Ruediger Dahlke – Einheit und Polarität
Tai-Chi-Lehrer, Meditationslehrer, Fastenarzt, Deuter von Krankheitsbildern, Erfolgsautor – Ruediger Dahlke lässt sich nicht auf eine Rolle festlegen. Vielseitig, engagiert, hellwach – so erlebten wir den Umtriebigen während einer Seminarpause in Heiden/AR.
Von Martin Frischknecht
SPUREN: In unserer Herbst-Ausgabe haben wir nach einer Definition für «wahre Esoterik» gesucht. Sie sind der deutschsprachige Esoterik-Autor schlechthin und müssten dafür doch eine gute Erklärung haben.
Ruediger Dahlke: Pythagoras hat in seiner Schule zwei Kreise gehabt: Esoteros, den inneren Kreis, und Exoteros, den äusseren Kreis von Schülern. Der innere Kreis hat sich mit dem Wesen der Dinge beschäftigt. In der Mathematik hat das geheissen, dass sich der äussere Kreis auf Zahlen als Beschreibungen von Quantitäten bezog. Das Wissen des inneren Kreises, die Erkenntnisse über die Qualitäten der Zahlen, dass die Eins ein anderes Wesen hat als die Zwei und die Drei, das hat damals eine Rolle gespielt, seitdem ist es aber fast vergessen worden.
Esoterik kümmert sich um das Wesen der Dinge. Auch bei der Religion, zu der Esoterik oft als Konkurrenz wahrgenommen wird, stellt sich die Frage nach deren Wesen. Dabei bemerken wir, dass jene, die sich um den Kern von Religion bemühen, untereinander keine Verständigungsschwierigkeiten haben. Im Gegenteil, diese Leute verstehen sich, denn sie haben erkannt, dass alle Religionen ihrem Wesen nach vom selben handeln. Allenorten strebt der wahrhaft Religiöse nach der Einheit. Die Erfahrung von Einheit zu vermitteln, war ursprünglich das Ziel aller Religionen. Diese Zielsetzung deckt sich mit den Zielen der Esoterik, und das ist der Grund, warum ich dieses Wort trotz aller Verwässerung, die es in unserer Zeit erfahren hat, weiter verwende.
Jetzt haben Sie von Religion und Mystik gesprochen, nicht gerade von dem, was heute unter Esoterik verstanden wird.
Mystik allein ist es nicht, aber Mystik ist die Essenz. Wenn ich Zen-Meditation praktiziere, ist das Ziel, dass ich Satoris erfahre, und die Hoffnung, dass es im Samadhi endet. Dabei weiss ich, dass das, was Zen-Leute Samadhi nennen, bei den Christen «Himmelreich Gottes in uns» heisst, und dass es dazwischen keinen Unterschied gibt. Mit dem, was Buddhisten Nirwana nennen, habe ich auch schon Erfahrungen machen dürfen, und dabei ist es doch völlig egal, ob ich so eine Erfahrung nun beim Reiten mache, beim Skifahren, beim Mantra-Singen, bei der Zen-Meditation, beim Gebet oder wo auch immer.
Wo liegt denn nun das Geheimnisvolle, jenes Verschwiegene, das nur den wenigen Eingeweihten zugänglich ist?
Da ist nichts mehr geheim. Manche in der Szene kokettieren noch mit dem Geheimnisvollen, doch The Secret war nie ein «Secret». Dieses angebliche Geheimnis ist nichts weiter als das Resonanzgesetz, und das wird im gleichnamigen Werk auf platte amerikanische Weise verbreitet. Die Behauptung, dass es sich dabei um ein Geheimnis handle, ist nichts weiter als ein leicht durchschaubarer Marketing-Trick.
Der aber gut funktioniert. Die Leute mögen es doch einfach, wenn ihnen etwas mit geheimnisvoller Stimme zugeraunt wird.
Man könnte sagen, das Offensichtliche sei zu einem Geheimnis geworden. Nehmen wir Frederick Leboyer als Beispiel. Der französische Gynäkologe hat uns das Geheimnis der sanften Geburt verraten. Und woraus besteht dieses Geheimnis? Eigentlich hat Leboyer nichts weiter getan, als die Gewalt aus dem Kreissaal zu verbannen. Er schlug vor, Neugeborene zur Begrüssung in dieser Welt nicht zu foltern und zu quälen.
Was habe ich denn Grosses getan? Diese ganze Deutung von Krankheitsbildern ist doch etwas Offensichtliches. Dass in unserer Medizin heute die Niere von Zimmer 14 behandelt wird und das Kniegelenk von Zimmer 18, das hat mit der materialistischen Betrachtungsweise und der Spezialisierung der Mediziner zu tun. Aber selbstverständlich hängt an jedem Organ auch ein innerer Bezug. Alexander Mitscherlich hat Mitte des 20. Jahrhunderts noch gesagt, dass Organe psychosomatisch erkranken, wann immer wir Bewusstsein von ihnen abziehen. Ein Körper, von dem das Bewusstsein ganz abgezogen worden ist, nennen wir Leiche. Dass das materiell gesehen noch immer dasselbe ist, wie es eine Minute zuvor war, trifft zu, doch offensichtlich fehlt etwas Entscheidendes, nämlich das Bewusstsein.
Mit solchen Geheimnissen kann man heute Bestseller schreiben. Ich verkünde dauernd solche Plattheiten. Ich sage den Leuten: «Was Sie oben reinstecken, ist nachher unten drin. Essen Sie lauter Fleisch von Tieren, die in Todesangst geschlachtet worden sind, haben Sie nachher die ganzen Hormone und Neurotransmitter dieser gepeinigten Wesen in sich drin. Wenn Sie Angst essen, spüren Sie danach auch welche.» So einfach ist das.
Eigentlich müssten wir das selber merken, wir müssten es schmecken und fühlen beim Essen. Sonst bleibt es angelesen, und Sie haben Leute um sich, die kein Fleisch essen, weil der Dahlke es ihnen gesagt hat.
Ich möchte ein Feld ansteckender Gesundheit bauen, ich möchte den Leuten Hinweise geben, wie sie ihren inneren Arzt im Sinne von Paracelsus wiederfinden, wie sie ihre innere Stimme wiederentwickeln. Diese innere Stimme ist bei den meisten Leuten aber auf dem Stand des inneren Schweinehundes. Sie erklingt nicht wie bei Meister Eckhard, wenn der sich hinsetzte und schwieg auf einem Stein, wenn er horchte auf das, was Gott in ihm sprach. Wenn Hinz und Kunz das tun und nach innen horchen, dann sagt die innere Stimme «Schweinebraten» und danach «Mousse au chocolat». Das muss man zunächst mal lernen, die innere Stimme zu kultivieren. Das geschieht auf recht unterschiedlichen Wegen wie Meditation, Exerzitien und vielen anderen Feldern, die heute meine Arbeitsbereiche sind.
Auszug des Interviews aus SPUREN 90 – das ganze Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe.
