Löffel – auf Biegen und Brechen
Auch ein Suppenlöffel kann Lehrmeister sein. Begegnung mit der Kraft des Geistes und der Biegsamkeit der Materie.
Von Christina Graf
Freitagabend in Bremgarten/AG. In zweieinhalb Stunden will ich lernen, wie man einen Löffel biegt. Achtzehn andere Teilnehmer wollen es auch wissen. Das Seminar leiten die Mentaltrainerinnen Bea Senger und Andrea Krummenacher. Fast die Hälfte der Interessierten sind Männer, darunter ein 13-jähriger Junge. Zwei 70-jährige Damen wollen ihr Glück ebenfalls versuchen. Los geht`s.
Wir tauschen aus, was für Körper, Geist und Seele Nahrung sein könnte: die Verbindung zur inneren Kraft zu finden und dadurch mehr zu sein als das blosse Opfer der Umstände. Nach einer kleinen Einführung in Chakrakunde lernen wir die Feueratmung. Zur Nase einatmen, zum Mund ausatmen. Ein lautes Atemkonzert hebt an, und mir wird von dieser Übung ganz schwummerig im Kopf.
Einströmende Feuerbälle
Dann die vielversprechende Plastiktüte – gefüllt mit Suppenlöffeln frisch aus dem Warenhaus. Wir dürfen uns eine dieser Chromstahllegierungen aussuchen und erfahren anhand einer Papierlöffelimitation, wie wir den Löffel richtig halten und biegen sollen.
Zu einer geführten Reise durch die Chakren ertönt laute Musik aus dem Gettoblaster. Wir gehen auf roter Erde, sehen die aufgehende orange Sonne am Horizont, die gelbe Sonne am Himmel, eine grüne Wiese, einen blauen Fluss, eine indigoblaue Kornblume, violette Beeren. Loslassen. Verzeihen.
Dann kehren wir zurück zur roten Erde und stellen uns die verbogene Form des Löffels vor. Nun gilt es ernst. Wir imaginieren Feuerbälle, die über das Kronenchakra in die Hände strömen und den Löffel weich machen, lassen diese Energie immer stärker werden und Erdenergie über die Füsse in den Körper steigen. Feueratmung: dreimal tief ein- und ausatmen. Auf Kommando beginnen wir alle, gleichzeitig zu biegen. Der runde Löffelteil liegt in der linken Hand, mit der rechten greife ich in den Stiel und biege nach unten, dann wieder nach oben. Da wir in Telekinese noch keine Profis sind, brauchen wir unsere Hände, die durch die gezielte Vorstellung verblüffend mehr Kraft entwickeln – tote Materie, ohne Hitze oder Kraftanstrengung biegen zu können, ist das Besondere daran. Doch bei mir klappt es nicht. Die Augen noch immer geschlossen, mühe ich mich ab, blinzle zu meinem Nachbarn, sehe seine verbogene Trophäe und ärgere mich.
Andrea erklärt mir, dass ich den Löffel diagonal, also in die falsche Richtung, habe biegen wollen. Wenn ich Zweifel oder Angst habe, bin ich von mir und meiner Kraft getrennt.
Der nächste Versuch klappt auf Anhieb, ich bin erstaunt. Das Biegen ist sehr angenehm, ich fühle meine innere Kraft und meine Verbundenheit mit der Welt. Es ist, als habe meine Seele eine Stimme bekommen, die es Geist und Körper ermöglicht, gut zusammenzuarbeiten.
Das Erlebnis in der Gruppe zeigt mir auch, was für eine Kraft im Kollektivbewusstsein steckt. Alle sind zufrieden, die Kursleiterinnen kommen mit der Kamera vorbei.
Jetzt noch einmal die Augen schliessen, sich in die Chakren vertiefen und aufsteigende Gedanken notieren. Dann ist der Kurs vorbei. Am Samstag finde ich ein Diplom mit Bild von mir und den Löffeltrophäen in der E-Mail-Box.
Kraftstrahlung
Mir ist klar geworden, wie vieles im Leben ich durch meine eigenen Gedanken erzeuge — Negatives ebenso wie Herbeigewünschtes. Manchmal ist jetzt mein Wille wirklich stärker geworden, auch meine Ausstrahlung hat sich verändert, was meine Freunde gefühlt haben – gerade vier haben sich gleichzeitig bei mir gemeldet.
Während ich dies schreibe, fühle ich die Kraft wieder in mir, gehe gleich mal in die Küche und biege einen Kaffeelöffel. Das tu ich in letzter Zeit ab und zu: Löffelchen biegen und fasziniert das Resultat bestaunen. Fast möchte ich glauben, dass es überhaupt nichts Besonderes ist, und dass man auch ohne Vorbereitung Löffel biegen kann. Aber sobald ich wieder ins rationale Tagesbewusstsein versinke, geht das Biegen nicht mehr, und der Löffel lässt mich seinen Widerstand spüren. Muss neue Kaffeelöffel kaufen gehen.
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