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Nr. 92 Sommer 2009
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 Edition SPUREN
 
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Die unbändige Seele
Die zeitlose Botschaft der Spiritualität, begeisternd, klar, überzeugend.
 

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SPUREN
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Das offene Geheimnis - Gurus im Alltag
Wir strahlen sie an, und sie leuchten. Doch wie verhalten sich spirituelle Lehrer, wenn sie nicht auf der Bühne stehen? Wie bewältigen sie den Alltag? Was für Beziehungen leben sie? Fragen erlaubt!
Von Martin Frischknecht

Es war eine tolle Gelegenheit. Durch die Vermittlung einer treu sorgenden Bekannten kam ich vor fünf Jahren zu einem Interviewtermin mit einem renommierten spirituellen Lehrer unserer Zeit. Ich würde den Mann, der ganze Säle füllte, wenn er irgendwo auf der Welt auftrat und von seiner Erleuchtung sprach, einer, der alleine auf grossen Bühnen sass und in ruhiger, bescheidener Weise die Stille mit allen teilte, die zu ihm kamen, diesen Mann, an dessen Lippen Millionen hängen und dessen Nähe Tausende suchen, diesen Mann würde ich treffen und eine Stunde mit ihm sprechen können. Was für ein Privileg! Und nicht nur, dass ich diesen Weisen eine Stunde lang ganz für mich haben würde, nein, ich durfte auch gleich zu ihm aufs Hotelzimmer, denn dorthin wurde ich gebeten, als ich mich zur gegebenen Zeit an der Rezeption meldete.
«Ja, hallo. Es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich zu treffen. Hier sehen Sie, das ist das spirituelle Magazin, für das ich verantwortlich zeichne.» «Aha, ja das ist interessant. Werde ich mir später gerne ansehen. Versprechen darf ich das allerdings nicht, denn wissen Sie, bei mir zu Hause stapeln sich Manuskripte, Anfragen und Vorschläge, die mich seit dem Erfolg meines ersten Buches erreichen. Um dem vielen Material, das mir zugesandt wird, überhaupt Platz zu verschaffen, mussten wir in unserem Haus eigens einen Raum zur Aufbewahrung einrichten.» «Verstehe. Ich will Sie ja auch nicht über Gebühr beanspruchen. Kommen wir zur Sache. Darf ich Ihnen die erste Frage des Interviews stellen» «Ja, selbstverständlich, legen Sie los!»
Das habe ich dann auch getan. Es wurde ein spannendes, tiefschürfendes Gespräch. Die Stunde verging im Flug. Gegen Ende des Interviews war klar, dass wir uns mehr zu sagen hatten, als auf dem Tonband würde zu hören sein. Jenseits und hinter den Worten hatte sich Zeitlosigkeit und Stille breit gemacht, eine Atmosphäre, die wir gerne teilten. Dann klingelte das Telefon. «Yes, darling», sagte er bloss, und dann noch, dass wir mit dem Gespräch in wenigen Minuten gewiss fertig sein würden. Nach Ablauf der Frist – wir hatten uns eben erst wieder richtig aufeinander eingelassen – klingelte es erneut. «Yes, darling, wir sind fertig.» Er hängte auf, entschuldigte sich. Unsere Zeit war um. Jetzt gab es keinen Aufschub mehr. Er lächelte. Mir schien, er lächle nicht bloss bedauernd, sondern verlegen. Mit diesem Ausdruck im Gesicht erhob er sich und geleitete mich zur Tür. Good bye, und machen Sie es gut. Ja, danke, Sie auch.

