Immer nach Hause
Egal, wohin wir reisen – Ankunft ist immer bei sich selbst.
Von Claude Jaermann
Benommen. Es ist das einzige Wort, das mir in den getrübten Sinn kommt. Ja, ich bin benommen. Nicht ganz da, wo ich jetzt gerade bin. Physisch sitze ich an einem einsamen Sandstrand und blicke in die untergehende Sonne, bis mir die Augen übergehen. Mein Verstand signalisiert zwar, dass die Sonne nicht untergehen kann, sondern die Erde sich einfach gleichmässig um die eigene Achse dreht. Er signalisiert mir weiter, dass ich eigentlich gar nicht ganz da bin. Ich funktioniere zwar bestens. Die Koordination ist adäquat, die normalen Tagesabläufe von Morgenstuhl bis Abendmahl lassen mich im Glauben, es sei ein Tag wie jeder andere. Und dennoch machen sich Symptome breit, die mich energetisch in die Steinzeit zu katapultieren scheinen: leichte geistige Vewirrtheit, die oben erwähnte Benommenheit und ein Nebel um mich herum. Keine Drogen – weder legale noch körpereigene – sind da im Spiel. Das einzige, was ich für die Erreichung dieses verwirrenden Zustands getan habe, ist eine Reise um die halbe Welt.
Ich kann Michel de Montaigne sehr gut verstehen, wenn er in seinen Reisetagebüchern beschreibt, wie unsinnig es doch sei, durch Länder zu hetzen und dabei eigentlich nichts von Land und Leuten zu erfahren. Der französische Essayist bereiste Deutschland und die Schweiz in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Zu Pferd, notabene. Ich benutzte das geflügelte Pferd, das mich in knapp einem Tag auf die entgegengesetzte Seite der Erde brachte. Ich weiss zwar jetzt, dass man dort nicht ab der Kugel fallen kann, fühle mich gleichzeitig aber so was von neben den Schuhen.
Die Seele ist halt noch unterwegs, meldet sich mein esoterisch-infisziertes Hirni. Sie kann mit meiner Art des Reisens einfach nicht mithalten. Ich stelle mir also leicht getrübt meine Seele vor, die irgendwo im Ozean schwimmt, an fernen Gestaden selig wird oder auf der Milchstrasse herumlungert, während ich hier halbherzig und unselig über den Sinn des Reisens philosophiere. Doch stimmt das wirklich, dass die Seele bei einer zu schnellen Fortbewegungsart auf der Strecke bleibt? Gibt es dazu irgendwelche halbwegs wissenschaftlichen Untersuchungen?
Seelische Höchstgeschwindigkeit
Ein Radiologe, der schon in viele Hirne geschaut hat, behauptet, die Seele soll sich mit 80 km/h bewegen. Wie er auf diese Zahl gekommen ist und wohin sie sich denn bewegt, verrät der Mann uns leider nicht. Verlassen soll sie uns nach dem Tode in Lichtgeschwindigkeit, versichern uns Quantenphysiker glaubhaft. Und der Deutsche Sebastian Woitsch Zweifel, der mit dem Velo von Kairo nach Südafrika geradelt ist, wählte diese Reiseart, weil so die Seele Schritt halten kann.
Ich weiss nicht, wie schnell sich meine Seele bewegen kann. Was ich weiss ist, dass die einzige natürliche und für mein ganzes Wesen gesunde Art der Fortbewegung das Gehen ist. Dabei kann alles im wahrsten Sinne des Wortes Schritt halten, und mein Körper hat eine Strecke wirklich zurückgelegt. Nicht überflogen oder überfahren. Ich setze einen Fuss vor den anderen und weiss und spüre, was unter mir liegt. Jeder Stein und jede Blume schärfen meine Wahrnehmung, zeigen sich bei jeder Bewegung von einer neuen, noch nie gesehenen Seite. Ich spüre meinen ganzen Körper. Mein pochendes Herz ebenso, wie mein schmerzendes linkes Knie. Mein Geist ist klar und präsent, und in jedem Augenblick empfange ich Informationen aus der Natur – Wind, Wärme, Düfte –, die ich mit meinem gesamten Wesen erfassen kann. Wo ich hingehe, spielt dann keine Rolle mehr. Oder um es mit Worten von Novalis zu umschreiben: «Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause!»
