Dechen Shak-Dagsay: Om der Umarmung
Wenn sie auf der Bühne steht und singt, trägt sie eine tibetische Tracht und ist ganz nach innen gekehrt: Dechen Shak-Dagsay. Mit einem Solidaritätskonzert für die Erdbebenopfer in China bewies die Mantra-Sängerin kürzlich, dass sie lebt, was sie besingt: Mitgefühl, Frieden und Liebe.
Von Martin Frischknecht
Im Frühling 2008, als in Tibet Mönche zusammen mit dem Volk auf die Strasse gingen und für Freiheit und Menschenrechte demonstrierten, gab sie in einer Kirche in Luzern ein Solidaritätskonzert für das tibetische Volk. Ein starker Anlass, der ein Zeichen setzte. Als im Osten Chinas die Erde bebte, ganze Städte in sich zusammenfielen und Tausende ihr Leben verloren, entschloss sie sich zu einem zweiten Solidaritätskonzert, diesmal zu Gunsten der Erdbebenopfer in China. Das Konzert fand am Rande des Euro-08-Rummels statt in einer Kirche in Zürich. Ein überzeugender Anlass. Dechen Shak-Dagsay hat damit auf eindrückliche Weise bewiesen, dass sie meint, was sie singt: Frieden, Versöhnung, Mitgefühl und Liebe.
Wir besuchten die mit einem tibetischen Arzt verheiratete Mutter von zwei Töchtern in ihrem Heim hoch über dem Zürichsee.
Am Anfang hatte sie nur ihr Stimme. Damit stellte sie sich vors Publikum und sang heilige Laute. Bei den Mantras handelt es sich um klassische Gebetsformeln aus dem tibetischen Buddhismus, wie sie sie aus dem Mund ihres Vater Lama Dagsay Rinpoche von Kindsbeinen an im Ohr hatte. Die Melodien sind von ihr. Sie denkt aber nicht, dass der Erfolg damit zu tun hat. Für weit wichtiger hält sie die innere Haltung, mit der sie singt. Jeden Ton begleite sie mit starken positiven Gedanken. Sie singe im Gefühl einer Mutter, die ihr Kind umarmt. Es gehe darum, geborgen zu sein, um eine Qualität, die im Westen heute so schmerzlich vermisst werde.
SPUREN: Da braucht man ja nicht allzu weit zu suchen und stösst auf deine Mutter. Sie war massgeblich daran beteiligt, dass du den Mut fandest, vor die Leute zu stehen und Mantren zu singen.
Dechen Shak-Dagsay: Absolut. Sie wünschte sich das für einen wohltätigen Anlass, bei dem für ein Spitalprojekt von ihr und meinem Vater Spenden gesammelt wurden. Ich schlug die Bitte zunächst ab, denn ich konnte mir nicht vorstellen, alleine vor die Leute zu stehen und zu singen. Doch meine Mutter konnte recht fordernd sind, und sie wollte es so sehr, dass ich mich ihrem Wunsch kaum versagen konnte. Sie war eben davon überzeugt, dass ich das kann, und so hat sie mich gewissermassen zu meinem Glück gezwungen. So stand ich denn in Zug in einer Kirche und sang zum ersten Mal die Mantren. Zum Glück gab es ein Mikrofon, an dem ich mich festhalten konnte. Die Rückmeldungen der Zuhörer waren derart positiv, dass ich ganz einfach weitermachen musste.
Daraus entstand deine erste CD Dewa Che, die auf Anhieb sehr gut ankam.
Es zeigte sich, dass die Menschen von diesen Klängen berührt waren und sie bei ihnen viel auslösten. Ich kann mir den Erfolg nur dadurch erklären, dass diese Mantren eben tatsächlich eine ganz spezielle Kraft in sich tragen, welche die Menschen erreicht. Selbst auf Tiere sollen diese Mantren ihre Wirkung entfalten. Das zumindest berichtete mir eine Frau von ihrem Hund, der sich jeweils ganz beruhigt vor den CD-Spieler lege, wenn Dewa Che laufe.
Du bist als kleine Tibeterin in die Schweiz gekommen und hier aufgewachsen mit einem hohen buddhistischen Lama als Vater. Hast du an deiner Zugehörigkeit nie gezweifelt?
