No more smoke signals
Die junge Schweizer Filmemacherin Fanny Bräuning überzeugt mit ihrem Dokumentarfilm No more smoke signals über das Leben im Indianerreservat Pine Ridge, South Dakota, USA, nicht nur die Jury der Solothurner Filmtage.
Von Claude Jaermann
Die Solothurner Filmtage vergaben 2009 erstmals den Prix de Soleure im Wert von Fr. 60000.– für einen abendfüllenden Spiel- oder Dokumentarfilm. «Der Jurypreis ist bestimmt für einen Film, der durch einen ausgeprägten Humanismus überzeugt und ein Thema anspricht, das die Menschlichkeit, die Menschenwürde, die freie Persönlichkeitsentfaltung, die Toleranz sowie den Respekt vor anderen Menschen in ansprechender filmischer Form darstellt.»
No more smoke signals verdiente sich diese Auszeichnung nicht nur, weil der Film exakt die Vorgaben der Jury erfüllte, sondern auch, weil es die Filmemacherin Fanny Bräuning verstand, sich in die Eigenheiten, in die Gefühlswelt einer für uns fremden Kultur einzulassen, und uns teilhaben lässt am Leben der Menschen in Pine Ridge. Im Mittelpunkt des Films steht der Radiosender Kili, der von einem einfachen Haus aus, das mitten auf einem Hügel im ärmsten Reservat der Vereinigten Staaten von Amerika steht, sendet. Mit wenig Geld und umso mehr Eigeninitiative und Enthusiasmus entstand dort in der Nähe der Ortschaft Manderson, South Dakota, so etwas wie der kommunikative Nabel der Lakota-Nation. Gegründet in den 70er-Jahren von Aktivisten von AIM, American Indian Movement, bringt Kili (Kili = grossartig in der Sprache der Lakota) nicht nur Musik und das Tagesmenü der Kneipe an der Landstrasse zu den Menschen – Kili überträgt auch alle politischen Debatten des Stammesrates live. Die Menschen sollen direkt hören, ob ihr Vertreter sich auch für seine Wähler einsetzt.
Wounded Knee
In wunderschönen Bildeinstellungen und mit einer achtsamen Annäherung an die Kultur der Lakotas (Sioux) erhalten wir Einblick ins einfache Leben einer vergessenen Nation inmitten des reichen Amerika. «Wir sind das bestgehütete Geheimnis des Landes», meint Roxanne Two Bulls im Wissen um die Verbrechen gegen ihr Volk. Das Massaker von Wounded Knee von 1892, die Besetzung der Gedenkstätte in den 70er-Jahren, der Gedenkritt, der an das Massaker erinnern soll – all diese Ereignisse sind noch heute spürbar und deren Wunden noch nicht verheilt. Zwischen Verbitterung und Hoffnung wächst eine neue Generation heran, die den Spagat zwischen dem American Way of Life und der prärieindianischen Kultur zu beherrschen versucht. Im kleinen Haus auf dem Hügel bei Manderson fliessen diese scheinbaren Gegensätze zusammen. Da erklingen moderne westliche Musik und uralte Gesänge in Lakota; da hält einigermassen moderne Technik den Sender am Laufen und beschützt eine Adlerfeder den Sendeturm vor Blitzeinschlag.
Zeitloses Dokument
Fanny Bräuning sprach mit einfachen Menschen, aber auch mit dem weissen Anwalt Bruce Ellison, der seit 30 Jahren versucht, den politischen Gefangenen und Lakota-Aktivisten Leonard Peltier aus dem Gefängnis zu befreien. Auch mit John Trudell, dem Lakota-Poeten und Musiker, der während der Dreharbeiten bei Kili aufgetaucht ist. Sie alle geben dem Film und dem Radio und somit den Menschen dort eine Stimme. Eine Stimme, die über die einzigartige und grandiose Landschaft klingt und so Menschen erreicht, die ausserhalb des Reservats leben. Zerbrochene Windschutzscheiben machen ein Auto nicht unfahrbar. Und Herzblut, Stolz und Würde bringen auch einen Radiosender nicht zum Schweigen, auch wenn wir im Filmabspann erfahren, dass der Blitz trotz Adlerfeder am Sendeturm eingeschlagen hat. No more smoke signals ist ein zeitloses Filmdokument, das berührt, aufwühlt, Hoffnung spendet und uns mit einer Realität konfrontiert, die überall auf der Welt immer noch und immer wieder stattfindet. «Schweigen ist die Stimme der Komplizen», hat es der Aktivist Leonard Peltier so wunderschön und bitter formuliert. Die begnadete Filmemacherin Fanny Bräuning hat nicht geschwiegen und legt einen Finger auf eine Wunde, ohne anzuklagen und ohne Partei zu ergreifen. Doch sie hat genau hingeschaut und fordert uns in ihrem tollen Film auf, nicht wegzuschauen.
No more smoke signals
90 Minuten
ab 16. April im Kino
