Esoterik – die öffentliche Geheimlehre
Wie aus einem jahrtausendealten inneren Kreis des Wissens ein äusserer Kreis des Konsumierens wurde. Ein Rückblick mit Augenzwinkern.
Von Mitra Devi
Vor dreissig Jahren war’s, da hörte ich zum ersten Mal das Wort «Esoterik», und zwar in einem spöttischen Sinn. Eine bis anhin unauffällige Hausfrau im Alter meiner Eltern reiste nach Indien zu verschiedenen Gurus mit Lendentüchern und langen Bärten und machte sich, wie man so sagte, auf die Suche nach sich selbst. «Hoffentlich erschrickt sie nicht, wenn sie sich gefunden hat», sagte meine kleine Schwester, was der Witz des Tages war und lange ein geflügeltes Wort in unserer Familie bleiben sollte.
Die Wurzeln
Doch gehen wir ein bisschen weiter in der Vergangenheit zurück: Der älteste Nachweis des Wortes «esoterisch» findet sich im 2. Jahrhundert nach Christus beim bekannten griechischen Satiriker Lukian von Samosata, der damit Aristoteles’ Lehren als «von innen betrachtet» beschreibt, im Gegensatz zu «exoterisch» – «von aussen betrachtet». Auch die Schüler des Pythagoras werden von späteren Philosophen in zwei Gruppen unterteilt: die exoterischen und die esoterischen, welche einen inneren Kreis bildeten und zusätzliche Lehren empfingen, was mit einer auferlegten Geheimhaltung verbunden war. Krethi und Plethi hatten keinen Zugang zu diesen exquisiten Weisheiten, sondern nur Auserwählte, die sich ihrer würdig erwiesen. Nicht selten schworen sie jeglichen materiellen Aspekten ab, um sich ganz auf ihren geistigen Erkenntnisweg zu begeben.
Motto der damaligen Esoteriker: Wir sind ein elitäres Grüppchen.
Verfolgte Ketzer
Das Mittelalter zeichnete sich durch radikale Verfolgung des Andersartigen aus, was so ziemlich alles betraf, was nicht römisch-katholisch war. Die ab dem 12. Jahrhundert vor allem in Südfrankreich beheimateten Katharer beispielsweise, die unter anderem dem Glauben an die Reinkarnation anhingen, wurden massiv bekämpft. Nur wenige dieser in Askese lebenden «Vollendeten» ihrer Gemeinschaft wurden in die Geheimlehre eingeweiht. Die Katharer bezahlten ihren esoterischen Weg, wie viele andere «Ketzer» auch, mit dem Leben und wurden von der katholischen Kirche restlos ausgerottet. Im Gegenzug dazu entwickelte sich in den christlichen Klöstern eine neue Form der Mystik, deren bekannteste Vertreterin Hildegard von Bingen ist. Im Judentum war es die Kabbala, die zu dieser Zeit eine grosse Bedeutung erlangte, im Islam der Sufismus. Die mittelalterliche Mystik erreichte im 14. Jahrhundert einen Höhepunkt mit dem Dominikaner Meister Eckhart, der mit seinen Aussagen die Inquisition auf den Plan rief.
Motto der damaligen Esoteriker: Sei bereit für den Märtyrertod.
Rosenkreuzer und Freimaurer
In der Renaissance besann man sich auf die Antike und wandte sich wieder der Esoterik zu. 1463 entdeckte ein Mönch in Mazedonien das «Corpus Hermeticum», eine Sammlung religiöser Schriften, die vor Jahrtausenden von Hermes Trismegistos verfasst worden sein sollten, der auf Thot, den ägyptischen Gott der Schrift, Wissenschaft und Magie, zurückgeht. 1614 erschienen mysteriöse Schriften, die für grosses Aufsehen sorgten. Die anonymen Autoren beriefen sich auf Christian Rosencreutz, der hundertfünfzig Jahre zuvor gelebt haben soll, dessen Hinterlassenschaft sie in seinem Grab entdeckt hätten. Nach den Rosenkreuzern wurde 1717 in London die erste Grossloge der Freimaurer gegründet, gegen die Papst Clemens XII. zwanzig Jahre später den Bannfluch aussprach. Der Religionswissenschaftler Antoine Favre nennt die Renaissance den «eigentlichen Ausgangspunkt dessen, was man später als Esoterik bezeichnen sollte», und sieht in der Antike und im Mittelalter lediglich Vorläufer davon.
Motto der damaligen Esoteriker: Aus Alt mach Neu.
Magnetismus und Okkultismus
In der Moderne wurden Elektrizität und Magnetismus zu Themen esoterischer Diskurse. Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer entwickelte im 18. Jahrhundert seine Theorie des «animalischen Magnetismus», mit dessen Energie er Krankheiten heilen wollte. 1777 verurteilte eine kaiserliche Expertenkommission in Wien Mesmers umstrittene Heilmethode als Betrug. Doch das Interesse an seinen Sitzungen, aus denen sich die späteren spiritistischen Séancen entwickeln würden, war bereits geweckt. Eliphas Lévi, der als Begründer des Okkultismus gilt, veröffentlichte 1841 sein Werk La bible de la liberté, was ihm einen Prozess wegen «Aufruf zur Gottlosigkeit» und eine achtmonatige Haftstrafe einbrachte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann man in Trancesitzungen Geister zu befragen, um Auskünfte über das Jenseits zu erhalten. Neu war, dass es dabei nicht nur um die innere Sinnfindung ging, sondern sich damit auch ein gewisser Unterhaltungswert verbinden liess.
