LSD-Druiden – 1800 m ü.M.
Die Sommer-Camps der «Bärglütli» waren geprägt von der Sehnsucht nach naturnaher Gemeinschaft in erweitertem Bewusstsein. Ein Rückblick auf die Anfänge des helvetischen Neoschamanismus.
Von Stefan Bittner
«Wir wollen in den Bergen finden, was wir in der Stadt verloren haben: die harmonische Beziehung zur Natur, zu den Mitmenschen, zu uns selbst.» Diese Worte zierten das Plakat zum ersten Bärglütli-Camp vom Sommer 1971. Es zirkulierte in gegenkulturellen Kneipen und makrobiotischen Läden in Zürich, Bern und Basel, wurde in schweizerischen «Untergrund»-Zeitschriften abgedruckt und sogar im Amsterdamer Vondelpark verteilt. Im Begleitschreiben riefen die Bärglütli, die eine Landkommune bei Zürich bewohnten, dazu auf, einen Sommer lang das «hochalpine Zentrum für die Befreiung des Menschen und das Finden und Realisieren alternativer Lebensformen» mitzugestalten.
Den Wanderweg ins karge Walliser Gerental, auf 1800 Metern über Meer gelegen, nahmen in den Sommermonaten 1971 gegen 1000, in den folgenden beiden Jahren je 500 Leute unter die Füsse: langhaarige Musiker und bunt gekleidete Kunstmalerinnen, kraftstrotzende Naturburschen und psychisch labile «Ausgeflippte», ausgerissene Schülerinnen und ausgestiegene Lehrer, weisshaarige Kräuterkundige und jugendliche Adepten von Guru Maharaj Ji.
Der «magische Steinkreis», in dessen Zentrum sich ein indianischer Totempfahl erhob, beherbergte im Schnitt zwanzig bis dreissig «Freaks». In Spitzenzeiten, etwa zum «Mittsommernacht-Sonnenwende-Fest», konnte deren Zahl auch mal gegen hundert ansteigen, bei schlechtem Wetter hingegen harrten nur die zähesten «Urlütli» in ihren selbst gebauten Steinhütten aus, fest entschlossen, «nie mehr in der Wirtschaft oder Industrie tätig zu sein». Hier oben, knapp über der Waldgrenze, in «einer der letzten Landschaften, die vom Wahn der Materialisten noch nicht vergewaltigt worden» sei, wollten sie eine überlebensfähige «Neue Kultur» begründen und sich selbst zu «Neuen Menschen» transformieren.
Ekstase der Kreativität
Um den inneren und äusseren «zivilisatorischen Ballast» abzubauen und die Ich-Grenzen durchlässiger zu machen, war alles willkommen, was sich stark genug von der Kultur des Elternhauses unterschied: Makrobiotik und Biodynamik, Trommel-Jam und Sufi-Tanz, Living Theatre und Sensitivity Training, Astrologie und I Ging, Hindu-Mythologie und Nudismus, Transzendentale Meditation und Felszeichnungen, Cannabis und LSD.
Um zu «lernen, uns in jeder Lebenssituation selber zu helfen, zu handeln aus unabhängiger Bewusstseinsbildung heraus», waren sämtliche verfügbaren Weltanschauungsfragmente und Lebenspraktiken aus Ost und West willkommen. Was zählte, war die Produktion eines Maximums an individuellen Erfahrungsmöglichkeiten, eine «Ekstase der Kreativität und der Kommunikation», an der sich jeder auf seine Weise «anturnen» konnte.
Neben der lebenspraktischen Eigenständigkeit verfolgten die Camp-Veranstalter das nicht minder ehrgeizige Ziel der ökonomischen Selbstversorgung. Während des Alpsommers sollten alle wahrhaft Ausstiegswilligen zu einer geschwisterlichen «Sippe» zusammenwachsen, um möglichst bald ein verlassenes Bergdorf zu besiedeln. Tatsächlich entstanden im Umfeld der drei Bärglütli-Camps mehrere Aussteiger-Siedlungen im Wallis und im Tessin. Sie erwiesen sich in der Regel jedoch als weitaus kleiner und unbeständiger als erhofft, da die körperliche Anstrengung und die Tücken des Gemeinschaftslebens in der anfänglichen Aufbruchsstimmung beträchtlich unterschätzt worden waren.
DIE Bewusstseinsrevolution
Zu den Organisatoren des ersten Bärglütli-Camps gehörte Marco Bischof. Einem Journalisten des «Tages-Anzeigers», der die archaische Camp-Szenerie mit neugieriger Skepsis beobachtete, erklärte der damals 24-jährige «Sippenphilosoph»: «Wir finden es unmöglich, in der Stadt zu bleiben, wir müssen auf dem Land regenerieren. Anstatt ungeduldig auf die Revolution zu warten, versuchen wir in unserer kleinen Gemeinschaft, uns selbst zu verändern.» Heute lebt Bischof in Berlin, wo er als Experte für Grenzgebiete von Natur- und Geisteswissenschaften tätig ist.
