Patchwork zur Erleuchtung
Langwierig und beschwerlich soll er sein, der schmale und steile Pfad zur Erleuchtung – denken sich viele. Die Satsang-Welle hat diese Vorstellung gehörig ins Wanken gebracht. Neue spirituelle Lehrer zeigen Mut zum Widerspruch, kombinieren Methoden und betonen: Es ist sowohl als auch – und wieder ganz anders.
Von Martin Frischknecht
Wer es im Spirituellen zu etwas bringen will, kommt um ein gewisses Mass an Hingabe und Disziplin nicht herum. Hingabe als Verpflichtung auf eine bestimmte Praxis, Disziplin als stetes Bemühen, den Ansprüchen des einmal eingeschlagenen Weges gerecht zu werden. Täglich gilt es, bestimmte Übungen zu vollführen und sich geistig auf die vorgegebenen Ziele auszurichten. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe in einer Multi-Optionen-Gesellschaft, in der es geradezu als Tugend gilt, sich nirgendwo wirklich einzulassen und keine verbindlichen Beziehungen einzugehen. Wer sich dennoch auf einen bestimmten geistigen Weg festlegt und etwas durchzieht, gerät in den Ruch, ein fremdbestimmter Sektierer zu sein, der im Fahrwasser eines vereinnahmenden Kultes leichtfertig seine persönliche Freiheit an den Nagel hängt.
Mit einer gewissen Akzeptanz darf rechnen, wer sein Seelenheil im Rahmen einer geistigen Tradition sucht, die sich dem Strom einer grossen Religion zuordnen lässt. Mit Sufis zu tanzen, gilt als weniger anrüchig, als sich bei einer schamanischen Zeremonie zu beteiligen, bei der eine psychoaktive Substanz eingenommen wird. Wer bei einem Zen-Meister meditiert, scheint eher auf einem sinnvollen Weg zu wandeln als das Mitglied eines neuheidnischen Ordens. Wer sich am Heilkreis eines Trance-Mediums beteiligt, wird in der Öffentlichkeit zurückhaltender von seinen Interessen berichten, als es Teilnehmer eines christlichen Gebetszirkels tun.
Doch was sich von aussen betrachtet präsentiert wie eine bunt zusammengewürfelte Landschaft verfeindeter Lager, wird von denen, die sich aktiv darin betätigen, eher wahrgenommen als eine breite Palette vielfältiger Möglichkeiten, deren man sich nach Massgabe der inneren Bedürfnisse frei bedient. Ob man dabei das Lager wechselt, ob man noch zu den Christen zählt oder bereits den Neuheiden oder den westlichen Hindus zuzurechnen ist, spielt dabei eher keine Rolle. Die Vorstellung einer festgefügten religiös-spirituellen Identität im Sinne einer Verwurzelung in einem bestehenden Glaubenssystem scheint überholt, obwohl oder gerade weil sich die öffentliche Wahrnehmung fast ausschliesslich mit dem umgekehrten Phänomen beschäftigt: der Erstarrung und Verhärtung von Glauben in abgeschotteten Fundamentalismen, die sich hüben wie drüben auf geradezu unheimliche Art gleichen.
Die Verständigung, der Austausch und letztlich die Angleichung der Lager ereignet sich hinter dem Spektakel und Getöse von Papst-Besuchen, Terroranschlägen und grandiosen Pilgerzügen. Alle paar Jahre werden über breit angelegte Umfragen in der Sache neue Daten erhoben. Sie zeigen unmissverständlich, dass sich das Volk je länger, je weniger um die Dogmen religiöser Führer schert und dass der Einzelne sehr wohl in der Lage ist, sich auch in dem Bereich seinen eigenen Reim zu machen.
Die neuen Morgenlandfahrer
Diese Tendenz zur religiösen Mündigkeit und zur freien Wahl des spirituellen Pfades gilt auch für jene, die in jungen Jahren die Glaubensüberzeugung oder den Atheismus ihrer Eltern hinter sich liessen und sich mit Begeisterung einer neuen Religion zuwandten. So entdeckte im Gefolge der Hippiebewegung eine ganze Generation junger amerikanischer Juden die Vorzüge des Buddhismus. Manch einer konvertierte in ein asiatisches Glaubenssystem und mutierte vom zynischen Intellektuellen zum gläubigen Anhänger tibetischer Lamas oder japanischer Zen-Meister. Auf ewig sind sie das nicht geblieben.
Richard Alpert, ein junger aussichtsreicher Harvard-Dozent aus begütertem Elternhaus, beteiligte sich an den LSD-Experimenten seines Berufskollegen Timothy Leary und fand den Weg nach Indien. Dort wurde er zum Anhänger des charismatisch-geheimnisvollen Nem Karoli Baba und erhielt den Namen Ram Das. Lama Surya Das, Peter Fenner, der Dichter Allen Ginsberg und Pema Chödron waren jahrzehntelang Schülerinnen und Schüler hoher tibetischer Lamas, deren Lehren sie im Westen zum Durchbruch verhalfen. Bernard Glassman, Dennis Genpo Merzel und Charlotte Joko Beck studierten in Los Angeles unter dem japanischen Zen-Meister Maezumi Roshi. Sie wurden nach dem Tod des Lehrers zu dessen Dharma-Erben. Jack Kornfield, Joseph Goldstein und Sharon Salzberg bildeten sich teils während jahrelangen Aufenthalten in asiatischen Klostergemeinschaften zu Lehrern der buddhistischen Einsicht-Meditation aus. Ihre Seminar- und Retreathäuser in den USA zählen heute zu den einflussreichsten spirituellen Zentren des Westens.
