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Nr. 91 Frühling 2009
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2012: Was wussten die Maya?
Was steckt hinter dem 2012-Mythos? Zunächst einmal der Mayakalender, dessen bedeutendster Zyklus in jenem Jahr zu Ende geht. Das mittelamerikanische Volk kannte sich präzise und weitreichend aus im Himmel und auf Erden. Prophezeiten die Maya den Untergang?
Von Mario Krygier

Wie kommen wir überhaupt dazu, einem längst untergegangenen Urwaldvolk eine solche Vorhersage zuzutrauen? Es ist vor allem die Ehrfurcht vor einigen seiner verblüffenden Errungenschaften. Die Maya entwickelten eine Hochkultur, die ihre Blütezeit vom vierten bis zum neunten Jahrhundert nach Christus erlebte. Das Indianervolk beherrschte ein komplexes Schriftsystem sowie eine sehr anspruchsvolle Mathematik. Das Rückgrat ihrer Wissenschaften bildete ein besonders hoch entwickeltes Kalenderwesen, welches einerseits Ergebnis, aber auch Grundlage einer Astronomie war, die durch extrem lange und damit sehr präzise Himmelsbeobachtungen geprägt war und deren so gewonnene Erkenntnisse bis heute staunenswert sind.
So kannten die Maya nicht nur die Umlaufzeiten der sichtbaren Planeten ziemlich genau, sondern sie stellten auch Gleichungen auf, um verschiedene Himmelserscheinungen miteinander in Beziehung zu setzen. Hätten sie Dezimalzahlen gekannt, dann hätten sie die Länge eines Monats mit 29,530864 Tagen angeben können. Sie wussten nämlich, dass 405 Vollmonde 11960 Tage dauern. Oder sie formulierten: Fünf Venusumläufe entsprechen acht Erdenjahren, elf Venusumläufe entsprechen 17 Saturnumläufen und so weiter. Sie sagten Sonnen- und Mondfinsternisse voraus und hatten den Lauf der Venus am Himmel derart tabelliert, dass fünf Seiten für jahrhundertelange Vorhersagen ausreichten.

Der «Codex Dresdensis»
Diese Informationen entnehmen wir hauptsächlich den 78 Seiten des Dresdener Codex, dem bedeutendsten von nur drei erhalten gebliebenen «Mayabüchern». Hierbei handelt es sich um eine Mayahandschrift, die von den spanischen Eroberern mit nach Europa gebracht wurde, bevor der Bischof von Yukatan, Diego de Landa, Mitte des 16. Jahrhunderts im Zuge der Verbreitung des christlichen Glaubens alle derartigen Schriften verbrennen liess. Der «Codex Dresdensis», der im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden aufbewahrt wird, enthält hauptsächlich astronomische beziehungsweise astrologische und kalendarische Aussagen und diente im Zusammenhang mit den religiösen Auffassungen über die Götter der Maya als Leitfaden für bestimmte Kulthandlungen über sehr grosse Zeiträume.
Wir können nur ahnen, welche weiteren Erkenntnisse in den Tausenden Büchern niedergeschrieben standen, die wegen des inquisitorischen Eifers von Bischof de Landa auf dem Scheiterhaufen landeten. Aber wir wissen sicher, dass eine enge Verflechtung dieser fortschrittlichen Astronomie mit dem Kalenderwesen den Alltag der Maya in allen Bereichen bestimmte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man der einst am höchsten entwickelten Kultur auf den amerikanischen Kontinenten zugesteht, auch Prognosen hinsichtlich eines zeitlich weit fernen Weltunterganges aufstellen zu können.  

Das Kalendersystem
Zunächst sind einige wesentliche Begriffe zu klären. Dabei gehen wir exemplarisch von einem vollständigen Datum aus, dessen Bestandteile im Folgenden erläutert werden.
Die Inschriften auf Steinsäulen, den Stelen, zeigen uns komplexe Datumsdarstellungen, an denen drei verschiedene Kalender beteiligt sind. Unser Beispieldatum lautet «13.0.0.0.0 4 Ahau 3 Kankin».
Gehen wir der Reihe nach: Die Zahl 13.0.0.0.0 gehört zur sogenannten Langen Zählung – diesen Kalender nahmen die Maya für Himmelsbeobachtungen sowie für ihre Geschichtsschreibung. Hierbei werden seit Beginn (0.0.0.0.0) die Tage einfach im Zahlensystem der Maya gezählt. Die letzte Stelle sind die Einer, die vorletzte Stelle nicht – wie in unserem Dezimalsystem – die Zehner, sondern die Zwanziger. Bis auf eine Ausnahme, nämlich die Zahl 18, rechneten die Maya in einem Zwanziger-Zahlensystem. Die Ausnahme mit der «18» ist der Tatsache geschuldet, dass 20 x 18 Tage = 360 Tage relativ genau einem Jahr entsprechen.
Die fünf Positionen im Datum der Langen Zählung haben Namen: 1 Tag heisst «Kin», 20 Tage werden zu einem «Uinal» zusammengefasst und so weiter. Im Einzelnen sind die fünf Datumspositionen von rechts nach links so benannt:
1 Kin = 1 Tag
1 Uinal = 20 Tage
1 Tun = 20 x18 Tage = 360 Tage
1 Katun = 20 x 18 x 20 Tage = 7200 Tage
1 Baktun = 20 x 18 x 20 x 20 Tage = 144 000 Tage
Somit beträgt die Zahl der Tage unseres Beispieldatums 13.0.0.0.0 also 13 x 144 000 Tage, alle weiteren Stellen sind ja Nullen. Das Datum «13.0.0.0.0» heisst also, dass seit Beginn der Maya-Zeitrechnung 1872000 Tage vergangen sind.
Die Lange Zählung wurde nach Untergang der klassischen Mayakultur durch eine kurze Katun-Zählung abgelöst, welche selbst wieder modifiziert wurde, sodass die spanischen Eroberer das ursprüngliche Tagezählen quasi verpassten. Übrigens wurden die Spanier anfangs fatalerweise von einigen Indios als wiedergeborene Götter aufgefasst.

