmlos ist. Mir persönlich ist spontanes, zärtliches Kuscheln auf dem Sofa mit meinem Sohn oder mit meinen Katzen lieber. Das ist für mich echte Zuwendung und gibt mir mehr Befriedigung als ein organisierter Kuschelabend.

Info: Werner Baumann, Kanzleistr.63, 8004 Zürich, Tel. 044 242 77 74
www.bodyelectric.ch


Autor: Silvia Weder | Profil
Seitenaufrufe: 1762 - Kommentare: 3
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Kommentare:

Habe bisher noch keine Erfahrungen mit Kuschelgruppen. Trotzdem erlaube ich mir folgende Bemerkung:

Grundsätzlich habe ich nichts gegen spontanes Kuscheln mit den eigenen Kindern, jedoch in diesem Zusammenhang frag ich mich beim Satz "Mir persönlich ist spontanes, zärtliches Kuscheln auf dem Sofa mit meinem Sohn oder mit meinen Katzen lieber." in wie fern der Sohn (egal wie alt) als Partnerersatz missbraucht wird und das im interessanten Artikel beschrieben Kuscheln in der Gruppe nicht die ehrlichere Variante wäre...

Leider ist in unserer Gesellschaft das Bewusstsein, dass dies eine Missbrauchsituation sein könnte zu wenig vorhanden! Ich hoffe mit diesem Feedback erste Spuren zu legen, dies zu ändern...

Beitrag von: fischma am 02.10.2008 | 22:07

Ich halte die heutige Aufmerksamkeit der Gesellschaft gegenüber Missbrauchssituationen für richtig. Allerdings scheint mir manchmal das Ganze arte aus in eine Art von Hysterie.
Wenn ich mit meiner Katze kuschle - ist das Sodomie? Wenn ich mein Kind herze - missbrauche ich es? Geht uns das natürliche Empfinden denn total verloren?
Ich fürchte mich vor einer kalten Welt in der jegliche Berührung mit Skepsis und Misstrauen in die Missbrauchs-Schublade gesteckt wird,und distanzierte Analyse wichtiger wird, als echte Wärme. Traurig.
LUNA

Beitrag von: Eva am 06.10.2008 | 18:58

Eine Kuschelabend sehe ich eher eher als Körperkontakt unter Erwachenen - denke nicht dass jemand auf die Idee käme seine Kinder dorthin mitzunehmen. Denke da stimmt mir auch Luna bei.

Andererseits sollten Kinder nicht dann als Ersatz herhalten - nur weil dies gesellschaftlich akzeptiert ist.

Ich kuschle oft und gerne mit meinen Kindern, versuche aber aufmerksam zu sein, ab wann ich mir bei den Kinder etwas "hole" was eigentlich zu meinem Partner gehört, denn dort fängt meiner Ansicht nach der Missbrauch an.

Beitrag von: fischma am 06.10.2008 | 20:21

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