Motto der damaligen Esoteriker: Learning by Doing.
Theosophie und Crowley
1885 war ein ereignisreiches Jahr. Eliphas Lévi starb im Mai in Paris; ein paar Monate danach kam Aleister Crowley, den man später als bedeutendsten Magier seiner Zeit bezeichnen sollte, in Leamington Spa, England, zur Welt, was ihn veranlasste, sich für die Reinkarnation Lévis zu halten. In New York wurde die Theosophische Gesellschaft gegründet. Initiator war Henry Steel Olcott, doch bald schon wurde seine Lebensgefährtin Helena Petrovna Blavatsky zur wichtigsten Person der Theosophie. Mit sechsundvierzig Jahren schrieb sie ihren Bestseller Isis entschleiert, der innerhalb von zehn Tagen vergriffen war. Ihr Verdienst war es, die westliche Esoterik mit östlichen spirituellen Lehren zu verbinden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der «Hermetic Order of the Golden Dawn» gegründet, dessen schillerndstes Mitglied Crowley war, der später den «Ordo Templi Orientis» leitete und den Orden «Astrum Argenteum» gründete, welcher sich unter anderem mit Ritualmagie beschäftigte.
Motto der damaligen Esoteriker: Hauptsache ein Orden.
Technik und Krieg
Das 20. Jahrhundert brach an und mit ihm die Entwicklung moderner Technologien und zwei Weltkriege. Die neue Ära brachte aber auch Persönlichkeiten wie Rudolf Steiner hervor, der 1913 seine Anthroposophische Gesellschaft gründete und den hellsichtigen Edgar Cayce, dessen Prophezeiungen und Antworten auf spirituelle Fragen in 14000 Trance-Readings dokumentiert wurden. Menschen, die sich für den esoterischen Weg entschieden, wurden je nach Jahrzehnt als Spinner oder Exzentriker bezeichnet oder landeten in Konzentrationslagern. Nach 1945 hatte der Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Städte oberste Priorität. Wohlstand und Sicherheit waren zur Maxime geworden, die eigenen Kinder sollten es später einmal besser haben.
Motto der damaligen Esoteriker: In dieser schweren Zeit erst recht.
Hippies und Beatles
Dann kamen die 68er. Die Nachkriegsgeneration hatte genug vom materiellen Weltbild ihrer Eltern und suchte nach Tiefe und Sinn im Leben, gern auch mit vernebeltem Kopf. Die Zeit von Sex and Drugs and Rock ‘n’ Roll hatte begonnen. Die Hippies erkifften sich spirituelle Erlebnisse, die Beatles reisten zu Maharishi Mahesh Yogi und sangen abwechslungsweise «Yellow Submarine» und «Om», Jane Roberts channelte das Geistwesen Seth, man wurde zum Vegetarier, Kriegsdienstverweigerer und machte love, not war. Spirituelle Weisheiten waren nicht mehr etwas, was man hinter vorgehaltener Hand flüsterte, sondern stellten einen Teil der Revolution gegen das Establishment dar.
Motto der damaligen Esoteriker: Meditation und Inhalation.
Eso-Boom im Supermarkt
In den Achtzigern wurde die Esoterik kommerzialisiert. Gab es anfangs vereinzelte Insider-Buchläden, die als Geheimtipp weitergegeben wurden, sprangen bald die grossen Ketten auf den wachsenden Boom auf. Spirituelle Kurse schossen wie Pilze aus dem Boden. Esoterische Messen und Kongresse wie «Psi-Tage» und «Lebenskraft» wurden zu Publikumsmagneten. Man las Elisabeth Haichs Einweihung und Thorwald Dethlefsens Schicksal als Chance. Vor der Arbeit legte man noch schnell die Tarotkarten, kaufte im Supermarkt Duftlämpchen, atmete in seine Fussreflexzonen, fand seine Reinkarnationstherapeutin am Anschlagbrett des Bio-Ladens und gab Bestellungen beim Universum auf. Nach Jahrhunderten des Versteckens wurde der innere Weg nach aussen getragen. Nicht mehr rebellisch wie die Hippies, sondern mit Stolz und Selbstbewusstsein.
Motto der damaligen Esoteriker: Let’s eso!
Wa(h)re Esoterik
Im 21. Jahrhundert ist eine Übersättigung esoterischer Angebote auszumachen – was alle tun, kann ja nicht gut sein, sagen sich viele. Zum ersten Mal hat das Wort Esoterik einen schalen Beigeschmack. Was zur Ware verkommen ist, kann aufrichtig Suchende nicht mehr nähren. Es tauchen Bücher auf, die von der «Post-Esoterik» handeln, andere prophezeien einmal mehr ein neues Zeitalter, in dem die Menschheit zum eigentlichen Kern vorstossen werde. Wie geht es also weiter? Besteht die neue Form der Spiritualität darin, in einer esoterisierten Welt echte Perlen zu suchen? Und war das nicht immer schon das Wichtigste? Übrigens: Von der Bekannten meiner Eltern, die Ende der Siebziger nach Indien reiste, habe ich nie mehr etwas gehört. Ich habe keine Ahnung, ob sie wieder zur unauffälligen Hausfrau geworden ist oder ihre Perle gefunden hat. Doch wer weiss: Vielleicht ist gerade eine unauffällige Hausfrau eine gefundene Perle.
Motto der heutigen Esoteriker: Esoterik, nein danke!