Nein, eigentlich nicht. Ich fühle mich in diesem Glauben aufgehoben. Wenn ich die buddhistische Lehre vernehme, geht mir das Herz auf, und ich fühle mich geborgen. Selbstverständlich gibt es daneben auch Dinge, an denen ich mich stosse, mit denen ich nicht einverstanden bin, aber das hat damit zu tun, dass wie in anderen Religionen beim tibetischen Buddhismus auch nicht alle spirituellen Meister unfehlbar sind. Es ist wichtig, dass die Schüler stets achtsam sind und nicht blind einem Lehrer folgen.
Man hat sich im Westen vom tibetischen Buddhismus lange Zeit richtiggehend bezaubern lassen. Später setzte eine Ernüchterung ein, und manch einer stellte verwundert fest, dass es auch hier Grabenkämpfe gibt zwischen Sekten, die sich teils seit Jahrhunderten in den Haaren liegen.
Das ist nicht von der Hand zu weisen. Doch Seine Heiligkeit der Dalai Lama selber hat immer wieder dazu aufgefordert, dass wir uns persönlich mit der Essenz von Buddhas Lehre verbinden, auf dass wir uns nicht in dem verlieren, was im Verlaufe der Zeit an schmückendem Beiwerk dazugekommen ist.
Was heisst das für dich praktisch? Was ist das Grundlegende und Allerwichtigste für dich?
Wo steckt die Ursache des Leidens? Die lässt sich finden im Ich-Gefühl. In unserer starken Überzeugung, dass es so etwas dieses Ich überhaupt gibt, erzeugen wir das Mein, und aus Mein ensteht Unser. Zu allem, was sich gegen dieses Ich und gegen das Mein und Unser stellt, entwickeln wir negative Gefühle. Buddhas Lehre hilft uns auf spannende Weise, das Ich zu analysieren und festzustellen, dass dieses Ich nicht wirklich so existiert, wie es sich uns darstellt. Also verändert sich unsere Sichtweise in Bezug auf das Ich-Gefühl. Das lässt uns viel entspannter werden und hilft uns dabei, einen klaren Geist und ein offenes Herz zu entwickeln.
Du bist heute ein Star. Dieser Status ist dem Ich-Gefühl ja nicht gerade abträglich …
(lacht herzlich) Auch diese Herausforderung verstehe ich als Teil meines Weges. Tatsächlich bin ich in hohem Mass gefordert, mich immer wieder zu fragen, wo ich stehe und wohin ich will, was für mich wichtig ist und was nicht. Dabei ist mir die buddhistische Lehre von unschätzbarem Wert.
Offensichtlich ist es mir möglich, bei den Zuhörern viel auszulösen und zu bewirken. Darin liegt für mich eine grosse Verantwortung. Ich möchte meinen Status positiv nutzen, denn meine Bekanntheit erlaubt mir, dass ein Anliegen von mir in der Öffentlichkeit eine gesteigerte Beachtung findet. Jeder Augenblick, in dem ich bei einem Konzert einen Menschen glücklich mache, sammle ich enorm viel karmische Verdienste an (lacht). Das heisst, im Grunde handle ich sehr eigennützig. Es kommt eben darauf an, dass wir auf kluge Weise eigennützig handeln.
Du hast ein Solidaritätskonzert für die Erdbebenopfer in China gegeben. Das war ein mutiger Schritt, für viele Tibeter, die eben noch gegen China und dessen Menschenrechtspolitik demonstrierten, aber gewiss nicht leicht nachzuvollziehen.
Ich bin mit dem Konzert auch auf Ablehnung gestossen, doch damit war zu rechnen. Wir Tibeter steckten vor der Olympiade in einer emotional aufgereizten Situation und wollten in der verbleibenden Zeit möglichst viele Chancen nutzen, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen. Das führte teilweise zu Aktionen, von denen ich finde, wir hätten vorsichtiger sein sollen.
Unabhängig davon, was sich ihm entgegenstellt, geht Seine Heiligkeit einen gewaltlosen mittleren Weg, und damit finden wir Tibeter auf der ganzen Welt Unterstützung. Diesem Weg möchte ich Beachtung verschaffen, auch und gerade in Zeiten, in denen in den Medien von Krawallen und Ausschreitungen die Rede ist. Unser Verhandlungspartner in dieser Sache ist China, nicht die Weltöffentlichkeit, die sich mal für dieses, dann für jenes interessieren mag. Wenn China den Dialog abbricht, kann innert weniger Jahre in Tibet Schlimmes geschehen, was einem Aussterben unserer Kultur gleichkäme.
Es zeichnet sich ab, dass China die Kultur zwar erhalten will, aber eben nicht als etwas Lebendiges und Eigenständiges, sondern bloss noch als touristischen Wert, der sich vermarkten lässt.
