So ein langer Atem
Die Berlinerin Ilse Middendorf hat ihr Leben einem einzigen grossen Anliegen verschrieben, und sie hat damit Generationen von Menschen berührt und bereichert: Der erfahrbare Atem.
Von Doris Iding
Mit Ilse Middendorf erwartet mich eine Begegnung ganz besonderer Art. Prof. Middendorf ist die Grande Dame der Atemtherapie und hat mit ihrem «Erfahrbaren Atem» Meilensteine gesetzt. Sie war eine der Visionärinnen, die nach dem Ersten Weltkrieg die Bedeutung des Atems und der Körperarbeit für die Menschen erkannte, systematisch erforschte und für Heilzwecke einsetzte. Dabei ging es ihr nie um den in Zyklen gezähmten Atem, sondern darum, den Atem zu erfahren, als Wesenheit, als Meister und als Wegbegleiter. Im von ihr begründeten «Ilse Middendorf Institut für den Erfahrbaren Atem» hat sie zahlreiche Menschen behandelt und ausgebildet. Kein Wunder, dass ihre Technik mittlerweile in ganz Europa und selbst in San Francisco praktiziert wird.
Ich treffe die Atempionierin in Berlin-Schöneberg in einem ruhigen Hinterhof, wo sie oberhalb des Institutes eine grosse, ruhige Wohnung hat. Ja, ruhig ist es hier wirklich. So ruhig, dass ich immer wieder meinem Atem lauschen kann, während Prof. Middendorf den Tee aus der Küche holt. Die zierliche Dame mit ausserordentlich wachen Augen serviert mir später den Tee mit ruhiger Hand. Dann setzt sie sich auf ihren Stuhl, aufrecht und neugierig, meine Fragen zu vernehmen. Ihre Körperhaltung bleibt die ganze Zeit über aufrecht, so dass sie viel jünger wirkt, als sie tatsächlich ist. “Nur das Gehör hat nachgelassen”, verkündet sie mir bereits bei der Begrüssung. “Das Einzige, was eindeutig darauf hinweist, dass ich so alt bin,” Wie alt sie nach Jahren ist, das schlage ich in einem Buch nach, das sie mir mitgab: 96.
SPUREN: Uns soll es im Folgenden um die Frage gehen, wie ein Mensch, der eine besondere Arbeit entwickelt hat, diese Methode in sein persönliches Leben einbringt. Können Sie sich dazu in einigen Sätzen vorstellen?
Ilse Middendorf: Gerne. Aber ich kann Ihnen gleich sagen, dass Sie mich vielleicht zwischendurch bremsen müssen, weil ich sehr gerne über die Dinge spreche, die mir wichtig sind (lacht). Zuerst stelle ich die Arbeit vor. Wenn ich zum Beispiel einen neuen Kurs habe, dann sind wir genau dort, wo wir eigentlich sein sollten. Wir sitzen dann im Kreis und sind in Erwartung dessen, was wir tun sollen, und nicht, was wir sprechen sollen. Keiner erwartet von mir eine lange Anfangsrede, weil ich lieber in der Erfahrung bin bei meiner Arbeit. Sie ist eigentlich nur zu erfahren. Und deshalb fand ich später, vielleicht in der Hälfte meiner Tätigkeit, den passenden Titel dafür: Erfahrbarer Atem.
Normalerweise ist der Mensch es gewöhnt, vom Mentalen her zu leben. Man nimmt sich etwas vor, stellt es sich vor. Mit anderen Worten sind wir mental die ganze Zeit damit beschäftigt zu denken: «Was kann ich aus mir machen? Wie kann ich mich am besten zeigen?» Durch diese mentale Herangehensweise an das Leben haben wir ein wunderschönes Ego (lacht) und bemerken oft nicht, wie egozentrisch es ist.
Im Erfahrbaren Atem geben wir die Vorherrschaft des Egos ab - und zwar an den Atem. Der Atem ist ja zunächst eine unbewusste Funktion. Wenn wir es zulassen – vorausgesetzt wir können es – sind wir Schüler eines Meisters, und dieser Meister ist der Atem. Der Atem ist aber nicht nur Atem, sondern er ist darüber hinaus auch wesenhaft. Und wenn etwas Wesenhaftes weitergegeben werden soll, ist es am besten, es zu erfahren.