Der heilige Kalender
Der zweite an unserem Beispiel beteiligte Kalender ist der heilige (religiöse) Kalender Tzolkin. Er besteht quasi aus zwei ineinander greifenden Rädern, wobei eines davon mit den Zahlen von 1 bis 13 beschriftet ist. Das andere Rad enthält die heiligen Tage der Maya «Imix» bis «Ahau» (siehe Abbildung). Dabei ergeben sich an der jeweiligen Berührungsstelle Tage wie zum Beispiel «1 Imix», «2 Ik», «3 Akbal» und so weiter. Kombiniert man nun alle Zahlen des einen Rades mit allen Tagesnamen des anderen, erhält man 260 verschiedene Tzolkin-Daten.
Einer der 260 Tzolkin-Tage, nämlich «4 Ahau», hat nun gemäss dem «Popol Vuh» (in heutiger Orthografie «Poopol Wuuj» = «Das Buch des Rates der K´ichee´-Maya von Guatemala», das heilige Buch der Maya, moderne Übersetzung von Jens Rohark) eine besondere Bedeutung: Diesem Buch zufolge gab es nämlich vier Schöpfungen, aus denen vier Männer («4 Ahau» = «4 Herren») hervorgingen. Ein derartiges Zusammenspiel zwischen Tzolkin-Kalender und Langer Zählung funktioniert seit jenem Zeitpunkt, als der Tzolkin seine feste Position im Jahr als Kalender der Agrarperiode des Maises verliess.
Bis auf die «3 Kankin» ist die Datumsinschrift «13.0.0.0.0 4 Ahau 3 Kankin» an dieser Stelle mithin klar: Seit dem Anfang der Langen Zählung sind 13 x 144000 Tage vergangen, und zudem trägt der Tag der Inschrift das Tzolkin-Datum «4 Ahau». Die «3 Kankin» gehören zum Sonnenkalender Haab und spielen bei unserer 2012-Thematik lediglich eine untergeordnete Rolle.
Die Lange Zählung beginnt natürlich am Schöpfungstag – das vollständige Datum des ersten Kalendertages der Mayazeitrechnung heisst daher also «0.0.0.0.0 4 Ahau 8 Cumku», wobei die Angabe «8 Cumku» aus dem Haab-Kalender (dieser diente zum Beispiel dazu, den Zeitpunkt der Aussaat zu berechnen) wiederum zu vernachlässigen ist.

Das besondere Jubiläum
Dem aufmerksamen Leser ist aufgefallen, dass sowohl der Tag 0.0.0.0.0 als auch der Tag 13.0.0.0.0 das Tzolkin-Datum «4 Ahau» zugeordnet bekommen. Nach dem Schöpfungstag hat dieses mythologisch bedeutsame Datum erst nach «13 Baktun» wieder ein Jubiläum, und zwar dergestalt, dass alle weiteren (vier) Stellen der Datumsangabe eine Null zeigen. Zwar haben wir nach jedem vollen «Baktun», also alle 144000 Tage, den Tag «Ahau», aber eben nicht «4 Ahau».
Das erlaubt uns mit Fug und Recht die Deutung, dass das Datum 13.0.0.0.0 in der Mythologie der Maya dasselbe ist wie 0.0.0.0.0 – nämlich der Tag der Schöpfung. Hieraus wiederum resultiert ein neuerlicher grosser Zyklus: Von einem Schöpfungsdatum bis zum nächsten vergehen jeweils «13 Baktun». Das sind, wie oben berechnet, 13 x 144000 Tage, also 1872000 Tage oder 5125 Jahre zu je 365,25 Tagen. Anders gesagt: Rein mathematisch beginnt alle 5125 Jahre eine neue Lange Zählung. Und mythologisch betrachtet stellt für die Maya jedes neue Schöpfungsdatum einen ganz besonderen Zeitpunkt dar.

Auszug aus dem Artikel 2012. Den ganzen Artikel lesen Sie in der Printausgabe von SPUREN Nr. 90. Erhältlich an jedem Kiosk oder per Abonnement.

www.faszination2012.de

Literatur:
Mario Krygier und Jens Rohark: Faszination 2012 – Das Buch zum Mayakalender. Docupoint Verlag, Magdeburg 2008, 296 Seiten, Fr. 32.–.

Mario Krygier und Jens Rohark:
Don Eric und die Maya. Docupoint Verlag, Magdeburg 2006, 260 Seiten, Fr. 33.70.


Autor: Mario Krygier | Profil
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