Ich meine, es müsste für Tibet eine echte Autonomie geben, die es dem tibetischen Volk ermöglicht, die eigenen Angelegenheiten selbständig zu regeln. Wer heute in Tibet nicht sehr gut chinesisch spricht, braucht sich um eine Beamtenstelle schon gar nicht zu bewerben.
Wie ist dein Solidaritätskonzert von den offiziellen Stellen denn aufgenommen worden?
Sehr gut. Es waren mehrere Angehörige des chinesischen Konsulats in Zürich anwesend, und eigentlich war geplant, dass auch der Repräsentant Seiner Heiligkeit vom Tibet Office in Genf dabei gewesen wäre. Dieser Vertreter musste seinen Besuch aber kurzfristig absagen. Die beiden Seiten waren im Voraus darüber verständigt, dass ich sie an diesem Anlass zusammenführen wollte. Es ging darum, sich auf einer menschlichen Ebene näher zu kommen, und ich glaube, das ist an diesem Abend recht gut gelungen.
Damit dir die Glaubwürdigkeit zugesprochen wird, ist es gewiss unabdingbar, dass du «lauteren» Herzens handelst. Das heisst, deine Absichten müssen stimmen. Wie stellst du das für dich sicher? Man hätte von chinesischer Seite ja dagegenhalten können mit dem Argument, du wollest mit dem Solidaritätskonzert deine moralische Überlegenheit demonstrieren und die Chinesen damit zusätzlich ins Unrecht versetzen.
Im Rückblick darf ich feststellen, dass meine Tat so angekommen ist, wie sie gemeint war. Das ist ganz offensichtlich die richtige Antwort auf diese Frage. Doch wie kann ich es im Voraus wissen?
Drei Wochen vor dem Konzert hatte ich die Gelegenheit, in einer Privataudienz Seine Heiligkeit den Dalai Lama zu treffen. Dabei äusserte Er den tiefen Wunsch, in der Schweiz eine tibetisch-chinesische Freundschaftsgruppe ins Leben zu rufen. Es sei ihm ein tiefes Anliegen, dass überall auf der Welt, wo Tibeter und Chinesen lebten, diese in Freundschaft zusammenkämen. Diese Vision hat mich unglaublich berührt. Er erzählte mir, dass er bei einer Belehrung in Kanada mit einer Gruppe von jungen Chinesen konfrontiert worden sei, die zunächst gegen ihn demonstrierten. Er sei auf sie zugegangen und habe mit ihnen das Gespräch gesucht. Nach diesem Gespräch habe eine derart gute Stimmung geherrscht, dass spontan die Bildung einer chinesisch-tibetischen Freundschaftsgruppe beschlossen worden sei. Seine Heiligkeit betonte, es dürfe nie so weit kommen, dass aus dem Tibet-Konflikt eine ethnische Auseinandersetzung zwischen zwei Völkern werde.
Ich glaube, wir Tibeter müssen uns fragen, was wir in Händen haben, um unser Ziel zu erreichen. Wir haben keine materiellen Ressourcen, keine Armee, keinen Stab an wirklich hoch qualifizierten tibetischen Kräften, die sich in Sachen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft mit denen in China messen können. Aber wir haben eine hochstehende Kultur, und wir haben die buddhistische Lehre mit ihrem unglaublichen Potenzial, in der Welt Frieden zu stiften. Das ist ein Schatz, den wir bewahren. Daran müssen wir festhalten, auch wenn es noch Jahrzehnte dauert. Indien hat seine Unabhängigkeit auch nicht von heute auf morgen erlangt. So etwas dauert, und wir müssen den längeren Atem haben.
Das vollständige Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 89.
CD und Konzert
Ihre äusserst erfolgreiche zehnjährige Zusammenarbeit mit dem österreichischen Label Polyglobe und dessen Produzenten Stefan Ackermann hat Dechen Shak-Dagsay in diesem Jahr mit der Veröffentlichung eines Best-of-Albums gekrönt: Spirit of Compassion. Zu hören sind acht Stücke aus vier verschiedenen Alben, Mantras zum Mitsingen. Der Text der Lieder ist im Begleitheft abgedruckt.
Am Samstag, 18. Oktober 2008 gibt Dechen Shak-Dagsay in der Berner Heiliggeist-Kirche gleich beim Hauptbahnhof, ein Konzert. Beginn: 20 Uhr. Informationen und Vorverkauf: Die Quelle, Tel. 031 333 99 09.
www.dechen-shak.com