Wann sind Sie sich das erste Mal bewusst geworden, dass der Atem eine zentrale Rolle in Ihrem Leben spielen wird?
Was ich jetzt sage, mag vielleicht merkwürdig klingen. Aber mit sechs Jahren wurde es mir bewusst. Damals lag der Erste Weltkrieg gerade hinter uns. Ich hatte nicht die Notwendigkeit, wegen einer Krankheit an den Atem heranzukommen, sondern es gab eine Gymnastiklehrerin in der kleinen Stadt bei Chemnitz, in der ich geboren bin. Diese Lehrerin sagte zu uns: «Wir gehen vier Schritte vor und atmen ein, und wir gehen vier Schritte rückwärts und atmen aus.» Damals habe ich schon gelauscht und nach einiger Zeit gefragt: «Ist das nicht so, dass man seinen Atem laufen lassen muss?»
Später habe ich sehr gerne getanzt, aber meine Eltern hatten dafür keine Empfänglichkeit, wobei ich ein sehr gutes Elternhaus hatte. Somit bin ich zur Gymnastik gekommen. Als ich elf war, schickten mich meine Eltern in unseren kleinen Schrebergarten am Rande der Stadt, um dort zu jäten. Es war ein wunderschöner sonniger Tag. Ich streckte meine Arme nach oben, und dann sagte eine mir vollkommen fremde Stimme: «Du musst atmen!» Ich zitterte vor Aufregung, weil es etwas ganz Neues war, bin dann schnell nach Hause gegangen und habe es meinen Eltern erzählt. Sie haben versucht, mich zu beruhigen, weil sie diese Verrücktheiten nicht unterstützen wollten. Ich selbst habe zuerst auch gedacht, dass das Unsinn sei.
Während meiner Ausbildung zur Gymnastiklehrerin habe ich dadurch gestört, dass ich sagte: «Ich kann das nicht durchführen, was hier von mir verlangt wird. Die künstliche Atemmechanik ist gegenläufig zum natürlichen Atem.» 1935, mit 25 Jahren, habe ich schliesslich mit der Arbeit angefangen. Aber dann kam ja auch gleich schon der Zweite Weltkrieg, meine Ehe und mein Sohn. Mein Mann kam nicht wieder aus dem Feld zurück. Meine Praxis war nach dem Krieg zerbombt, und ich habe dann wieder von vorne angefangen, die Praxis aufzubauen. Damit begann eine schöne Zeit hier in Berlin.
Hat diese Stimme noch einmal zu Ihnen gesprochen?
Ja, immer wenn ich verzweifelt war und dachte, dass meine Arbeit nicht ankommt, wenn ich glaubte, die Leute würden meine Arbeit noch nicht brauchen und ich sie ihnen nicht aufdrängen wollte. Dann kam jedes Mal die gleiche Stimme, die ich als eine Führung erkannte. Sie sagte zu mir: «Das muss unter die Menschen!»
Sie haben gesagt, dass alle Zellen Ihres Körpers auf den Atem antworten. Können Sie erklären, was damit gemeint ist?
Das geht nur, wenn ich vermag, den Atem kommen zu lassen, ohne ihn zu stören. Und zwar ist das so, dass wenn ich zum Beispiel auf meine Hand schlage, dann brennt sie. Diese Empfindung holt sofort meine Aufmerksamkeit. Ich schlage, und meine Aufmerksamkeit geht unmittelbar dort hin. Die Empfindung und Aufmerksamkeit sind sofort zusammen, und sie zeigen das Dritte: Das ist der Atem. Unser Leitseil heisst: Ich lasse den Atem kommen, ich lasse ihn gehen und warte, bis er von selbst wiederkommt.
Das heisst, dass Sie aus einer tiefen Unmittelbarkeit heraus leben und agieren.
Es ist ein Agieren aus der Gegenwart. Wir als weibliche Wesen haben die grosse Aufgabe, das Sein in das Leben zu bringen. Das weibliche Prinzip müsste begreifen, dass es nicht dadurch wirkt, dass es wie der Mann werde und ihn von seinem Thron stosse, sondern dass es anderer Art ist. Dem männlichen Prinzip entspricht die mentale Ausdrucksweise und damit dem Denken und Tun – der Aktion. Vom Atem aus gesehen, entspricht das der senkrechten Dimension. Der Waagrechten entspricht das weibliche Prinzip, das aus dem wesentlichen Ursprung lebt.