Auf seine Bärglütli-Zeit blickt er heute mit Genugtuung zurück: «Gewiss waren wir in vielen Dingen naiv. Doch sowohl für uns selbst wie für die gesellschaftliche Entwicklung haben wir vieles in Gang gesetzt. Wir waren jung und hatten eine Vision. Wir wollten zur Wurzel der Dinge vordringen und waren bereit, dafür etwas zu riskieren.» Auch wenn er heute in einer Grossstadt lebt und einen «bürgerlichen» Lebensstil pflegt, glaubt er, seinem Grundanliegen in den bald 40 Jahren treu geblieben zu sein: «Zwar sehe ich das Projekt `Weltveränderung` heute in einer viel längerfristigen Perspektive. Doch geht es mir, heute wie damals, letztlich um das Zusammenbringen von spiritueller Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis, ökologischer Sensibilität und mythologischer Weisheit.» Und welche Vernetzungstätigkeit würde in unserer komplexen Informationsgesellschaft besser der Kernaufgabe eines zeitgemässen Schamanismus entsprechen?
Marco Bischofs Bärglütli-Biografie ist typisch für viele, die zu Beginn der 1970er-Jahre den «Ausstieg» gewagt hatten. Als Existenzialist, Hippie und Beatnik durch die späten 1960er-Jahre bummelnd, beteiligte er sich im legendären Jahr 1968 an den «Globuskrawallen» um ein autonomes Jugendzentrum. Während die studentische Linke noch eine ganze Weile der unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution entgegenfieberte, verlagerten in den Folgejahren immer mehr lebenshungrige junge Menschen ihren Veränderungswillen ganz auf die «Bewusstseinsrevolution» und den Aufbau einer «Gegengesellschaft».
Dafür waren einmal die fruchtlosen theoretischen Diskussionen und die wenig aussichtsreichen Strassenscharmützel der «Polit-Freaks» verantwortlich. Zudem tauchten ab 1970 die ersten ökologischen Katastrophenszenarien in den Medien auf. Die verstärkte öffentliche Wahrnehmung von Umweltproblemen verschaffte vielen ohnehin schon zivilisationsangewiderten jungen Menschen eine handfeste Legitimation dafür, den totalen Bruch mit den sozialen und wirtschaftlichen Zwängen des verhassten «Systems» zu versuchen.
Endzeitstimmung und NeuzeitHoffnung
Wie nahe Endzeitstimmung und Neuzeithoffnung beieinander lagen, wie rasch gesellschaftsbezogener Fortschrittspessimismus in psychospirituelle Entwicklungseuphorie umschlagen konnte, kann jedoch nicht verstanden werden, ohne die Bedeutung der in diesen Jahren aufkommenden psychoaktiven Substanzen zu berücksichtigen. Mit der raschen Ausbreitung von Haschisch und LSD weitete sich in alternativkulturellen Kreisen nämlich auch die Erfahrungsgewissheit aus, dass das Alltagsbewusstsein eine reichlich eingeschränkte Sichtweise der Wirklichkeit repräsentiert.
Psychedelika bildeten sozusagen das Salz in der Suppe der immensen Hoffnungen, die man mit dem «Wassermann-Zeitalter» verband. Marco Bischof meint rückblickend: «Gewiss interessierten wir uns bereits in den Camps für Yoga, Meditation und Atemtechniken. Doch die ernsthafte Beschäftigung damit begann erst später. Als Mittel zur Bewusstseinsveränderung kannten und benutzten wir vor allem Drogen.»
Beseelt von der Sehnsucht nach inniger Verbundenheit mit der Natur, dem Göttlichen und den Mitmenschen, experimentierten die Bärglütli mit verschiedensten rituellen und kultischen Formen. Vor dem Essen gab man sich die Hände, schloss die Augen und summte ein «Om». Zur Vereinbarung eines minimalen Tagesprogramms liess man einen «Talking Stick» zirkulieren. Und fast jeden Abend loderte ein Lagerfeuer im Rhythmus der «Stammestrommeln». Alltags-Rituale und spontane Begegnungen gingen dabei fliessend über in die Seminare der «Free High University», das Aushängeschild der Bärglütli-Camps.
Die «antiautoritär» gestalteten, also meist recht chaotisch ablaufenden Workshops wurden teils von den 18- bis 25-jährigen Bärglütli selbst, teils von den «Ältesten» der hiesigen Alternativ- und Lebensreform-Szene angeleitet: Sergius Golowin etwa berichtete über alte Mythen, zeitlose Weisheit und zukünftige Bewusstseinsstufen; Walter Wegmüller leitete Sitzungen mit seinem begehrten «Zigeuner-Tarot»; Walter Zürcher stellte seinen Urschrei-Orgon-LSD-Ansatz vor, und Paul Häusle kombinierte im urchristlichen Geist Naturheilkunde mit Ufo-Spiritismus.
Auszug des Artikels aus SPUREN 90 – den ganzen Artikel lesen Sie in der gedruckten Ausgabe.
