Papa Gott oder Die Hütte
Warum erleben wir Leid auf dieser Welt? Gott persönlich hat die Antworten mal wieder parat, und erneut ist Amerika der Ort, wo Er sich meldet. Diesmal begegnen wir Ihr in einem Roman.
Von Stephanie Schmid
Gut schreiben kann er, das muss man William Paul Young lassen. Sein Buch startet mitreissend mit der Entführung von Missy, Familienvater Macks jüngster Tochter. Die Unausweichlichkeit ihrer Ermordung spielt gut mit kollektiven Ängsten und jagt dem Leser Macks Leid unter die Haut. Die Welt ist böse, das scheint klar. Nichts kann den Vater über Jahre aus seiner «grossen Traurigkeit» erretten, und so lädt Gott ihn per Brief in eine verfallene Waldhütte ein, an den Ort, wo Missy ihr Leben liess.
Dort wartet eine dicke und herzliche Afroamerikanerin alias Gott auf den Verzweifelten. Zusammen mit Jesus, einem unscheinbaren Handwerker aus dem Nahen Osten, und der Asiatin Sarayu, dem personifizierten Heiligen Geist, verbringt das Vierergespann ein göttliches Wundertütenwochenende. Stets begleitet von üppigen Mahlzeiten, erteilt die Heilige Dreifaltigkeit im Dialog mit Mack gewichtige Antworten auf die grossen Fragen des Lebens.
Gott ist Liebe, und wir Menschen werden ausnahmslos geliebt. Das ist die Hauptbotschaft, die erst mal recht sympathisch daherkommt und die Sehnsucht vieler Leser bedient. Doch bald werde ich missmutig. Manches, was gesagt wird, mag zu meiner Freude zwar fundamentale Christen durchaus erzürnt hinter dem Ofen hervorlocken, doch bevor es zu provokant wird, folgt gleich wieder die konforme Notbremse. Eine Hölle gibt es zwar nicht, dennoch führen noch lange nicht alle Glaubenswege zu Gott. Zur Errettung der Menschheit gibt es glücklicherweise den Gott-Menschen und «König des Universums», Jesus, der sogar übers Wasser gehen kann – was für ein cooler Typ!
Weiter geht es mit grossen Erkenntnissen. Natürlich fand der Sündenfall von Adam und Eva wirklich statt, verursacht durch das Streben der Menschen nach Unabhängigkeit, was uns bis heute von Gott trennt. Diese(r) ist sowieso allmächtig und greift nur nicht in unser Leben ein, weil wir lernen müssen, auf die Liebesbeziehung zu Gott zu vertrauen. Also geben wir doch einfach kindlich gläubig die Eigenverantwortung für unser Leben ab, nennen Gott zärtlich «Papa», wie es der Autor tut, und hoffen darauf, dass irgendwann im biblisch verheissenen Paradies alles besser sein wird und Leiden Sinn ergibt. Und wem sich bei solchen Aussagen wie mir die Haare sträuben, dem sei auch gleich – liebevoll natürlich – gesagt, dass wir Zweifler den All-Einzigen- Gott einfach noch nicht erkannt haben.
Schade, schade! Die Geschichte hätte für mich viel Potenzial in sich getragen. Statt erquickendem Lesevergnügen erwartete mich jedoch eine hübsche Mogelpackung voll christlicher Parolen. Ich hätte mir einen mutigen Autor gewünscht, der Gott mit einem Vorschlaghammer die Hütte der verstaubten Religionsdogmen zusammenschlagen lässt. Stattdessen wird versucht, ein überkommenes Weltbild mit Zement der Marke «Gott liebt uns arme Seelen» zu kitten.
Die Überzeugungen des Autors kann ich gut bei ihm stehen lassen. Dass dieses Buch aber einen millionenschweren Erfolg feiert und von einer lobpreisenden Leserschaft nahezu auf den Status eines neuen Evangeliums gehoben wird, ist mir unbegreiflich. «Menschen können solche Idioten sein!», grummelt Gott in diesem Buch. Ohne mich selbst davon ausnehmen zu wollen: Da kann ich Gott nur zustimmen.
William Paul Young:
Die Hütte.
Ullstein Verlag,
Berlin 2009,
301 Seiten, Fr. 29.90.
