Nadja Stepanova: «Schamanismus ist immer jung»
Die buriatische Schamanin Nadja Stepanova arbeitet oft auch mit Menschen aus dem Westen. Das schamanische Wissen wieder aufleben zu lassen, ist ihr wichtigstes Anliegen.
Von Doris Iding
Nadja Stepanova wurde am Buritia, am Baikalsee, dem tiefsten Süsswassersee der Welt, geboren und stammt aus dem «Kernland» des Schamanismus.
Seit frühster Kindheit besitzt sie die Gabe, über das alltägliche Bewusstsein hinauszuschauen und Einblick zu erhalten in die nicht alltägliche Wirklichkeit. Ihr selbst war diese Gabe lange nicht bewusst, denn in all den Jahren, in denen der Schamanismus in Russland verboten war, tat ihre Familie alles, um Nadjas schamanische Fähigkeiten zu verleugnen. Sie selbst ging davon aus, ihre Fähigkeit zu «sehen» sei nichts Aussergewöhnliches.
Erst als sie erkannte, wer sie wirklich war, geriet sie in eine tiefe psychische und körperliche Krise, die sie nur mit Hilfe von einigen Schamanen und Lamas überstehen konnte: mit Hilfe geheimer Riten und Zeremonien retteten sie ihr Leben. Nach Beginn der Perestroika brachte Nadja als eine von wenigen die alten Rituale ans Licht, die seit mehr als siebzig Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit praktiziert worden waren. Mittlerweile schätzt man sie aber auch in ihrem eigenen Land. So sehr, dass sogar Krankenhäuser und Ärzte mit ihr zusammenarbeiten und sie als grösste Schamanin des Landes anerkennen.
SPUREN: Sie haben gerade einige Zeit hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbracht. Woran kranken die Europäer am meisten?
Nadia Stepanova: Es ändert sich die Schwingung auf der Erde, und das spüren natürlich auch die Europäer und auch die wollen sich ändern, beziehungsweise sie müssen sich ändern. Aber wie genau das möglich ist, ist noch die Frage.
Wie genau meinen Sie das?
Wir wissen, dass sich das Magnetgitter der Erde geändert hat. Und das ändert alles. Deshalb ändert sich alles um uns herum. Diese Veränderungen wirken auf unsere Zellen, unseren Körper, auf unser physisches Sein.
Und was ist mit unserem Bewusstsein?
Natürlich müssen wir auch unser Bewusstsein ändern. Wenn wir dies nicht tun, wird es sehr schwierig für uns zu überleben. Dazu müssen wir als Erstes unsere Ängste überwinden. Es gab so viele Ängste, so viele Aggressionen die letzten Jahrhunderte, und die gilt es zu überwinden.
Ich erlebe, dass in meinem Umfeld sehr viel zerbricht. Gleichzeitig sind zum Beispiel viele Paare sehr bemüht, durch diese Krise zu gehen; doch obwohl sie es gemeinsam schaffen wollen, zerbrechen viele Beziehungen trotzdem. Warum passiert so etwas, auch wenn Menschen wirklich bereit sind für eine bewusste Auseinandersetzung?
Die Krise ist nicht nur in Deutschland oder der Schweiz, sondern sie ist überall spürbar. Was hier stattfindet, ist ein globaler Prozess der Reinigung: Die alte Energie geht weg, die neue Energie kommt. Das Einzige, was wir tun können, ist, mit dem zu gehen, was ist.
Als Schamanin besitzen Sie ein jahrtausende altes Wissen. Wie übersetzen Sie Ihr altes Stammeswissen in unsere Moderne, in der viele Menschen komplett von der Natur abgeschnitten sind und deren Probleme sich zum Beispiel gerade sehr um den Börsencrash, Verlust des Arbeitsplatzes, Zusammenbruch der Laptop-Festplatte und Ähnliches drehen. Wie gehen Sie mit solchen Menschen um, die oftmals komplett den Bezug zur Natur und allem Archaischen verloren haben?
Ich werde nachts in Träumen geschult. Und ich denke, das ist eine grosse Hilfe, wenn es darum geht, das Wissen den Menschen hier im Westen näher zu bringen.
Welchen Platz hat der Schamanismus in der technisierten Welt? Die Menschen hier im Westen streben ja nach Neuerungen. Ist es überhaupt möglich, eine Synthese von altem Stammeswissen und Moderne zu schaffen, oder verfallen wir Sehnsüchten und Ideologien, die sich nicht erfüllen lassen, wenn wir zu einer Schamanin wie Ihnen gehen?
Der Schamanismus ist immer jung und immer von Nutzen. Auch hier in dem modernen Europa gibt es immer wieder Menschen, die von Natur aus die schamanische Begabung haben und anderen helfen können. Denn auch hier in Europa hat es eine alte schamanische Tradition gegeben. Und auch hier haben wir in allen Zeiten wissende Menschen gehabt. All dieses Wissen ist in unseren Zellen bewahrt geblieben. Was ich hier sehe, ist, dass es ganz viele Menschen gibt, die imstande sind, dieses Wissen wieder zu beleben und es anderen weiterzugeben. Man könnte somit auch sagen: Der Schamanismus ist immer jung und zeitlos. Gleichzeitig ist er Träger einer uralten Weisheit, die ebenfalls zeitlos und deshalb gerade heute so wichtig ist. Er ist es, der uns wieder die grosse Verbindung mit der Natur lehrt. Und dieser Bezug ist uns in der heutigen Zeit, in der die meisten Menschen vor dem Computer sitzen und in virtuelle Welten eintauchen, so wichtig geworden. Deshalb geht es mehr denn je darum, die Beziehung zwischen Menschen und Natur und Natur und Menschen wiederherzustellen. Hierfür braucht es keine neue Spiritualität und auch kein neues Bewusstsein, denn es ist alles schon da und im alten schamanischen Wissen vorhanden. Das Einzige, was es braucht, ist, dass wir uns wieder daran erinnern.
Auszug des Interviews aus SPUREN 90 – das vollständige Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe.
