Das Buch Thorwald
Mit der Esoterik hat er gebrochen. Stattdessen waltet Thorwald Dethlefsen als Prophet Gottes. Ein neuer Vortrag des begnadeten Redners erlaubt Einblick in die Ziele seiner Kirche "Kawwana".
Von Martin Frischknecht
Lange Zeit war es still um ihn gewesen. Er, der sich zuvor mit Büchern, Reinkarnationstherapien und mit Vorträgen einen Namen gemacht hatte als einer der bedeutendsten Esoteriker unserer Zeit, trat in den Hintergrund und schwieg. Wer ihn kennt, konnte ahnen, dass der Mann nicht ruhig geworden war, um sich zu erholen und während einer Schaffenspause das Erreichte zu überdenken. Nein, während Thorwald Dethlefsen gegen aussen hin ruhte, bereitete er sich im Inneren vor auf den grossen Sprung: Er pflegte Umgang mit dem "Höchsten".
Als er mit dem, was er dabei erfahren hatte und nun als seine Mission verstand, an die Öffentlichkeit trat, begann es in der esoterischen Szene zu rumoren. Früher hatte er mit überraschenden Einsichten zur Deutung von Krankheitsbildern und zu mythologischen Themen beeindruckt und für frischen Wind gesorgt. Jetzt wird zunehmend eine Entscheidung gefordert: für ihn oder gegen ihn.
Allein schon seine Verlautbarungen an ein grosses Publikum, mit denen er sich 1996 erstmals unter dem kabbalistischen Stichwort "Kawwana" mit einer Vortragstournee zurückmeldete, waren geeignet, Stirnrunzeln und Kopfschütteln auszulösen. Als eine Teilnehmerin von geheimen Ritualen das ihr unter Androhung "karmischer Konsequenzen" auferlegte Schweigen durchbrach und von magischen Handlungen berichtete, die in Dethlefsens "rituellem Konvent" an ihr vollzogen worden waren, stellte sich bereits drängender die Frage, was sich unter dem Dach dieser neuen Kirche zusammenbraute (siehe SPUREN Nrn. 45 und 55).
Stupende Vortragskunst
Ein Vortrag auf Video, gehalten am 21. Oktober 2000 in München, in dem der selbst ernannte "Vicarius" die elf Grundpfeiler von Kawwana darlegt, erlaubt nun einen vertieften Einblick in Thorwald Dethlefsens höhere Sendung. Die Aufzeichnung des Vortrags wurde zusammen mit einer Einladung zu vier Jahreszeitenritualen verschickt, welche von Kawwana in diesem Jahr in Wien und München abgehalten werden. Die Grundpfeiler werden von Dethlefsen benannt und unterschiedlich lange ausgeführt als: 1. Der höchste Gott, 2. Die Schechinah, 3. Der Avatar, 4. Magie, 5. Heilige Lehre, 6. Die vier Welten, 7. Der Rückweg, 8. Das Böse, 9. Licht und Wort, 10. Der Tod, 11. Der neue Äon.
Beeindruckend ist auch hier wieder Dethlefsens stupende Eloquenz. Ohne sich an ein Manuskript zu halten, spricht er nahezu drei Stunden lang ununterbrochen durch, gönnt dem Publikum dann eine Pause, um den Faden draufhin munter wieder aufzunehmen und eine weitere Stunde freier Rede anzuhängen. Das könnte eine besondere rednerische Gabe sein, aber nicht mehr. Doch weit mehr als durch seine Ausdauer besticht der Redner durch eine Art von nüchterner Gewissheit. Dieser Mann scheint sich aus eigener Anschauung in Dingen auszukennen, über die wir andere bloss spekulieren und schwärmen hören. Er greift in seiner programmatischen Gesamtschau vieles auf, was in unseren Breitengraden an gnostisch religiösen Heilserwartungen seit Jahrtausenden virulent ist. Und natürlich tut er das nicht einfach so. Selbstverständlich ist gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, zu dem sich grosse Dinge ereignen, und von diesen Dingen kündet er exklusiv.
Hatten wir das nicht schon einmal, das heisst, immer wieder, bei den Zeugen Jehovas, den Wiedertäufern und bei Uriella? Ganz bestimmt. Bloss hat dieses Lied lange keiner mehr so klug und einnehmend gesungen wie er. Wenn ein Thorwald Dethlefsen damit auftritt, lohnt es sich, genau hinzuhören: "Kawwana wurde vom höchsten Gott persönlich - und das meine ich in der Konkretheit dieses Wortes - hier eingesetzt. Allein das ist die Bedeutung von Kawwana ... Wenn wir diesen Punkt streichen, dann kann da unten im weltlichen Sinne Hübsches dabei rauskommen. Dann können wir nette Veranstaltungen machen, ein paar Rituale uns ausdenken, ein paar Kerzen hin- und hertragen, gemeinsam zu singen anfangen, Abzeichen tragen - kann man alles machen. Das kann hübsch sein, lustig und nett; daran zweifle ich ja gar nicht. Nur: Das, was wir hier machen, unser Anspruch, wird dann nicht mehr erfüllt. Wir machen dann etwas, was schon so viele machen, und ich sage Ihnen hier etwas im ganz persönlichen Sinne: Ich würde mir diese Arbeit dann nicht machen, schlicht nicht machen. Ob es noch eine Organisation mehr gibt, noch eine Glaubensgemeinschaft, ein paar Leute, die singen und beten, noch ein paar Leute, die irgendwelche Gemeinsamkeiten pflegen und ein Zentrum aufbauen, dies machen und jenes machen und der Welt erzählen, was sie tun soll und wie es weitergeht - es gibt schon so viele! Blättern Sie ein Lexikon der Sekten durch, und man staunt, was es alles gibt mit wie vielen Anhängern und oft ähnlich klingenden Lehren. Es gibt ja schon so viel, sich dort hinten anzustellen und zu sagen: „Uns gibt es jetzt auch noch - es wär eine solche Kinderei."
Nein, er stellt sich nicht hinten an. Zwar betreibt er keine Missionierung, sondern verschickt Einladungen an den Kreis seiner Kunden von früher. Doch vor denen stellt er sein Licht gewiss nicht unter den Scheffel. Ganz im Gegenteil. Im Auftrag des Höchsten sei Kawwana "mit einer Vollmacht ausgestattet, zu binden und zu lösen". Und das ist nicht etwa als hübsche Metapher gemeint, sondern als Entscheidungsbefugnis über das Heil der Seelen schlechthin. Im Bereich populärer Mythen entspricht diese Vollmacht in etwa dem, wenn Geheimdienstmann 007 zur Rettung der Welt ausgestattet wird mit einer "Lizenz zum Töten". Um eine Rettung der Welt geht es Kawwana allerdings gerade nicht. In gnostischer Manier gilt die Welt, in der wir leben, als tief gefallenes Reich der Materie und des Dunkels. Wer sich an sie bindet, ist für den Aufstieg in höhere Sphären nicht zu gebrauchen. ...