Der Missklang
Was war das? Ein Misston, zumindest für mein Ohr. Die Schwäche eines Mannes, mit dem ich eben noch frei in höchsten Sphären geschwebt war. Leicht verwirrt strebte ich von dannen. Offensichtlich steckte die Partnerin des erleuchteten Lehrers in einem der Nebenzimmer und wartete darauf, dass unser Interview um war. Zu erkennen gab sie sich nicht. Einige Monate darauf sah ich sie doch. Auf seiner Website. Dort wurde die attraktive Frau vorgestellt als seine bedeutendste Schülerin und als die neue Kraft an seiner Seite. Seitdem unterstützt sie den Meister bei der Verbreitung seiner Lehre. Von fünf öffentlichen Anlässen in diesem Jahr bestreitet sie deren vier alleine, bei einem ihrer Workshops hält er vorab einen Vortrag.
Für ihn ist das wohl eine Erleichterung. Wer diesen Mann einmal erlebt hat, spürt, dass er am liebsten mit der Glückseligkeit seiner geistigen Verwirklichung alleine geblieben wäre, seitdem er sie in jungen Jahren erfuhr, und dass er, trotz seines enormen Erfolgs, den Massen lieber aus dem Wege geht. Die Frau an seiner Seite bietet ihm wohl den Schutz, auf den er angewiesen ist, wenn er im Sturm der Publicity den Frieden seiner Seele bewahren will.

Der Mensch dahinter
Ich habe den Rummel um seiner Person nicht zusätzlich gefördert. Das Interview mit ihm blieb unveröffentlicht. Heute weiss ich nicht mal mehr recht, wo das Tonband zu suchen wäre, auf dem unser Gespräch damals aufgezeichnet wurde. Ich habe nie mehr reingehört. Egal, was für Weisheiten darauf zu hören wären, den Misston vom Schluss würde es nicht übertönen. Den werde ich einfach nicht los. Er gehört für mich untrennbar dazu.
Nicht weil ich so etwas wie ein gestrenger Sittenwächter wäre und von anderen die Einhaltung von Regeln verlangen würde, denen ich selber nicht gewachsen bin. Mir geht es um etwas anderes: Wenn ich für mich beurteilen will, wie weit ein anderer Mensch in seiner geistigen Entwicklung gekommen ist, muss ich mich an das halten, mit dem ich mich aus eigener Erfahrung auskenne. Und das sind nun mal nicht Hellsichtigkeit, Jenseits und Erleuchtung, sondern der Bereich des Menschlichen, Allzumenschlichen. Das heisst, wenn ich es mit Durchsagen aus fernen Galaxien zu tun bekomme, achte ich genauso auf den Lebenswandel des Mediums in dieser Welt, bei einer Erleuchteten interessiert mich mindestens so sehr deren Wirkung auf ihr Umfeld wie die unmittelbare Strahlkraft der Verwirklichten selber, und wenn ein Therapeut mit einer revolutionären Methode zur Heilung der Welt auftritt, nimmt mich schier zwanghaft wunder, wie er daheim mit den Quängeleien seiner Kinder zurechtkommt.

Im Feld der Projektionen
Vielleicht ist das unangemessen und unfair. Aber es ist die Ebene, auf der ich mitzuhalten vermag. Und es hilft mir, Projektionen zurückzunehmen, die auch von mir aus solchen Leuten leichtens zufliegen. Wenn ich jemanden sehe, der mit Qualitäten glänzt, die mir abgehen, neige auch ich dazu, dieser Person viele weitere Vorzüge zuzuschreiben und sie zu einer Art von idealem Menschen zu machen. So einer kann dann nicht bloss andere heilen, sondern auch gleich sich selbst und andere dauerhaft glücklich machen, sie oder er kann hervorragend kochen, organisieren, kommunizieren, lehren, lieben, erziehen, zuhören – was auch immer! Darüber hinaus ist diese Lichtgestalt selbstverständlich die Güte in Person, sie handelt aus reinem Mitgefühl, verliert nie die Geduld und fördert Tag und Nacht das Gute.
Natürlich ist das lächerlich. Einen Menschen, der sämtlichen dieser Ansprüche gerecht würde, gibt es nicht. Ausser in unseren Vorstellungen. Und die sind uns bekanntlich teuer. So sehr, dass wir empört «Skandal!» schreien, wenn einer, den wir mit all diesen Projektionen behängt haben, durch sein Verhalten zeigt, dass er ein Mensch ist und er sich anders verhält, als unsere Vorstellungen es zulassen. Unter solchen Vorzeichen sind Enttäuschungen vorprogrammiert.
Gut so! Denn wo wir ent-täuscht werden, fällt ein Schleier, und es kommt Bewegung in eine zuvor festgefahrene Beziehung. Wir hatten zu wissen gemeint, woran wir beim anderen sind, ohne dessen Lebendigkeit und Menschlichkeit einzubeziehen. Durch die Ent-täuschung werden wir mit diesen verdrängten Anteilen konfrontiert. Nun liegt es an uns, ob wir weiterhin unsere Vorstellungen über die Wirklichkeit stellen, oder ob wir uns für eine reifere Form von Beziehung entscheiden.

