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Nr. 65 Herbst 2002
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 65 Herbst 2002
 
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In Wahrheit?
Satsang: Ein Kommentar von Martin Frischknecht
Von Martin Frischknecht

Die Leute gehen neuerdings zum Satsang. Früher waren sie bei Osho in Poona, wo sie in Encountergruppen schrien und sich entblössten, dann schwiegen sie, übten sich in Meditation und Achtsamkeit. Jetzt ist es Satsang. Übersetzt wird das Wort als ´Sein in Wahrheitª. Tiefe Einsichten, Durchbrüche, Veränderungen allüberall.

Wozu denn eigentlich? Natürlich wegen der Erleuchtung. Seitdem sie beim indischen Weisen H. L. Poonja in Lucknow so mühelos und rasch zu haben war, ist die vermeintlich höchste Sache mit einem Mal in Griffweite gerückt. Nun gibt es mit einem Mal Satsang bei Torsten in Hamburg, bei Sajid in Basel und bei Maria von Stiersbach - Erleuchtete allesamt?

Natürlich erscheint es lächerlich, wie diese neuen Leuchten in den Anzeigen alle um die Wette strahlen, wie sie ewiges Glück verheissen - einmal tief in die Augen schauen genügt. Offensichtlich liegt hier eine Inflation vor. Der Begriff "Erleuchtung" ist wohl kaum mehr, wofür er einmal gestanden hat.

Wofür denn bloss? Bestimmt nicht für etwas, was Asiaten vorbehalten wäre. Wenn Erleuchtung der eigentliche Zustand des Menschen ist, wenn geistiges Erwachen zu unserem Geburtsrecht gehört, so ist es wohl höchste Zeit, dass die Sache auch bei uns stattfindet.

Durch die Welle der neuen Satsang-Lehrer ist uns die Erleuchtung buchstäblich näher gekommen. Wo früher einer einsam auf der Bühne seine Show abzog und Tausende von Menschen ihm aus dem Dunkel lauschten, trifft man sich heute unter Porträtbildern von Ramana Maharshi und H. L. Poonja zum Austausch auf gleicher Ebene in kleinerem Kreis.

Ich halte das für eine erfreuliche Entwicklung. Statt die neuen Leuchten in Frage zu stellen und ihre Motivation zu bezweifeln, möchte ich einen Schritt weitergehen: Lassen wir die Sache noch näher an uns heran. Erkennen wir die Erleuchtung als Mythos, als besonders raffinierten Schachzug unseres denkenden Geistes, der einfach nicht anders kann, als Trennungen zu postulieren und Ziele zu errichten, hinter denen er herhecheln kann, um das Ego bei Laune zu halten.

Nehmen wir diese Erleuchteten doch beim Wort! Glauben wir ihnen, wenn sie verkünden, alles sei Bewusstsein, in allem und jedem wirke dieselbe ununterschiedene Energie! Wenn diese jahrtausendealte Aussage aller Mystiker sämtlicher Traditionen zutrifft - und bei Lichte besehen spricht tatsächlich nichts dagegen - was wollen wir uns da länger als spirituelle Sucher behaupten?

Bloss weil wir es mit eigenen Augen nicht gesehen haben, bloss weil uns die lebendig sinnliche Dimension davon nicht kenntlich ist, brauchen wir uns vor dieser Wahrheit doch nicht zu verschliessen. Das wäre kleinlich. Wenn wir den Unterschied betonen zwischen jenen, denen wir den grossen Durchbruch zubilligen, und uns, die wir in dieser Angelegenheit für arme Schlucker halten, so handeln wir wahrlich unerleuchtet.

Bereits entwickelt sich in ersten Ansätzen so etwas wie ein Satsang-Tourismus. Ist das immer noch "Sein in Wahrheit"? Dietmar Bittrich, der Autor des unnachahmlich witzigen Gummibärchen-Orakels, beschreibt diese Bewegung in einem neuen Satsang-Guide, den er zusammen mit Christian Salvesen verfasst hat (Die Erleuchteten kommen, Goldmann Taschenbuch 21612, München 2002):

"Der Verstand kommt von selbst zur Ruhe - weil ein Lehrer anwesend ist. Einige sagen: Er saugt etwas auf. Wie ein Staubsauger. Wie ein Vakuum ... Andere behaupten: Vom Lehrer geht eine Übertragung aus. Allmählich überträgt sich seine Stille auf die Schüler. In der Wirkung ist das gleich. Der Gedankenstrom wird dünner. Die Beschäftigung mit dem, was getan und gesagt wurde, lässt nach. Das Fantasieren über das, was kommen könnte, hört auf ... Und siehe da, im gegenwärtigen Moment gibt es keine Probleme. Da ist Frieden. Es ist genau dieser Frieden, nach dem die Satsang-Besucher süchtig werden."

Frei nach der Formel: Dort ist der Frieden, hier bin ich. "Sein in Wahrheit" ist, wenn ich dieses Friedensgefühl in mir habe. Und das ist immer, wenn ich in der Nähe von X bin, von Y oder Z. Sonst leider nicht.

Genauso gut könnten wir Satsang für Gummibärchen machen. Wär erst noch witziger.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
Seitenaufrufe: 6476 - Kommentare: 3
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Kommentare:

Finde den Artikel recht provokant und zum Nachdenken anregend. Die Frage, die sich mir stellte: Wieso geht Herr Frischknecht davon aus, dass es mit eigenen Augen nicht sichtbar ist und dass Erleuchtung auf blindem Glauben basieren muss? Damit würde er Erleuchtung mystifizieren. Genau das soll doch in unserer Zeit vermieden werden und die Erleuchtung entmystifiziert werden....oder habe ich da was falsch verstanden?

24.01.2004 - 22:08 | Amadea Kessel | Profil

Martin Frischknecht spricht mir - nicht nur in diesem Artikel - aus der Seele. Satsang für Gummibärchen: jawohl. Der Autor lässt sich nicht einfangen von dem laut tönenden Primborium allenthalben. Bei allem behält er seinen klaren Blick und ist dennoch nicht zynisch, sondern beschreibt humorvoll allemöglichen Ecken und Kanten der Eso-Szenerie. Herrlich auch, wenn er sprachlich so genannte Halbgötter unter uns wieder zu dem reduziert, was sie sind: Menschen wie du und ich.

18.02.2004 - 0:08 | Thea Rosie | Profil

Hier macht sich einer ja lustig lustig, geht ja aber wohl mal wieder am eigentlichen vorbei. Satsang ist eben Zusammenheit mit dem Sein, der Wahrheit, und nicht nur der Moment, wo man mit seinem Lehrer zusammensitzt. Es ist ja auch die Selbsterforschung und Anleitung dazu. Und ob da nicht so manches Gummibärchen versagt? Ansonsten offenbart das Gummibärchen aber auch das, was ohne Entstehen und Vergehen ist. ;-)
Es ist eben nicht das Dort ist die Wahrheit-hier bin ich. Wie kann Wahrheit an Ort und Zeit gebunden sein?
Und um OWK (Ohne weiteren Kommentar) zu zitieren:
Im Wesentlichen ist Satsang das ZusammenSEIN mit dir Selbst...
Wenn du einen Meister suchst, frag bei Aldi, Proper soll er heißen.
Satsang ist immer - hier und jetzt, überall und jederzeit.

02.09.2005 - 2:51 | myra | Profil

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