Gab es einen bestimmten Moment, als Ihnen dies ganz bewusst wurde?
Natürlich sind es Sternminuten, wenn einem so Wesentliches bewusst wird. Dann weiss man es plötzlich.
Dies sind ja eigentlich Momente der tiefen Gnade, mithin ein Ziel der spirituellen Traditionen.
Gerade gestern hatte ich eine solche Erfahrung. Sie kam, als ich an einem neuen Skript arbeitete. Dabei geht es um die echte Beziehung zwischen dem Mentalen und der Erfahrung. Wir müssen das Mentale genau kennen, und auch die Erfahrung müssen wir genau kennen. Trotzdem muss keine der beiden Seiten Abstriche machen. Sie müssen sich in ihrer Eigenart nähern.
Sie selbst haben sich aus Ihrem Institut zurückgezogen und arbeiten offiziell nicht mehr sehr so viel, oder?
Offiziell habe ich mich vor zwei Jahren zurückgezogen und habe dann im letzten Jahr noch einmal reduziert. Mittlerweile arbeite ich viel weniger und gebe auch weniger Einzelbehandlungen. Ich spürte den Zustand grosser Erschöpfung.
Wie erlebt ein so aktiver, lebensbejahender und bewusster Mensch wie Sie es, wenn Sie merken, dass der Körper schwächer wird, der Atem kürzer?
Dann gehe ich sehr abwartend mit mir um. Ich habe in mir die Möglichkeit, den Atem auf mich zukommen zu lassen, so dass er mir schnell hilft. Ich habe einen so genannten inneren und einen äusseren Atem. Der äussere Atem entsteht dadurch, dass die Nasenflügel sich dehnen. Der Einatem reagiert immer auf Dehnung. Es ist ein grosses Geschenk des Körpers, dass er so auf die Einatmung reagiert. Und die Ausatmung ist auch etwas Besonderes. Da haben wir in der Mitte des Kopfes eine Stelle, die reagiert kühl, wenn wir ausatmen. Wenn tiefer Atem kommt, dann legt sich diese Kühle von innen an den Körper. Der Atem ist eine sehr grosse Hilfe für mich. Wenn ich einatme, bekomme ich diesen Stoff; wenn ich ausatme, kann ich es verarbeiten. Dann kommt die dritte Phase, die Ruhe nach dem Ausatem. Das ist das Freigeben dessen, was ich gearbeitet habe. Freigeben ist ganz anders als Schenken. Das ist gar nicht so einfach. Und damit hat man das ganze Leben zu tun – wenn man ehrlich ist zu sich.
Wie ist die Vorstellung für Sie, das eigene Leben wieder freizugeben?
Das macht langsam mehr und mehr Freude. Ich bin sehr – das klingt jetzt wie Prahlerei, aber es ist keine –, ich bin sehr gespannt, was kommt. Freudig gespannt.
Haben Sie einen Glauben an eine Form nach dem Tod.
Ja. Man legt diesen Körper ab, und dann ist ja längst etwas beschlossen, etwas anderes. Ich meine, es ist ein Kreislauf. Leben ist ein Kreislauf, so wie der Atem ein Kreislauf ist. Wir leben in dauernden Kreisläufen. Und wenn ich ihn geübt habe, ist er mir bewusst geworden. Wenn ich einatme, bekomme ich etwas. Und wenn ich ausatme, bündelt sich dieser Stoff und wird dann als Arbeit nach draussen gegeben. Daran bin ich beteiligt. Und ich bin keineswegs unbewusst. Das kann auch mal sehr emotional sein. Kann mal ein Schreien und ein Weinen sein. Das brauchen wir ja auch. Wenn übermässiger Schmerz da ist, muss das sogar sein. Die Ruhe nach dem Ausatem ist dann das Beruhigende, da wir freigeben können. Und dann kommt wieder die grosse Lebenskraft. Eine Rundung.
In Ihren Worten spiegelt sich auch die Essenz vieler östlicher Weisheiten wider, ohne dass sie die entsprechenden Worte verwenden.