Die Liste liesse sich verlängern. Bei so viel gut geschultem Lehrpersonal würde man meinen, die Zukunft des Buddhismus im Westen sei auf Generationen hinaus gesichert. Doch dem ist nicht so. Die neuen Lehrer gerieten auf Abwege. Zumindest vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, sind viele dieser Exponenten der reinen Lehre nicht treu geblieben. Glassman Roshi, eben noch in Japan als hoher buddhistischer Würdenträger in Ehren empfangen, kehrte der Meditationshalle seines Zen-Tempels den Rücken und mischte sich zur Durchführung von Strassenretreats in New York als Bettelmönch unter Obdachlose. Heute betätigt sich der jüdisch-amerikanische Roshi mit mindestens so viel Engagement als «Zen-Clown», wie er sich dem formalen Training von Schülern widmet (siehe SPUREN Nr. 63).
Big Mind statt Satori
«Nach einem Jahrzehnt oder mehr Jahren der Zen-Übung im Zen-Zentrum von Los Angeles gab es durchaus etliche Leute, die eine Art Erwachen und spontane Durchbruchserfahrungen erlebt hatten – und doch waren wir im Grunde genommen alle noch ziemlich verkorkst», erzählt Dennis Genpo Merzel, «spirituelle Übungen ändern nicht unbedingt alles. Wir kommen damit nicht notwendigerweise an unsere tieferen psychischen Probleme heran. Tatsächlich können wir zwanzig, dreissig, vierzig Jahre lang in Meditation sitzen und doch nur ‘auf unserem Zeug herumsitzen’.»
Um das zu verändern, so erkannte der amerikanische Zen-Meister während einer Krise seiner Gemeinschaft Anfang der 80er-Jahre, bedarf es eines zweiten, zusätzlichen Ansatzes in Kombination zur traditionellen Zen-Schulung. Er fand diesen Ansatz in der von Hal und Sidra Stone entwickelten Therapiemethode Voice Dialogue. Bei diesem Verfahren wird davon ausgegangen, dass in jedem von uns zahlreiche Teilpersönlichkeiten leben, die, aus welchen Gründen auch immer, in den Untergrund des Bewusstseins verdrängt wurden und darauf warten, erhört und erlöst zu werden. Voice Dialogue verleiht diesen unterschiedlichen Aspekten eine Stimme und verschafft ihnen Gehör. Die Gemeinschaft um Genpo Roshi begann, dieses Verfahren neben dem klassischen Zazen in ihren Stundenplan einzubauen, und erfuhr eine entscheidende Wiederbelebung ihrer spirituellen Praxis: «Voice Dialogue ermöglichte uns, uns selbst langsam in etwas zu erden, das westlich und psychisch sehr gesund war.»
Dabei ist es nicht geblieben. Für den Zen-Meister war es wie eine kleine Erleuchtung, als ihm nach über 15 Jahren Erfahrung mit Voice Dialogue einfiel, die Methode nicht bloss auf jene Persönlichkeitsanteile anzuwenden, die in der Vergangenheit einer Person in das Unterbewusstsein verbannt wurden, sondern auch jene Aspekte der Persönlichkeit in die Praxis einzubeziehen, die als Potenzial darauf warten, von uns verwirklicht zu werden. «Kann ich bitte mit der Stimme des grossen Geistes, des grossen Herzens, sprechen?», lautet die Frage des Praktizierenden, der in Genpos Big-Mind-Kursen in null Komma nichts sich wiederfindet vor der legendären «torlosen Schranke». Und siehe, dem Fragenden wird das Tor aufgetan! Ohne dass einer sich gezwungen sähe, in klassischer Zen-Manier während Jahren mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, um die Kräfte der Persönlichkeit zu verausgaben und dem Ego ein Schnippchen zu schlagen, soll es beim Big-Mind-Prozess innert Kürze möglich sein, zur Transzendenz durchzubrechen. Hunderte von Kursteilnehmern bestätigen in teils hymnischen Tönen, dass ihnen gerade das möglich war. Zu den begeisterten Stimmen gesellt sich keine geringere als die von Ken Wilber. Der amerikanische Vordenker der Bewusstseinsevolution lobt den Big-Mind-Prozess als «die wohl wichtigste und schöpferischste Entdeckung innerhalb des Buddhismus der letzten zwei Jahrhunderte».
Man mag von diesem Lob halten, was man will, wesentlich scheint, dass Big Mind eine gewichtige Antwort ist auf die Herausforderung, den Kern der buddhistischen Lehre in unserer Gesellschaft und unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. Dabei geht es nämlich nicht um Reinkarnation, um das Abarbeiten von Karma und das Aufrechterhalten altehrwürdiger Traditionen, sondern einzig und allein um eines: um geistige Befreiung.
Auszug des Artikels aus SPUREN 90 – den ganzen Artikel finden Sie in der gedruckten Ausgabe.