Ideale und Erschütterungen
Ganz so einseitig ist die Sache auch wieder nicht. Manch ein Lehrer und Meister ist über die Projektionen seiner Schüler keineswegs erhaben, sondern nimmt sie billigend in Kauf. Von anderen als eine Art Übermensch verehrt zu werden, ist eine tolle Sache. Für das eigene Ego ganz bestimmt. Selbst wenn man sich selber nicht für erhaben hält, ist es doch schmeichelhaft, wenn andere in einem dieses Potenzial erkennen und sie einen dafür auf ein Podest stellen. Der Rolle ist man vielleicht noch nicht ganz gewachsen, doch mit etwas Überzeugungsarbeit nach innen wie nach aussen wird sich das wohl ergeben. Man braucht anderen die eigenen Mängel ja nicht unter die Nase zu reiben, schliesslich geht es doch darum, ein Vorbild zu sein, eine Quelle der Inspiration.
Genau. Bloss dreht sich das Spiel dann nicht mehr in erster Linie um Wahrheit, sondern um das gegenseitige Hochhalten eines Ideals. Ein leiser Wahn macht sich breit, eine süsse Illusion. Wo eben noch der letztgültige Blick hinter die Schleier auf dem Programm stand, bildet sich um den vermeintlich Verwirklichten eine Gruppe, die weiss, wie es geht. Der Skandal um den Satsang-Lehrer Eli Jaxon-Bear und dessen jahrelang geheim gehaltene aussereheliche Liebschaft mit einer Schülerin sorgte für Erschütterungen in einer solchen Gruppe und brachte das Bild vom strahlenden Meisterpaar Eli und Gangaji, das sich zuvor willig als Projektionsfläche angeboten hatte, nachhaltig ins Wanken (siehe SPUREN Nr. 90).
Der amerikanische Psychologe Gary Rosenthal, der diese Problematik als ehemaliger buddhistischer Mönch von innen her kennt, spricht in diesem Zusammenhang von einer allgegenwärtigen «Ich-Inflation», und er beobachtet das Phänomen querbeet: «Inflation scheint eine Berufsgefahr praktisch aller sozialen Rollen zu sein, angefangen von Vätern, die praktisch alles immer besser wissen, über Ärzte mit einem ‘Gotteskomplex’ bis hin zu Filmstars, Politikern, Athleten und Vorarbeitern.» Kein «Beruf» biete uns vielleicht besseren Einblick in dieses Problem als der des spirituellen Lehrers, vermutet Rosenthal in dem von Ken Wilber, Bruce Ecker und Dick Anthony herausgegebenen Buch Meister, Gurus, Menschenfänger (Krüger Verlag, 1995 Frankfurt am Main).
Dazu Gary Rosenthal weiter: «Jesus beanspruchte für sich, der Weg, die Wahrheit und das Licht zu sein; Reverend Sun Myung Moon, der junge Maharaj-ji und Jim Jones haben allesamt von sich behauptet, der neue Christus zu sein. Die derzeitige spirituelle Szene erinnert manchmal an eine Abteilung in einer psychiatrischen Anstalt, in der mehrere Patienten gleichzeitig von sich behaupten, sie seien Napoleon. Einige jener Behauptungen mögen der Wahrheit entsprechen, andere sind eindeutig unzutreffend. Doch wie können wir die Spreu vom Weizen trennen, ohne selbst anmassend zu werden und der Gefahr der Inflation zu verfallen?»

Artikelauszug. Lesen Sie den ganzen Artikel in der gedruckten Ausgabe SPUREN Nr. 92.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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