Ich habe in diesen Dingen ja auch einen ausgezeichneten Lehrmeister gehabt. Das war in der Zeit von Dürckheim: Cornelis Veening, ein gebürtiger Holländer. Ich war eine der wenigen Auserwählten, die er als Schüler nahm. Er war ein europäischer Guru. Ein sehr liebevoller, aber gleichzeitig auch ein sehr strenger Lehrmeister. Ich habe – sporadisch – 28 Jahre mit ihm in Holland gearbeitet, wo er lebte. Das Beste an seiner Arbeit war, dass er mich nicht geleitet hat, sondern dass er das, was da kam, hütete und sehr bestätigte. Eigentlich war es seine Stimme, die zu mir sagte: «Das muss unter die Menschen.»
Wann sind Sie denn das erste Mal mit östlichen Traditionen in Kontakt gekommen?
Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu suchen und habe C. G. Jung gelesen – und natürlich habe ich nichts verstanden (lacht herzlich). Dann kam auch gleichzeitig die Verbindung nach Indien. Ich lebte damals sehr viel in anderen Welten, wurde aber sehr schön durch den Atem wieder auf den Boden gebracht. Ich hatte eine Pfarrerin hier in Behandlung. Sie brachte mir ein Buch von Sri Aurobindo, in dem ein Schweigen nach innen beschrieben war. Ich versuchte es gleich und fand es wunderbar, dass man so weit nach innen gehen kann, dass die Gedanken nicht mehr weggeschickt werden müssen, sondern man sie einfach nicht mehr hat.
Eine solche Übung ist gut, wenn man unter Schlaflosigkeit leidet. Viele Menschen, die zu mir kommen, leiden darunter.
Angenommen wir hätten eine Zeitmaschine. Würden Sie etwas anders machen?
Was den Erfahrbaren Atem betrifft nicht. Die Arbeit ist so gewachsen, und sie ist gut, so wie sie ist. Ich selber hätte vielleicht hie und da weniger arbeiten sollen und ein wenig mehr von der Seite ausleben können, die ich auch habe: Tanzen, Freude haben, Lustbarkeit (lacht), und vor allen Dingen auch Theater. Ich habe ja selbst auch Klavier gespielt. Das musste ich lassen, denn ich lebte nur dem Atem zu.
Haben Sie Wünsche? Etwas, was Sie noch machen möchten?
Wenn Sie wollen: Alles! (lacht) Ich bin unersättlich. Erst mal in der Atemarbeit. Sie wächst weiter. Während ich an einem neuen Buch schreibe, kommen weitere Möglichkeiten. Wenn ich könnte, würde ich Musik pflegen, tanzen und würde den Atem in den Tanz integrieren. Das wäre wahrscheinlich ein echter Wunsch, dem ich nachgehen würde. Die ganzen musischen Dinge, das wäre mein Feld.
Wie sieht Ihr Tag heute aus?
Bis vor vier Wochen bin ich jeden Morgen um halb sechs Uhr aufgestanden. Jetzt stehe ich um sechs Uhr auf. Das ist schon sehr schön. Dann mache ich alles sehr präsent. Ich habe aus meinem langen Leben gelernt, dass die eigene Präsenz unendlich wichtig ist. Ich versuche, dass ich immer im Jetzt bin. Seit Weihnachten versuche ich zu schreiben, telefoniere oder schreibe Briefe mit der Hand. Oder ich fange an, Dinge aufzuarbeiten. Viele Dinge haben Jahre, Jahre, Jahre gelegen und sind abgelebt.
Sie waren zweimal verheiratet, leben nach dem Tod Ihres zweiten Mannes aber alleine. Wie geht es Ihnen heute, wo Sie alleine leben?
Am Anfang fiel es mir leichter. Heute habe ich manchmal das Empfinden, es wäre schon schön, einen nahen Menschen zu haben. Einen richtig nahen Menschen. Das spüre ich, seitdem ich aufgehört habe zu arbeiten. Ich war immer gerne alleine. Am Abend zum Beispiel bin ich sehr gerne alleine und geniesse die Ruhe. Dann bewegt sich sehr viel in mir.
Meditieren Sie auch manchmal?
Das Meditieren liegt, je nachdem wie Sie es sehen wollen, hinter oder vor dem Atem. Seit der Atem in mir so reif geworden ist, wie er jetzt ist, gehören Atem und Meditation zusammen. Somit sind sie eins geworden, und ich fühle mich dann oft in einem tiefen Frieden.
Literatur:
Ilse Middendorf: Der Erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. Junfermann Verlag, 1995;
Ilse Middendorf: Der Erfahrbare Atem in seiner Substanz. Junfermann Verlag, 2000
